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Intellektuelle Landkarte Von den Spektralfarben der „edition“ bis zum Grau der Theorie: Was ist eigentlich die viel beschworene „Suhrkamp-Kultur“?

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Osnabrück. War das nicht die blanke Vermessenheit? Immerhin Bundespräsident Joachim Gauck sollte nach den Vorstellungen des Romanciers Adolf Muschg im Streit um den Suhrkamp-Verlag vermitteln. Auch wenn der Zwist zwischen Ulla Unseld-Berkéwicz und Hans Barlach so verbissen wie ein Grabenkrieg geführt wird – geht es nicht ganz einfach um einen Wirtschaftsbetrieb? Ja und nein. Denn der Name dieses Verlages steht als Synonym für die intellektuelle Landkarte der Bundesrepublik Deutschland, präziser gesagt des alten Westdeutschland.

Das Wort von der „Suhrkamp-Kultur“ prägte der Kulturkritiker George Steiner 1973. Er brachte damit auf den Begriff, was die Generationen zwischen Literaturnobelpreisträger Hermann Hesse und Soziologie-Star Niklas Luhmann zu einem dichten Netz der Texte und Theorien verwoben und das heute als kollektiv errichtetes Gesamtkunstwerk zu bestaunen ist: eine Verlagsgeschichte als intellektuelle Biografie einer Gesellschaft , ein Bücherprogramm als Who’s Who einer nahezu lückenlosen Geisteskartografie. Suhrkamp: Das Wort bezeichnet ökonomisches Potenzial, aber vor allem symbolisches Kapital.

Anders, als es der Soziologie Pierre Bourdieu – seine Werke erschienen natürlich auch bei Suhrkamp – gesehen hat, erfüllt sich das symbolische Suhrkamp-Kapital allerdings nicht in steifem Habitus. Dieses Kapital pulsiert als Umlaufenergie. Es lebt in intellektuellen Kraftströmen. Kein Wunder, dass die von Willy Fleckhaus gestalteten Einbände der 1963 gestarteten und bislang auf fast 2500 Bände angewachsenen „edition suhrkamp“ in allen Spektralfarben des Lichts erstrahlen. Mit Suhrkamp verbindet sich die zweite Aufklärung des geistigen Neuaufbruchs nach der geistigen und moralischen Dunkelheit der Nazi-Zeit. Als erster Band der „edition“ erschien Bertolt Brechts „Leben des Galilei“, ein Stück über Hoffnungen und Nöte der Aufklärer. Was für ein fulminantes programmatisches Statement.

Gegen so viel kunterbunte Flower-Power-Fröhlichkeit setzte sich „stw“, Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, schon farblich ab – mit dem einheitlich ernsten Anthrazit der Theorie. Dieses Geistesportfolio dokumentiert mit Philosophen und Kulturtheoretikern von Walter Benjamin über Theodor W. Adorno bis Jürgen Habermas den emanzipativen Fortschrittsgang der Frankfurter Schule ebenso wie deren Antipoden von Bourdieu bis zur Systemtheorie Luhmanns. stw-Bände haben nicht einfach Leser, sondern Textdurcharbeiter, die ihren Lektüreprozess mit Bleistiftanstreichungen dokumentieren.

Suhrkamp-Kultur beeindruckt heute als Dokument beispielloser Geistesanstrengung als intellektueller Wiederaufbauleistung. Zugleich markiert das Stichwort rigiden Qualitätsanspruch und den mit ihm verbundenen Autoritätsgestus. Aber steht nicht gerade diese Formation spätestens seit dem Mauerfall und erst recht mit dem digitalen Medienwandel zur Disposition? Suhrkamp-Kultur bezeichnet die mentale Struktur des alten Westdeutschland, sie steht für ein Weltverständnis, das sich aus der Idee des integralen Textes speist. Inzwischen liefert die Suhrkamp-Kultur gar schon Stoff für universitäre Forschungsprojekte , etwa an der Universität Tübingen. Ist das schon das Signal für fatale Rückschau? Dabei werden die Tübinger Forscher hoffen, dass auch ihr Buch bei Suhrkamp erscheint.


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