Dissident fordert Einsatz für Rechte Autor Liao Yiwu: China eine Erziehungsdiktatur

Von Dr. Stefan Lüddemann


Osnabrück. Schriftsteller Liao Yiwu attestiert dem Westen im Umgang mit Chinas Machthaber Xi Jinping eine „Bankrotterklärung“. Mit Rücksicht auf wirtschaftliche Interessen würden Fragen der Menschenrechte nicht angesprochen, beklagt Yiwu im Interview. Der Autor wurde 2012 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet.

Der Westen betrachtet China vor allem als Wirtschaftsmacht und kommenden Global Player. Von Menschenrechten ist nur noch selten die Rede. Wie sehen Sie die aktuelle Lage in Ihrem Heimatland?

Xi Jinping hat sich zum neuen Kaiser von China gemacht und in diesem Jahr seinen Thron bestiegen und nun erwartet er, dass man ihm in der ganzen Welt als solchem huldigt und ihn wohlwollend anerkennt. Und tatsächlich erfüllen ihm im Westen sehr viele diesen Wunsch, vor allem aus Politik und Wirtschaft - weil sie glauben, auf Chinas Geld angewiesen zu sein. Des Geldes wegen machen sie einem Diktator Zugeständnisse, schließen faule Kompromisse und vermeiden es, Menschenrechtsfragen anzusprechen. Dieses Verhalten ist nicht nur eine Schande für jede Demokratie, es ist eine Bankrotterklärung. Was die aktuelle Lage in meinem Heimatland betrifft, so genügt ein Blick in meine Reportagen vom unteren Rand der chinesischen Gesellschaft , wie Fräulein Hallo und der Bauernkaiser. Die bestmögliche Antwort habe ich in meiner Rede zur Verleihung des Friedenspreises schon gegeben: „Dieses Imperium muss auseinanderbrechen.“

China will künftig seine Bürger mit einem Punktsystem benoten. Ist das Riesenland auf dem Weg zur Erziehungsdiktatur?

Wir kennen dieses System bereits aus George Orwells „1984“, nur dass heute die chinesische Diktatur das Internet nutzt, um die Privatsphäre jedes einzelnen Bürgers auszuspionieren und zu verletzen. Eine übermächtige Internetpolizei garantiert die Aufrechterhaltung dieses Systems. Jetzt ist nicht nur der tatsächliche Widerstand gefährlich, sondern allein der Gedanke an den Widerstand. Die Erziehungsdiktatur ist längst da.

Sie haben den Weg ins Exil angetreten. Andere chinesische Autoren sind im Land geblieben. Ist ein freies Schreiben und Publizieren in China überhaupt möglich?

Zunächst einmal: Natürlich gibt es freies Schreiben, das Schreiben im Untergrund. So habe ich es ja auch gemacht. Ich wusste von vornherein, dass ich meinen in China geschriebenen Gefängnisbericht Für ein Lied und hundert Lieder dort wohl nie würde veröffentlichen können. Doch man kann es versuchen: Unter Pseudonym veröffentlichen, sich nicht um die Gesetze scheren und eigene Wege zum Druck und zur Verbreitung unzensierter Inhalte finden. Natürlich bleibt das nicht unentdeckt, denn jede Aktivität wird von der Geheimpolizei überwacht, man begibt sich ins Exil im eigenen Land. In den 1990er Jahren habe ich auf diese Weise eine Untergrundzeitschrift mit dem Titel „Intellektuelle“ publiziert. Der dritte Weg ist, mithilfe bestimmter Software die Firewall des Staats zu überwinden und in den Dissidenten-Netzwerken im Ausland zu veröffentlichen - das heißt dann in der Regel, dass es keinerlei Honorar gibt. Und dass man vielleicht eines Nachts ohne Vorwarnung festgenommen wird ... Ich bin all diese Wege gegangen. Mein Credo, das ich schon oft wiederholt habe: Wer ein guter chinesischer Schriftsteller ist, muss im Gefängnis gesessen haben, geschieden worden sein und aus dem chinesischen Schriftstellerverband und anderen offiziellen Organisationen ausgeschlossen worden sein.

Wie stehen Sie zu anderen chinesischen Künstlern, die im Ausland arbeiten, zum Beispiel zu Ai Weiwei? Gibt es einen Austausch oder gemeinsame Aktionen?

Ich stehe mit einigen chinesischen Exilschriftstellern und Exilkünstlern in regem Austausch. Doch mit dem ehemaligen Dissidenten Ai Weiwei möchte ich nichts zu tun haben. Er ist heute alles andere als ein Rebell und schon gar kein Dissident, er kann frei nach China ein- und wieder ausreisen und gehört jetzt zur Elite der chinesischen Milliardäre. 2016 übergab ihm der chinesische Botschafter in Berlin persönlich seinen neuen Reisepass - zum Dank dafür hat er im Sommer 2017 im chinesischen Twitter-Netzwerk den von der Regierung ermordeten Widerstandskämpfer und Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo geschmäht. Als dann Ende 2017 das britische Nationalarchiv bislang geheim gehaltene Dokumente veröffentlichte, nach denen das Massaker vom 4. Juni 1989 auf dem Tiananmen-Platz mehr als 10.000 Opfer gefordert hat, veröffentlichte Ai Weiwei prompt eine polemische Stellungnahme mit dem Wortlaut „Das waren nicht mehr als 500 (...) ist es {das Massaker} etwa in London passiert?“ Damit schließt er sich den Lügen der chinesischen Regierung an.

