Ungeschönter Blick Überforderte Mutter: Charlize Theron überzeugt in „Tully“

Von Kathrin Häger

Werden Freunde: Mutter Marlo (Charlize Theron) und ihre „Nacht-Nanny“ Tully (Mackenzie Davis). Foto: DCM FilmdistributionWerden Freunde: Mutter Marlo (Charlize Theron) und ihre „Nacht-Nanny“ Tully (Mackenzie Davis). Foto: DCM Filmdistribution

Osnabrück. Aller guten Dinge sind drei: Jason Reitman und Autorin Diablo Cody („Juno“) haben sich wieder zusammengetan – diesmal zum warmherzigen Abgesang auf mütterliche Idealbilder.

Marlo pumpt ab. Mühsam hat sich die 40-Jährige dafür aus dem Bett gequält und die Saugglocken angelegt. Dann wieder stillen, zufüttern, Windel wechseln, stillen – ein Kreislauf frühkindlicher Gier und postnataler Überlastung, den Jason Reitmans neuer Film in köstlichen Montagen zusammenflickt. Dabei war seine Hauptfigur Marlo schon latent überfordert, bevor das ungeplante dritte Kind zur Welt kam: Während Tochter Sarah den Ruhepool im Vorstadtidyll darstellt, zeichnet sich der fünfjährige Jonah durch kleine Zwangsneurosen und große Wutanfälle aus, gegen die seine Mutter durch tägliche Bürsten-Streicheleinheiten vorzugehen versucht. „Eigen“ nennt man ihn in der Vorschule, aus der Jonah kurz darauf tatsächlich geschmissen wird. Die Aufnahme war ohnehin nur der Fürsprache seines spendierfreudigen Onkels Craig zu verdanken, dessen Luxus-Leben mit „Vorzeigeweibchen“, Geländewagen und Glaspavillon Schwester Marlo zutiefst zuwider ist.

Was Craig in seinem gläsernen Käfig der Perfektionierung allerdings nachempfinden kann, ist die zunehmende Belastung für die renitente Schwester. Und so spendiert er Marlo zur Geburt die Dienste einer „Nacht-Nanny“, die sich um das Neugeborene kümmern soll, während die Mutter im Schlaf neue Kraft finden kann. Marlo weigert sich, und leidet weiter – mitsamt den Kindern, die mit Mikrowellenkost abgespeist werden, und Ehemann Drew, der sich mit Videospielen vom anstrengenden Arbeitsalltag zu erholen versucht. Marlo pfeift aus dem letzten Loch, als sie letztendlich doch zum Hörer greift. Kurz darauf steht Tully vor der Tür und verkörpert all das, was ihre Auftraggeberin zwanzig Jahre früher einmal war: schlank, entspannt, voller unterhaltsamer Anekdoten und einer erstaunlichen Baby-Empathie, mit der sie Marlo nach der anfänglichen Irritation den Druck von den Schultern nimmt.

„Tully“ ist bereits der dritte Film, den Jason Reitman nach einem Drehbuch von Diablo Cody realisiert hat. „Juno“ (2007) brach mit dem Klischee der Teenie-Schwangerschaft. „Young Adult“ (ebenfalls mit Charlize Theron in der Hauptrolle) bebilderte einen schmerzhaften Übergang ins Erwachsenendasein. „Tully“ nimmt nun die idealisierte Überhöhung von Mutterschaft aufs Korn – und das in dieser charmanten Cody-Reitman’schen Ehrlichkeit, die schon die Vorgänger aus dem Gros vergleichbarer Filme heraushob. In „Tully“ wiegt die Niedlichkeit des Säuglings nicht den Schmerz zerbissener Brustwarzen und durchwachter Nächte auf. Kein Bilder-Diktat Hollywoods erspart uns den Anblick auf Marlos durch das Tanktop nässende Brüste oder die Depression, die sich im Angesicht der Totalüberforderung einschleichen kann – kein Wunder, schrieb Diablo Cody das Drehbuch doch direkt nach der Geburt ihres eigenen dritten Kindes.

Charlize Theron verkörpert Codys Alter Ego mit einem schon in „Monster“ unter Beweis gestellten Mut zur Entstellung: Bauch, Busen, Haare hängen herab und formen damit das Gegenteil des aktuell propagierten Körperbildes der Super-Mama, die kurz nach der Entbindung mit gestählten Bauchmuskeln von ihren „Spiegel-Selfies“ herablächelt. Was Reitmans Porträt einer weiblichen Midlife-Crisis in seiner sarkastischen Vergnüglichkeit dennoch nie aus dem Blick verliert, ist die Tragik, die dem Altern und dem Tausch von Freiheit gegen Familienwohl innewohnt – vor allem wenn es sich um eine New Yorker Ex-„Lebefrau“ wie Marlo handelt, die es in die Vorstadt verschlagen hat. Als sie hier auf einem Jogging-Pfad von einer jüngeren Läuferin überholt wird, gibt die „Triple-Mutter“ Gas, überholt, und bricht japsend vor der Konkurrentin zusammen. Zahlreiche Erkenntnismomente einer schmerzhaften Zäsur unterstreichen das Tragikomische dieser neuen Realität, die Cody und Reitman mit messerscharfen Dialogen, aber auch mit einer großen Warmherzigkeit eingefangen haben.


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