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„Bürger wollten ihr Theater“

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Selbst erlebte Theatergeschichte: Klaus Fischer, Christina Dom, Rosemarie Fischer und Axel Brauch lasen Theatertexte auf dem Sofa, Hans-Otto Baumgarten (rechts) erzählte vom Theaterneuanfang nach dem Krieg. Foto: Elvira PartonSelbst erlebte Theatergeschichte: Klaus Fischer, Christina Dom, Rosemarie Fischer und Axel Brauch lasen Theatertexte auf dem Sofa, Hans-Otto Baumgarten (rechts) erzählte vom Theaterneuanfang nach dem Krieg. Foto: Elvira Parton

Das Marmorfoyer des Osnabrücker Theaters ist dicht besetzt. Hans-Otto Baumgarten sitzt auf einem Stuhl vor dem Roten Sofa und lauscht aufmerksam der Lesung der Schauspieler Klaus Fischer, Christina Dom, Rosemarie Fischer und Axel Brauch. Auszüge aus Max Mells „Apostelspiel“, Erich Kästners „Das lebenslängliche Kind“ und Samuel Becketts „Warten auf Godot“ sind zu hören – Programmperlen, die von der Vielfalt des Osnabrücker Nachkriegstheaters zeugen.

Gerade das Kästner-Werk verknüpft der 88-jährige Baumgarten mit einer besonders prägnanten Erinnerung: 1952 war es, als er mit dem Stück seine erste Inszenierung mit Grete Wurm und Karl Michael Falkenberg vorbereitete, deren Premiere durch den Sturz einer Beleuchtungsbrücke verschoben werden musste. Eine von vielen Anekdoten, die Baumgarten nur so aus dem Ärmel schüttelte.

Der frühere Schauspieler und Studienrat erinnerte sich nun im Rahmen des 100-jährigen Osnabrücker Theaterbestehens auf dem Roten Sofa an die Zeit der 40er- und 50er-Jahre. Ein agiler alter Herr mit weißem Kinnbart, der sein Publikum im Foyer mit Präsenz, Charme und Textsicherheit begeisterte – „Faust“ und „Hamlet“ gehörten schließlich zu seinen Paraderollen. Ein Schauspieler, den wohl besonders die Ära unter Intendant Erich Papst 1950/51 geprägt hat.

Papst war es auch, der den jungen Baumgarten damals vom Marburger Theater nach Osnabrück geholt hatte – in einer Phase des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg, in der nichts so ersehnt wurde wie Kultur und Ablenkung und in der sich bereits im September 1945 der Osnabrücker Theaterverein gründete.

Im Dezember 1945 war mit dem „Apostelspiel“ das erste Stück über die Bühne des zerstörten Theaters gegangen und weckte es zu neuem Leben. Ein Leben, dem auch der Holzmangel im harten Winter 1946 nichts anhaben konnte. Der damalige Einsatz der Osnabrücker war für Baumgarten ein Beleg dafür, „dass die Bürger Osnabrücks ihr Theater wollten“.

Auch kommunale wie finanzielle Probleme konnten den Elan nicht stoppen, der bis zur Wiederherstellung des Theatergebäudes 1950/51 mit der Blumenhalle als Ausweichstätte und dem privat geführten Lortzingtheater Spielmöglichkeiten schaffte.

Mit Erich Papst begann dann eine erste Ära des Welttheaters in Osnabrück: Stücke wie Calderóns „Über allen Zauber Liebe“, Becketts „Warten auf Godot“ oder Giraudoux’ „Undine“ sorgten für frischen Wind auf der Theaterbühne. Und auch wenn sich Papst für das existenzialistische Satre-Stücke „Die schmutzigen Hände“ nicht erwärmen konnte, so brachten Baumgarten und seine jungen Kollegen Stücke solcher Art wenigstens mit Lesungen in der „Brücke der Nationen“ hinterm Ledenhof ans Publikum: ein willkommenes Forum zur Auseinandersetzung über moderne Autoren und Zeitprobleme.

Die 50er-Jahre als Zeit des Aufbruchs, in der Hans-Otto Baumgarten die Auseinandersetzung als Möglichkeit für sich sah, der Zeit „den Abdruck seiner Gestalt zu zeigen“. Seinen „Hamlet“ hat Baumgarten noch immer drauf.


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