Kommentar: „Schuldfabrik“ Ein Ort der Selbstbefragung

Von Christine Adam

Fettabsaugung live: Darsteller und Zuschauer treffen in der Praxis einer Schönheitschirurgin während der Generalprobe der Theaterperformance „Schuldfarbik“ aufeinander. Foto: Moritz Küstner/Theaterformen 2018/dpaFettabsaugung live: Darsteller und Zuschauer treffen in der Praxis einer Schönheitschirurgin während der Generalprobe der Theaterperformance „Schuldfarbik“ aufeinander. Foto: Moritz Küstner/Theaterformen 2018/dpa

Osnabrück. So pervers wie die „Schuldfabrik“ beim Festival „Theaterformen“ auf den ersten Blick auch erscheinen mag, sie ist ein wertvoller, weil ungemütlicher Ort der Selbstbefragung und des Augenöffnens – ein Kommentar.

Ganz reinwaschen wird sich wohl niemand können, der sich in den abgründigen Braunschweiger Seifenladen von Künstler Julian Hetzel begibt. Auch wenn am Ende der gute Zweck steht, die Finanzierungshilfe für einen Brunnenbau in Afrika, so heiligt er doch nicht die Mittel. Bei der aus Körperfett gewonnenen Seife müssen sich eigentlich die Haare sträuben in Respekt vor jenen KZ-Gefangenen, deren Körper zu Seife verarbeitet wurden. Eher Scham- als Schuldgefühle dürfte ein anderer Aspekt der hochkomplexen Installation auslösen: Wir schicken den von Hunger und Armut gebeutelten Regionen Afrikas Geld, das mit unserem Wohlstandsspeck gewonnen wurde – was für ein Zynismus.

So pervers wie die „Schuldfabrik“ beim Festival „Theaterformen“ auf den ersten Blick auch erscheinen mag, sie ist ein wertvoller, weil ungemütlicher Ort der Selbstbefragung und des Augenöffnens. Inwieweit kann mich die gute Tat von der Schuld auf dem Weg dahin freisprechen? Ist für viele Hilfsprojekte dieser Erde nicht ähnlich fragwürdig Geld aufgetrieben worden? Theaterleute wissen: Das Erlebnis am eigenen Leibe sensibilisiert bei Weitem mehr als jedes andere Aufklärungsformat.