Neu im Kino Kindheit auf Sardinien: "Meine Tochter"

Von Daniel Benedict

Mutter-Kind-Drama als Dreiecksgeschichte: In Laura Bispuris "Meine Tochter" muss Vittoria sich zwischen zwei Müttern finden. Szene mit Sara Casu, Alba Rohrwacher und Valeria Golino. Foto: RealfictionMutter-Kind-Drama als Dreiecksgeschichte: In Laura Bispuris "Meine Tochter" muss Vittoria sich zwischen zwei Müttern finden. Szene mit Sara Casu, Alba Rohrwacher und Valeria Golino. Foto: Realfiction

Berlin. Eine Neunjährige entdeckt, dass ihre Mutter eine Gelegenheitsprostituierte ist - und wächst daran: Laura Bispuris Berlinale-Film "Meine Tochter" kommt ins Kino.

Mutter-Kind-Kino als Dreiecksgeschichte: In Laura Bispuris "Meine Tochter - Figlia Mia" steht ein Mädchen zwischen der leiblichen und der sozialen Mutter. Jetzt kommt der Berlinale-Film mit Alba Rohrwacher ins Kino.


Eine Tochter, zwei Mütter

Sardinien im Sommer: In der staubigen Hitze eines Rodeos beobachtet die neunjährige Vittoria (Sara Casu) eine Betrunkene, die heftig mit einem Mann rummacht, womöglich mit einem Freier. Zu ihrer Verblüffung kennt ihre Mutter die Frau; und etwas langsamer als der Zuschauer ahnt bald auch das Mädchen: Sie hat mit der Fremden mehr gemeinsam als die helle Haarfarbe. Angelica (Alba Rohrwacher), die einen verschuldeten Pferdehof betreibt, ist Vittorias leibliche Mutter. Dass die Neunjährige nicht bei ihr, sondern bei Tina (Valeria Golino) und ihrem Mann aufwächst, liegt wohl nicht nur an Angelicas mangelnder Eignung zur Mutter, sondern auch an schlichter Unlust. Gerade die rücksichtslose, mitunter grausame Art ihrer leiblichen Mutter wirkt auf Vittoria anziehend: Heimlich lässt sie die behütete Bürgerlichkeit ihrer Adoptivfamilie hinter sich, um Angelica zu besuchen. (Der Goldene Bär geht in den Sex-Club: Das war die Berlinale 2018)




Wie wird man eine Frau? 

In ihrem Debütfilm "Sworn Virgin" (2015) erzählte Laura Bispuri von einer Albanerin, die einer Zwangsehe nur dadurch entgeht, dass sie ewige Jungfräulichkeit schwört und als Mann lebt. Auch "Meine Tochter" handelt von Weiblichkeitsbildern - aber diesmal geht es nicht um das Patriarchat in archaischen Bergdörfern. Stattdessen lotet Bispuri aus, wie Mütter und Töchter einander selbst zu dem machen, was sie sind. Vielleicht hat die Regisseurin, die auch am Drehbuch beteiligt war, ein bisschen zu viel darüber nachgedacht. Jedenfalls badet ihr neuer Film in Metaphern. Mal wird Vittoria wie in einer symbolischen Taufe ins Meer gestoßen, dann klettert sie über eine Felsspalte in eine unterirdische Nekropole, um ausgerechnet hier noch einmal geboren zu werden – nun aus eigener Kraft. Die Natur wird bei all dem so kreatürlich gezeichnet, dass vom Hofhund bis zum Aal fast alles schwanger ist. (Von "Meg" bis "Jurassic World": Die Sommer-Blockbuster 2018)


Trotz seiner Schwächen gut: "Meine Tochter"

Auch in der Figurenkonstellation hat "Meine Tochter" einen Hang zum Überdeutlichen. Hier das Heimchen, dort das Flittchen: Zumindest das Drehbuch legt Tina und Angelica mehr als Typen denn als Figuren an. Erstaunlicherweise kann man über all das hinwegsehen – wegen der tollen Kinderdarstellerin Sara Casu und ihrer großartigen Kollegin Alba Rohrwacher (die schon in "Sworn Virgin" die Hauptfigur war). Wegen der sehr starken Inszenierung des sardinischen Sommers. Und wegen vieler mutiger Szenen, in denen ein Kind gerade daran wächst, dass seine eigene Mutter es schlecht behandelt. Erwachsen werden ist komplizierter, als man sich das in Elternratgebern so ausmalt. Verblüffender Weise vermittelt Laura Bispuri diese Idee in einem Film, der selbst einen Hang zum Lehrbuchhaften hat – aber trotz seiner Schwächen lohnt.


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