Ein Bild von Dr. Stefan Lüddemann
30.05.2018, 17:28 Uhr ZÜRICH UND HARALD NAEGELI

Provokation war gestern: Ist das Graffiti tot?

Kommentar von Dr. Stefan Lüddemann

Der als Sprayer von Zürich bekanntgewordene Harald Naegeli steht auf dem Hof des Heine-Hauses in Düsseldorf neben einer seiner Figuren an einer weißen Wand. Foto: dpaDer als Sprayer von Zürich bekanntgewordene Harald Naegeli steht auf dem Hof des Heine-Hauses in Düsseldorf neben einer seiner Figuren an einer weißen Wand. Foto: dpa

Osnabrück. Zürich und der Sprayer Naegeli haben ihren Frieden gemacht. Ist das Graffiti damit tot? Ja, denn die gesprayten Bilder sind keine Aufreger mehr.

Bloßes Geschmiere oder doch große Kunst? Die Meinungen über Graffiti gehen immer noch weit auseinander. Der Fall Harald Naegeli zeigt aber, wie sich der Wind gedreht hat. Einst saß er wegen seiner Strichmännchen im Gefängnis. Jetzt lässt sich Zürich von ihm mit Kunst beschenken. Graffiti sind etabliert. Ist diese Kunstform damit nicht tot? Hier weiterlesen: Mit ihm hat auch das Graffiti Geburtstag - Harald Naegeli wird 70.

In gewisser Weise ja. Wirklich subversiv sind die gesprühten Schriftzüge und Zeichnungen nicht mehr. In Metropolen gehören sie zum erwartbaren Look des urbanen Raums. Graffiti illustrieren den Anspruch einer Stadt, hip, cool und kreativ zu sein. Ohne sie geht es nicht.

Zugleich sind viele ihrer Formsprachen verflacht und inflationiert. Nur Ausnahmekönnern wie dem Maler Jean-Michel Basquiat und dem anonymen Sprayer Banksy ist es gelungen, das Graffito zu erneuern. Aber für wirklichen Streit sorgt die Bildgattung nicht mehr. Manche der Zeichnungen werden inzwischen geschützt und saniert. Sogar die einst unnachsichtigen Zürcher haben ihren Frieden mit dem Graffito gemacht. Ist das nicht das Ende?