In Ihrem ersten Roman „Die Wiedergeburt der Ameisen“ schreiben Sie von Haft und Verfolgung, der Text entstand im Gefängnis. Was unterscheidet den Roman von Ihren dokumentarischen Büchern?

Ja, ich habe diesen Roman 1992 heimlich während meiner Haft im Gefängnis begonnen, auch wenn er nicht nur von Haft und Gefängnis handelt. Ich habe viele Jahre daran gearbeitet, bis ich ihn schließlich in Deutschland vollendet habe. Natürlich ist das etwas anderes als meine Reportagen, es ist ein fiktionales Werk. Den Unterschied werden Sie beim Lesen ganz leicht feststellen.

Man hat Ihnen vorgeworfen, Ihre Erlebnisse im Gefängnis zum Teil erfunden zu haben. Was sagen Sie zu solchen Vorwürfen?

Derjenige, von dem dieser Vorwurf stammt, saß nie in einem chinesischen Gefängnis, aber er war schon oft in China, hat als Professor an chinesischen Universitäten gelehrt und wurde, wie viele westliche Besucher, von der Partei freundlich und großzügig empfangen. Solange man nicht über Menschenrechte und Politik redet, stehen Ruhm und Ehre nichts im Weg. Mein düsteres Untergrundchina hat mit seinem aufstrebenden China der Oberfläche natürlich nichts gemein. Ihm wurden noch nie von einem Gefängnisaufseher ein elektrischer Schlagstock in den Arsch gerammt. Da es das für ihn nicht gibt hält er den elektrischen Schlagstock in meinem Arsch für eine „Erfindung“.

Ist es möglich, China und den Chinesen mit Büchern die Freiheit zu bringen? Was kann Literatur leisten?

Literatur ist eine Art Selbstheilungsprozess. Sollte die chinesische Diktatur eines Tages zusammenbrechen, werden meine Werke von ihrem Bann befreit und die chinesischen Leser, vor allem die Leser aus dem, wie ich hoffe, bis dahin unabhängigen Staat Sichuan, können in meiner Literatur eine Art Rezept zur inneren Befreiung finden. Das wäre die schönste Auszeichnung für einen Schriftsteller, der eine Menge mitgemacht hat.

Sie leben seit mehreren Jahren in Berlin, in einer anderen kulturellen und sprachlichen Umgebung. Welchen Einfluss hat diese Konstellation auf Ihre nächsten Projekte?

Im Grunde hat das keinen Einfluss auf mein Schreiben. In Abwandlung des bekannten Thomas Mann-Zitats würde ich sagen: Wo ich bin, ist chinesische Literatur. Ich lebe nun seit sieben Jahren im Exil, habe im S. Fischer-Verlag sieben Bücher veröffentlicht, außerdem eine Tonaufnahme und einen Gedichtband, bin weltweit in etwa zwanzig Sprachen übersetzt worden. Das Schreiben ist mein Akt des Widerstands gegen Diktatur, es ist meine Art, meiner inneren Freiheit Ausdruck zu verleihen. Ich werde weiter schreiben bis ich alt und grau bin. Ich habe mir schon einen Friedhof in Deutschland ausgesucht, auf dem ich begraben werden möchte. In meinem letzten Buch Drei wertlose Visa und ein toter Reisepass - meine lange Flucht aus China habe ich geschrieben: Tote brauchen keine Sprache. Was immer ich auch sage, schreibe, singe - es findet bei ihnen Widerhall.

Ein Mönch hat Ihnen gezeigt, wie man die Flöte spielt. Wie hat das Flötenspiel Ihr Leben verändert?

Die Welt ist ein großes Gefängnis. Wer keine innere Freiheit hat, wird niemals frei werden. Das ist es, was mich dieser alte Mönch gelehrt hat. Wenn ich Flöte spiele, lasse ich die Vergangenheit Revue passieren und merke, wie sehr ich mich verändert habe. Ich hoffe sehr, dass mein Freund Liu Xiaobo im Himmel sehen kann, wie anders ich heute bin. Dass er sieht, wie sehr ich mich für seine Witwe Liu Xia einsetze. Ich weiß, dass ich das tun muss, denn würde ich zulassen, dass sie in China zugrunde geht und stirbt, würde ich das für immer bereuen und mir Vorwürfe machen, all die Freiheit, die ich gewonnen habe, wäre augenblicklich verloren. Was ich sagen will: Um für die Würde und die Freiheit anderer kämpfen zu können, musste ich erst meine eigene Würde und Freiheit gewinnen.


Der Schriftsteller Liao Yiwu

Der chinesische Schriftsteller Liao Yiwu geriet wegen kritischer Gedichte zum Massaker 1989 auf dem Tiananmen-Platz ins Visier der chinesischen Obrigkeit. Liao Yiwu kam in Haft, durfte 2010 nach Deutschland ausreisen. 2012 wurde dem Autor der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen. Zuletzt erschien sein Roman „Die Wiedergeburt der Ameisen“. lü