Auf der Suche nach dem Ich Andreas Maier legt den sechsten Teil seines Zyklus „Ortsumgehung“ vor

Von Karsten Herrmann

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Andreas Maier 
              
                Foto: dpaAndreas Maier Foto: dpa

Berlin Als Lebenswerk hat sich der 50-jährige Andreas Maier seinem elfteiligen autobiografischen Romanzyklus „Ortsumgehung“ verschrieben. Es ist, wie er einmal sagte, „der Versuch einer Rekonstruktion dessen, warum ich so bin, wie ich bin“. Im sechsten Teil kommt sein Alter ego in den 1980er Jahren nun aus der Provinz der Wetterau nach Frankfurt, um dort Philosophie und Germanistik zu studieren.

Wer jetzt einen Roman über das wilde Studentenleben und das inspirierende Geistesleben der Universität, an der zu dieser Zeit auch Jürgen Habermas und Karl-Otto Apel lehren, erwartet, der wird zunächst einmal enttäuscht. Vielmehr steht der Ich-Erzähler im ständigen Selbst-Dialog mit „einem Meta-Ebenen-Kuckuck“ und kreiselt um ein Ich, das er als Leerstelle empfindet: „Ich, das ist der Mittelteil des Wortes Nichts.“ Unmotiviert taumelt er durch sein Leben, das zunehmend auch noch durch Magenkrämpfe belastet ist, die wiederum nur durch immer früheres Biertrinken zu bekämpfen sind. Der junge Mann träumt davon, dass seine Existenz einmal „in den Worten aufgehoben sein würde“, bringt aber nicht viel mehr als billige Thomas Mann-Plagiate hervor. Er trinkt und trinkt, liegt wie Oblomow einst auf seinem Diwan in seinem kargen Studentenzimmer auf der Matratze und verliert sich in Träumen und Erinnerungen: „Ich verlor das Gefühl für Zeit.“

In konkreteren Realitätssplittern erfahren wir von seiner verflossenen Liebe zu einer Buchhändlerin und wie er bei einer Zimmerbesichtigung unter einer Matratze in einem Erotikmagazin seine alte Freundin Katja Melchior entdeckt. Nur gestreift werden in seinen Aufzeichnungen die Frankfurter „Suhrkampkultur“ und die verblüffende mimetische Verwandlung seiner Kommilitonen in „Apelianer“ und „Habermasianer“. In zwei der wenigen längeren Erzählstrecken berichtet der Ich-Erzähler gegen Ende schließlich von einem verblüffenden Pflegejob bei Adornos Witwe und von einer profanen Autofahrt durch Frankfurt auf die A5, die ihm endlich ein Gefühl von „Gegenwärtigkeit“, von „Hier und Jetzt“ vermittelt. Ansonsten hat er sich damit abgefunden, „nur noch aus mehr oder minder unverbundenen, nebeneinander existierenden Personen zu bestehen.“

Der in einer eleganten, zeitentrückten und mit leiser Ironie gespickten Prosa geschriebene autobiografische Romanzyklus von Andreas Maier kann als Gegenprogramm zu Karl Ove Knausgards Monumental-Autobiografie betrachtet werden, in die jedes noch so winzige Alltagsdetail Einzug gefunden hat. Maiers Schreiben dagegen ist radikal reduziert und reflektiert, fragmentarisch und nur assoziativ verbunden. Und dennoch gelingt es ihm geradezu magisch, den Leser hinein in (s)eine Welt zu ziehen, die keinen festen Boden unter den Füßen mehr bietet und in der man nur noch punktuell Sinn und Gegenwärtigkeit empfinden kann.


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