Zonen der Dringlichkeit 10. Berlin Biennale zeigt globalisierungskritische Kunst

Von Nicole Büsing und Heiko Klaas

Eine Metapher für den desolaten Zustand unseres Planeten? Die Installation von Dineo Seshee Bopape im KW Institute for Contemporary Art. Foto: Heiko KlaasEine Metapher für den desolaten Zustand unseres Planeten? Die Installation von Dineo Seshee Bopape im KW Institute for Contemporary Art. Foto: Heiko Klaas

Berlin Narrativ und sinnlich: Die 10. Berlin Biennale legt ihre Finger in die offenen Wunden dieser Welt – ohne oberlehrerhaft zu sein.

Der Hauptausstellungsraum des KW Institute for Contemporary Art, ehemals Kunst-Werke, in der Berliner Auguststraße ist komplett in orangefarbenes Licht getaucht. Auf dem Boden liegen zerbrochene Betonsäulen, daneben Arrangements aus zerbröselnden Backsteinen, Plastikwannen und Bottiche, in die von der Decke Wasser tropft, diverse Videomonitore, und über allem schwebt eine prekäre Discokugel aus Wellpappe, die mit Bauschaum und Klebeband notdürftig zusammengehalten wird. Eine Metapher für den Zustand unseres Planeten? Die zentrale Ausstellungshalle der 10. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst wirkt wie ein dystopischer Ort: wie Haiti nach dem großen Erdbeben, Ruanda während des Völkermordes oder eine Favela in Rio nach einem größeren Polizeieinsatz.

Die 1981 geborene südafrikanische Künstlerin Dineo Seshee Bopape hat ihre begehbare Installation „Untitled (Of Occult Instability)[Feelings]“ gemeinsam mit drei befreundeten Künstlerinnen und Künstlern realisiert. Den berührenden Sound dazu liefert Nina Simones Song „Feelings“ als Live-Mitschnitt vom Jazzfestival Montreux 1976. Starke Frauen wie Nina Simone, Grace Jones und nicht zuletzt Tina Turner formen eine Art programmatischen Überbau der von der Südafrikanerin Gabi Ngcobo kuratierten Großausstellung, deren widerständiges Motto „We don’t need another Hero“ einem Song Tina Turners aus dem Jahr 1985 entlehnt ist.

Neben den KW dienen auch die Akademie der Künste, das ZK/U Zentrum für Kunst und Urbanistik und der Pavillon der Volksbühne sowie das HAU2 als Ausstellungsorte. Gabi Ngcobo steht zudem ein internationales Team von vier Co-Kuratoren und Kuratorinnen zur Seite, dessen Mitglieder beste Verbindungen zu den Kunstszenen in diversen afrikanischen und lateinamerikanischen Ländern haben. Es geht um Dringlichkeit, Protest, das Überwinden von Hierarchien und Machtstrukturen, die Infragestellung patriarchaler und postkolonialer Verhältnisse und überhaupt das Rütteln an überkommenen Gewissheiten. Stand bei der vom New Yorker Künstlerkollektiv DIS kuratierten Vorgängerveranstaltung im Jahr 2016 noch ganz die Faszination junger Künstler für die hypervernetzte High-Tech-Welt der Digital-Natives im Vordergrund des Interesses, so wendet sich die diesjährige Biennale bewusst wieder von rein ästhetischen Fragestellungen ab, um ihre Finger in die offenen Wunden unserer aufgewühlten Gegenwart zu legen.

Bestes Beispiel dafür: die Videoarbeit „Again/Noch einmal“, in der der 1981 in Dresden geborene Berliner Künstler Mario Pfeifer einen Vorfall in einem Supermarkt im sächsischen Arnsdorf rekonstruiert, in dessen Verlauf ein junger Flüchtling von einer aufgebrachten Bürgerwehr misshandelt und an einen Baum gefesselt wurde. Die Täter wurden nie verurteilt. Das Opfer wurde kurz vor Prozessbeginn erfroren in einem Wald aufgefunden. Anhand zahlreicher Gespräche mit Augenzeugen und einer Re-Inszenierung der Ereignisse mit Schauspielern stellt Pfeifer gern verdrängte Fragen nach ausländerfeindlichen Stereotypen, speziell im ostdeutschen Kontext.

Insgesamt 47 Teilnehmer, darunter viele mit außereuropäischen Wurzeln, verzeichnet diese Biennale. Spannend ist die Tatsache, dass fast alle davon im westlichen Kontext bisher eher unbekannt sind. Politische und globalisierungskritische Kunst dominiert zwar. Doch anders als auf der Documenta 14 kleidet sich das Politische in Berlin in vielfach sehr sinnliche, erzählerisch aufbereitete Werke, die den Betrachter nicht mit einer Oberlehrer-Attitüde bevormunden, sondern ihn zum Beteiligten werden lassen. Von postkolonialer Larmoyanz ist angesichts der vielfach humorvoll und ironisch daherkommenden Gemälde, Zeichnungen, Videoarbeiten, Installationen und Aktionen wenig zu spüren. Die nigerianisch-amerikanische Schriftstellerin und Choreografin Okwui Okpokwasili etwa lädt in ihrer performativen Arbeit „Sitting on a Man’s Head“ dazu ein, unter der Anleitung professioneller Tänzer traditionelle Protesttänze der Frauen in Ost-Nigeria einzuüben.