Uraufführung an der Staatsoper Hamburg Walter Benjamin für die Opernbühne adaptiert

Von Ralf Döring

Geistesgiganten unter sich: Tigran Martirossian, Marta Swiderska, Dietrich Henschel, Andreas Conrad, Dorottya Láng,  Lini Gong und Günter Schaupp verhandeln Aspekte aus Leben und Denken Walter Benjamins. Foto: Bernd UhligGeistesgiganten unter sich: Tigran Martirossian, Marta Swiderska, Dietrich Henschel, Andreas Conrad, Dorottya Láng, Lini Gong und Günter Schaupp verhandeln Aspekte aus Leben und Denken Walter Benjamins. Foto: Bernd Uhlig

Hamburg. Uraufführung an der Staatsoper Hamburg: Dort haben Peter Ruzicka (Musik) und Yona Kim (Libretto) eine Oper über Walter Benjamin auf die Bühne gebracht. Und weil die beiden auch die musikalische Leitung und die Regie in Händen haben, hat sich der Abend zu einem gelungenen Ganzen geformt.

Leicht machen es einem Yona Kim und Peter Ruzicka weiß Gott nicht. Aber das liegt in der Natur der Sache: Walter Benjamin verlangt schon als Philosoph, Autor, Mensch große Hingabe, um in seine Gedankenwelt hineinzufinden. Kim und Ruzicka haben daraus einen Opernstoff – ja, was? Destilliert? Kompiliert? Dekonstruiert? Auf jeden Fall ist eine ebenso spannende wie verrätselte Oper daraus geworden, die nun an der Staatsoper in Hamburg herausgekommen ist. Der Titel: Klar, „Benjamin“.

Operntrilogie „Celan“ - „Hölderlin“ - „Benjamin“

Klar ist das, weil Ruzicka schon die beiden Musiktheater-Vorgänger so knapp betitelt hat: „Celan“ und „Hölderlin“. Mit „Benjamin“ rundet sich das Opernschaffen also zu Trilogie, und wenn er dabei im fünften von sieben „Stationen“ auf einen Entwurf aus „Celan“ zurückgreift und ihn „überschreibt“, wie es im Libretto heißt, verbirgt sich dahinter die Absicht, Zusammenhänge zu stiften, die über das einzelne Werk und die einzelne Figur hinausreichen. Weiterlesen: Ruzickas „Celan“ am Theater Bremen

Dabei gelingt es Ruzicka, den Zuschauer durch seine Komposition an die Hand zu nehmen – die klangliche Umsetzung besorgt er am Pult des fabelhaft spielenden Philharmonischen Staatsorchesters selbst. Es gibt dabei viel satten Orchesterklang zu hören, denn so, wie Walter Benjamin dem 19. Jahrhundert entstammt, knüpft die Musik beim spätromantischen Klangrepertoire an. Sonore einstimmige Streicher verleihen der Partitur einen elegischen Grundton, und vor der traditionellen harmonisch-tonalen Fortschreitung scheut Ruzicka so wenig zurück wie vorm Motiv mit Wiedererkennungswert. Doch die Tradition nimmt er unter Beschuss: Schneidend scharfe Cluster, brutale Akkorde, die mit der Wucht eines Hammers vor den Kopf stoßen, das klingende Arsenal der zeitgenössischen Musik, verleihen nicht nur dem Schrecken Töne, der Benjamins Leben durchzogen hat. Sie erzeugen durch ihre Gegensätzlichkeit auch ein Spannungsfeld – als würde Ruzickas Musik einem dialektischen Prinzip folgen.

Durch einen flexiblen Einheitsraum, der sich von der Bahnhofshalle zur Bibliothek zur Straßenszene verwandelt (Bühne: Heike Scheele) schickt Yona Kim ihr Personal – sie verantwortet in Doppelfunktion als Librettisten und Regisseurin den Abend. Dabei stehen Personen für Konstellationen: Bertolt B. (mit fulminantem Tenor: Andreas Conrad), Gershom S. (Tigran Martirossian), Dora K. (Marta Swiderska) Hannah A. (Dorottya Láng) symbolisieren Aspekte im Leben und Denken Benjamins vom Judentum über Kommunismus bis zum Familienleben und zur Flucht. In enger Beziehung steht die Benjamin-Figur zu Asja L., die Lini Gong mit fantastischen Koloraturen und Spitzentönen ausstattet. Und Walter B., die Titelfigur, singt Dietrich Henschel mit beeindruckender Intensität, während Günter Schaupp das sprechende Alter ego und den Diskurspartner darstellt . Eher so mittel: Die Uraufführung von „Stilles Meer“

Figuren wie aus dem echten Leben

Die sieben Stationen der Oper erzählen nun keine Künstlerbiografie, sondern greifen Momente und Gedanken heraus – als Andeutung, Spiel mit Assoziationen, Anregung. Ungewöhnlich konkret sind hingegen die Figuren, die Yona Kim routiniert über die Bühne führt: Brecht, Arend, Sholem und natürlich die beiden Benjamins selbst erscheinen einem beinahe wie naturgetreue Kopien ihrer Vorlagen aus dem echten Leben. Das gilt auch für die Ausgangssituation: Yona Kim verortet das Stück im Umfeld von Verfolgung und Nazidiktatur – die Kofferbatterie, die sich in der zweiten Station an der Bühnenrampe aufreiht, könnte auf dem Weg in die Freiheit oder in die Baracken von Auschwitz sein.

Verfolgung, Angst, Flucht: All das thematisiert „Benjamin“ auf beeindruckende Weise. Dazu wird durchweg superb gesungen, auch der Chor (Einstudierung: Eberhard Friedrich) überzeugt durch seinen Klangreichtum und die Präzision bei der Ausführung komplexer Klangstrukturen. So wird „Benjamin“ zu einem inspirierten und vor allem: zu einem sinnlichen Opernerlebnis – sicher die wertvollste Uraufführung in der Ära Delnon/Nagano an der Staatsoper Hamburg. Das zeigt auch der Applaus am Ende.


Weitere Vorstellungen: 16. Juni sowie 14. und 19. Oktober. Kartentelefon: 040/ 356 868

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