Späte Einsichten Julian Barnes-Verfilmung "Vom Ende einer Geschichte"

Von Tobias Sunderdiek

Wiedersehen nach vielen Jahren: Veronica (Charlotte Rampling) und Tony (Jim Broadbent)Wiedersehen nach vielen Jahren: Veronica (Charlotte Rampling) und Tony (Jim Broadbent)

Osnabrück. Nach einem Roman von Julian Barnes entstanden, ist die Verfilmung von "Vom Ende einer Geschichte" ein schönes Melodram.

Was bleibt am Ende eines Lebens? Sind wir Menschen die Summe unserer Erfahrungen, unserer Gefühle? Und was ist mit den Konsequenzen, die unser Handeln auslöste – ob unbeabsichtigt oder nicht?

Das sind nur einige Fragen, denen sich der Londoner „upper middle class“-Rentner Tony Webster (brillant: Jim Broadbent) plötzlich stellen muss. Ein Brief reißt ihn unerwartet aus seiner beschaulichen Existenz.

In dem Schreiben kündigt ihm eine Rechtsanwältin ein Erbe an. Darunter befindet sich auch das Tagebuch seines früh verstorbenen Schulfreundes Adrian (Joe Alwyn). Dies jedoch hält Veronica, Tonys erste Liebe, zurück. Sie verließ Tony einst zugunsten von Adrian.

Als Tony daraufhin versucht, Veronica (Charlotte Rampling) ausfindig zu machen, damit er das Tagebuch erhält, muss er Schreckliches feststellen. Eine von ihm begangene, beinah gänzlich vergessene Handlung in der der Vergangenheit hatte schreckliche Folgen. Nicht nur für Veronica, sondern auch für deren Mutter (Emily Mortimer).

Entstanden nach einem Roman des Booker Man-Preisträgers Julian Barnes, fährt der Film dramaturgisch zweigleisig. Einerseits entfaltet er die geheimnisvolle Vergangenheit Tonys, ist dabei spannend wie ein Krimi. Auch weil er immer wieder Hinweise streut, um schließlich umso wirkungsvoller mit etwas völlig Unerwarteten aufzuwarten.

Andererseits erzählt eine Parallelhandlung, wie Tony gezwungen ist, seine Beziehung zu seiner schwangeren Tochter (Michelle Dockery) und seiner Ex-Frau (Harriet Walker) auf eine neue Basis stellen muss, will er nicht länger das „unnütze Mitglied“ der Familie sein.

Routiniert und stilsicher spielt Regisseur Ritesh Batraa bei seinem zweiten Spielfilm nach „Lunchbox“ (2013) dabei auf der wohltemperierten Klaviatur des gediegenen Melodrams. Er weiß genau, wie und wann er welche Hebel zu drücken hat, weiß aber auch zu überraschen.

So verwendet er zum Beispiel immer wieder Rückblenden, die er zum Teil einstellungsgleich wiederholt. Nur ersetzt er dann den jugendlichen Tony (Billy Howle) durch den gealterten. Lediglich die Umgebung und Zeit der 1960er bleiben dabei gleich. Eine dramaturgisch starke, schöne visuelle Metapher für die neuerliche Betrachtung der eigenen Vergangenheit.

Dabei lebt „Vom Ende einer Geschichte“ auch von seinen seinen grandiosen Schauspielern. Vor allem Jim Broadbent begeistert. Der Veteran des britischen Kinos verkörpert hier perfekt einen „Grummler“. Einen Mann also, der abgeschlossen in seiner eigenen Welt zu leben scheint, den freundlichen Briefträger geflissentlich missachtet oder schon mal ein lautes Kind in einem Restaurant zusammenstaucht.

Am Ende, soviel sei verraten, wiederholen sich gewisse Momente. Nur hat Tony sich nun vollends geändert. Es ist also auch ein Film über Menschwerdung eines „Miesepeters“ (so einmal seine Tochter). Und dafür ist es anscheinend nie zu spät.


„Vom Ende einer Geschichte“. GB 2017. R.: Ritesh Batraa. D.: Jim Broadbent, Harriet Walker, Michelle Dockery, Charlotte Rampling, Emily Mortimer. 108 Minuten. FSK: ab 0.

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