Sachlich geht die Welt zugrunde Mit „Rimini Protokoll“ in die Welt der Waffen

Von Dr. Günther Hennecke


Bochum. Wenn das Kreativ-Trio von „Rimini Protokoll“ seine Räume schafft, wird die Mischung aus Fiktion und Realität zur „Bühne“. Dabei glänzt kein Schauspieler: Das Publikum ist der Star, auch bei der Ruhrtriennale.

Dieses Mal führen uns die Szene-Erfinder Helgard Haug, Stefan Kaegi und Daniel Wetzel, unterstützt durch Dominic Huber, durch ein Labyrinth ineinander verschachtelter Räume – ihre „Situation-Rooms“. 20 Besucher, jeder individuell geleitet durch eine Stimme über Kopfhörer, ergänzt um Video-Szenen und Originalberichte von 20 echten Drogen- und Waffenhändlern, Kriegs-Journalisten, Ärzten und einstigen Kindersoldaten, werden eingesogen in eine Welt scheinbar normalen Wahnsinns. In ihr werden Panzer, Sturmgewehre und Drohnen wie Äpfel gehandelt.

Jeder der Besucher startet in einem anderen Raum, geht seinen eigenen Weg. Über Kopfhörer vernimmt er die Stimmen der Protagonisten, hört nüchterne Berichte ihrer Tätigkeit. Von Verhandlungen und Verträgen vernimmt er, von Verteidigungs-Konzepten und Ex-Kindersoldaten, von Führungskräften der Rüstungsindustrie. Es sind Ausschnitte einer Welt, deren Realität zu nüchternen Protokollen gerinnt. Zugleich haben wir, die Wanderer durch diese Waffen-Welt, einen Tablet-Computer in der Hand, der die Räume, die wir betreten, doppelt. Das kann leicht verwirren, zumal dann, wenn wir einem Mitwanderer begegnen, der als reale Existenz die Film-Existenz überlagert.

Die Nüchternheit der „Inszenierung“ ist ein weiterer Schritt von Rimini Protokoll auf dem Weg, den Besucher zum Akteur zu machen, ihn in die Rolle des Verfolgers und des Verfolgten zu versetzen, ohne ihn in ein Mitmach-Theater unseligen Angedenkens einzubinden. Das gelingt verblüffend oft, ohne dass man sich in eine Ideologie gezwängt fühlte. Denn ein Urteil wird nicht abgegeben, Moral ist nirgends Thema.

Das Problem der aufwendigen Produktion ist freilich das, was sie erst möglich macht: die Technik. Das Video auf dem Tablet mit dem Text im Ohr und den ineinander verschachtelten Räumen in Einklang zu bringen, erfordert einen großen Teil der Konzentration, die eigentlich für das Gesagte und Gesehene nötig wäre.

„Situations Rooms“ sind Räume der Macht, in denen, abseits jeder Moral, nüchterne Sachlichkeit das Handeln bestimmt. Panzer, Drohnen und Panzerfäuste werden gebaut, weil jemand glaubt, sie haben zu müssen. Basta.

Jahrhunderthalle Bochum, Turbinenhalle; Aufführungen mehrmals am Tag, bis 15. 9.; Tickets: 0221/280210. www.ruhrtriennale.de