Buch „Kleinhirn an alle“ Ottos Autobiografie: Ein Spaßmacher blickt zurück

Von Dr. Stefan Lüddemann


Osnabrück. Er hat es mit seinen Sprüchen bis ins kollektive Gedächtnis der Deutschen geschafft: Otto Waalkes. Jetzt blickt der Spassmacher aus Emden mit einer Autobiografie auf sein Leben zurück. Eines steht fest: Sein Humor hat die Deutschen verändert.

Otto Waalkes – deutsches Kulturgut? Da kichert doch der Ottifant. Aber nur für einen Moment. Denn Otto hat es mit Sprüchen wie „Haaallo Echo!“ oder „Abgenagter, Ihnen wird zur Last gelegt, Sie hätten diesen Mast zersägt“ längst in das kollektive Gedächtnis der Deutschen geschafft. Zitatesammlungen listen seine Blödelreime gleich neben Goethes edlen Versen oder Nietzsches geschliffenen Apercus. Der Barde beglückte sein ergebenes Publikum schon vor Jahren mit dem Kompendium „Otto – Das Werk“. Nun folgt – heiliger Klassiker! – die Autobiografie. „Nach einer wahren Geschichte“, wie es augenzwinkernd heißt. Hier weiterlesen: Caricatura-Museum zeigt Ottos Cartoons.

Der ewige Blödelbarde

„Kleinhirn an alle“: Otto geht mit seinem Lebensbericht gerade auf Tour durch Buchhandlungen. „Reißen Sie sich bitte zusammen, wir sind bei einer Lesung“, trieb Otto bei seinem ersten Auftritt in Hamburg sein ironisches Spiel mit den Usancen des Kulturbetriebes. Literatur hin oder her – Otto bleibt der hypernervöse Blödelbarde. Daran ändert auch eine Buchvorstellung nichts. Gut nur, dass der Außerfriesische in seinem Lebensbericht traurige Episoden nicht ausspart. Das „Leben eines Komikers ist kein Freifahrtschein für eine Gute-Laune-Kreuzfahrt“, verriet er. Zwei Scheidungen, Einsamkeit, Zweifel am eigenen Selbstbewusstsein: Abseits der Bühne stellt sich auch ein Possenreißer bestürzend banale Lebensfragen. Hier weiterlesen: Von „Deutschstunde“ bis „Christa T.“ - wie Literatur den Geist von 1968 prägte.

Knutschende Ottifanten

Gut nur, dass sich eine Sache in Ottos Leben verblüffend gut von selbst versteht. Der Kosmos seiner Figuren und Gags, der schon in den Siebzigerjahren entwickelt und abgeschlossen war, hält sich frisch im Gedächtnis der Fans. Ob Figuren wie der Reporter Harry Hirsch, Cartoons wie die knutschenden Ottifanten oder Otto selbst mit Flügelmütze und Grinsegesicht – diese Lustigkeit findet immer noch ihre Lacher. Hier weiterlesen: „Ottobiografie“ - Otto auf der Lesereise.

Loriot und Heinz Erhardt

Otto gehört neben Loriot und Heinz Erhardt zum Dreigestirn des bundesdeutschen Humors. In dieser Trias besetzt er die Position des Spaßmachers mit anarchischem Witz. Otto ist Otto, meinen viele. Nicht ganz. Seine nur aufs erste Hinhören flache Blödelei speist sich aus vielerlei Quellen. Die antibürgerliche Revolte des Dadaismus lieferte das Vorbild, die Neue Frankfurter Schule eines Robert Gernhardt den Sound für Ottos Schüttelreime, Blödsinnsverse und Parodien. Hier weiterlesen: Von Sit-in bis Bed-In - die turbulente Vorgeschichte der 68er.

Mit dem Geist von 1968

Ein wenig mischt auch der Geist von 1968 in diesem absurden Gesamtkunstwerk mit. Denn Ottos Frotzeleien über Autoritätspersonen wie Pfarrer, Lehrer oder Wissenschaftler wären in den Siebzigern ohne die Revolte von 1968 nicht vorstellbar gewesen. Dieses Jahrzehnt kreiert die heute weitgehend verschollene Figur des Blödelbarden. Mit Otto prägten vor allem Ulrich Roski und die Insterburgs dieses Unterhaltungssegment. Eleganter allerdings als seine Konkurrenten verlieh Otto der Respektlosigkeit scherzhafte Leichtigkeit. Über ihn lachen auch die Verulkten. Bis heute. Hier weiterlesen: Klassikerin der Protestkunst - Yoko Ono wird 85.

Gags zünden weiter

„Komik ist immer ein Spiel aus Erwartung und Überraschung. Nur die Erwartungen zu bedienen reicht nicht“, hat die Emder Ulknudel über ihr Metier philosophiert. Überraschungen nutzen sich ab. Eigentlich. Ottos Gags aber zünden weiter. Ob es daran liegt, dass sie durch mehrere mediale Schleifen gegangen sind und sich dabei immer wieder mit frischer Energie aufgeladen haben? Die Figur Otto formiert sich in den Siebzigerjahren. Danach kommen die Alben, Filme, Bücher. Otto ist sein eigenes Remake. Egal. Wie sagt Otto? „Man lebt nur über seine Verhältnisse, wenn man welche hat.“ (Mit dpa)