„Ära der Blockbuster vorbei“ Kunst und Geld: Ausstellungen unter Kostendruck

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Osnabrück. Die Zeit teurer Großausstellungen ist vorbei. Das sagen deutsche Museumsleiter. Sie fordern eine Trendwende der Museen. Kostensteigerungen und überzogene Erwartungen der Kulturpolitik bringen die Häuser immer mehr in Bedrängnis.

„Die Ära der Blockbuster ist vorbei“, sagt Tilmann von Stockhausen, Direktor der Städtischen Museen Freiburg und Sprecher der Arbeitsgruppe Kulturhistorische Museen und Kunstmuseen im Deutschen Museumsbund. Viele Ausstellungsprojekte seien unterfinanziert. Vor allem kommunale Museen mit ihren „sinkenden Budgets“ könnten die hohen Kosten von Großausstellungen nicht mehr tragen. „Das Format der Blockbuster lebt von Superlativen. Diese Steigerung ist aber endlich“, sagt auch Roland Nachtigäller des Museums Marta in Herford. Steigende Kosten für Transport und Versicherung kostbarer Leihgaben seien nur noch schwer zu finanzieren. Zuletzt hatte das Wuppertaler Von-der-Heydt-Museum eine für den Herbst 2018 geplante Ausstellung zum Thema Aufklärung mit Verweis auf zu hohe Kosten abgesagt. Ein Menetekel für die ganze Museumswelt? Hier weiterlesen: Von-der-Heydt-Museum sagt Ausstellung aus Kostengründen ab.

Sponsoren gesucht

Der Deutsche Museumsbund spricht jetzt, so Sprecher Tilmann von Stockhausen, von einer „generell schwierigen Situation“ bei der Finanzierung von Ausstellungen. „Von den Museen wird erwartet, dass Ausstellungen komplementär finanziert werden“, stellt Tilmann von Stockhausen fest. Die Defizite in der öffentlichen Förderstruktur seien nicht mehr zu übersehen. Das bedeutet, dass Museumsleute für große Wechselausstellungen erhebliche Teile des Budgets bei Sponsoren oder Stiftungen einwerben müssen und zugleich auf namhafte Einnahmen durch Eintrittsgelder angewiesen sind. „Gerade für Ausstellungen mit Werken berühmter Künstler wie Claude Monet oder Edouard Manet ist ein unglaublicher Aufwand zu treiben. Das können in Deutschland nur wenige Museen“, meint Stefan Borchardt, Direktor der Kunsthalle Emden. Kuratoren reagieren und verzichten immer häufiger auf Leihgaben etwa aus den USA, die oft besonders kostspielig sind. Hier weiterlesen: Nach der Absage in Wuppertal - Ende einer Erfolgsgeschichte?

Trend zu den Stars

Ebenso wie seine Kollegen weiß Borchardt aber auch, dass die meisten Museumsbesucher über spektakuläre Wechselausstellungen gewonnen werden. Präsentationen der ständigen Sammlungen interessieren das Publikum eher weniger. Das erklärt den seit Jahren anhaltenden Trend zu Ausstellungen von Kunststars, die mit kostbaren Leihgaben prominent bestückt werden. In dem von der Ausstellungsabsage betroffenen Wuppertaler Museum war es Direktor Gerhard Finckh immer wieder gelungen, die Werke großer Impressionisten wie Monet, Renoir oder Degas zu präsentieren und für diese Projekte Stiftungen als Unterstützer zu mobilisieren. Das Publikum honorierte dieses Angebot. Mindestens 100000 Besucher kamen zu jeder Ausstellung dieser Impressionisten-Reihe. Hier weiterlesen: Wie geht es mit der Kunsthalle Emden weiter? Eske Nannen im Interview.

Versicherung immer teurer

Solch splendide Angebote kosten. „Der Kunstmarkt hat insgesamt angezogen. Das macht Versicherungen von Leihgaben für Ausstellungen immer teurer“, erläutert Stefan Borchardt. Ohne extern eingeworbene Gelder sind die entsprechenden Ausstellungen nicht zu stemmen. Borchardt plädiert für vorsichtige Kalkulationen. Die Zahl der Besucher bleibe immer die große Unbekannte in den Kostenrechnungen. Wie der Herforder Museumsdirektor Nachtigäller darlegt, suchen schon die Kuratoren der Ausstellungen nach möglichen Geldquellen, um ihre Projekte realisieren zu können. „Die Suche nach Geld nimmt immer mehr Zeit in Anspruch“, sagt er. Sein Team habe die „Förderkulisse“ für potenzielle Ausstellungsthemen ständig im Blick, erklärt Nachtigäller die Strategie für sein Museum, das weitgehend wie ein Ausstellungshaus funktioniert. Auch wenn Museumsleute wie Borchardt und Nachtigäller auf die Unterstützung von Kommunen oder auch ihrer Bundesländer zählen dürfen - bis zu 50 Prozent eines Ausstellungsbudgets, so die Schätzung von Roland Nachtigäller, sind stets über externe Förderer zu finanzieren. Hier weiterlesen: Kunststars im Gespann - Museen setzen auf Konflikt.

Jagd nach dem Hype

Inzwischen suchen Ausstellungsmacher nach Auswegen aus der Jagd nach dem immer größeren Hype. „Auch eine Ausstellung, die von 30000 Menschen gesehen wird, ist ein Erfolg“, gibt Tilmann von Stockhausen die neue Richtung vor, die vom Größenwahn der Blockbuster wegführen soll. Weg von den Stars, hin zu Themen: Für diesen Kurs plädieren viele Kuratoren. Kein Wunder. Die großen Namen der Kunstgeschichte sind rar. Und ihre Zugkraft lässt beim Publikum offenbar nach. „Alles vor dem Impressionismus ist sowieso problematisch“, warnt Stefan Borchardt. „Wir müssen mehr Themen entwickeln, die mit der Geschichte unserer eigenen Sammlungen zu tun haben“, fordert Tilmann von Stockhausen, der das Wettrennen um Drittmittel beendet sehen möchte: „Es ist eine gesellschaftliche Aufgabe, Ausstellungen zu fördern. Das sollte man den Politikern klarmachen“. Hier weiterlesen: Kunstmäzen und Lebensreformer Eduard von der Heydt - eine Spurensuche.


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