Schriftsteller im Interview Martin Walser: Es sollte erlaubt sein, sich das Leben zu nehmen

Von Martin Schulte

Gedanken über einen Suizid macht sich Martin Walser und spricht im Interview dabei von einer „schönen Vorstellung“. Foto: dpaGedanken über einen Suizid macht sich Martin Walser und spricht im Interview dabei von einer „schönen Vorstellung“. Foto: dpa

Überlingen. Martin Walser sitzt im Arbeitszimmer seines Hauses am Bodensee. Aus den großen Fenstern geht der Blick weit hinaus übers Wasser in Richtung der Alpen, im Regal hinter dem berühmten Autor stehen – sorgfältig nummeriert – seine Tagebücher. Gerade ist Walsers neuer Roman „Gar alles oder Briefe an eine unbekannte Geliebte“ (Rowohlt) erschienen. Der Schriftsteller, mittlerweile 91 Jahre alt, hatte bei der Terminabsprache nur um eines gebeten: dass das Gespräch erst nach 17 Uhr stattfinden möge, weil er vorher noch arbeiten müsse.

Herr Walser, arbeiten Sie tatsächlich immer noch jeden Tag bis 17 Uhr?

Zumindest ist dann alles getan, was zum Tag gehört. Inzwischen richtet sich der Tag bei mir aber auch danach, wie die Nächte sind. Und die sind leider nicht immer gleich.

Woran arbeiten Sie gerade?

Ich bin zurzeit dabei, ein Buch vorzubereiten. Es heißt: „Spätdienst – Bekenntnisse und Stimmungen“. Dafür suche ich in meinen Tagebüchern bestimmte Stellen, die ich, etwas übertrieben, als Existenz-Stenogramme bezeichnen würde.

Was für Stimmungen und Bekenntnisse sind das?

Das ist eine Mischung aus Gedichten und Prosazeilen. Es klingt komisch, wenn ich das sage, aber es ist auch rücksichtslos gegen mich selbst: Es kommen die vor, die gegen mich geschrieben haben.

Das klingt nachtragend.

Diese Texte sind in der jeweiligen Zeit entstanden, in den Momenten, in denen ich getroffen wurde.

Aber Sie suchen Sie jetzt aus.

Ja, aber jetzt reagiere ich nicht mehr. Das ist vorbei.

Man wirft Ihnen eine gewisse Unversöhnlichkeit vor, in Ihrem neuen Roman kommt auch wieder ein Kritiker vor…

Ja, aber das ist ein absurder Vorwurf. In meinem aktuellen Roman geht es nur um die reine Funktion eines Kritikers. Diese Vorwürfe sind etwas, was ich nicht begreife.

Fühlen Sie sich in solchen Momenten missverstanden?

Nein, ein Schriftsteller kann nicht missverstanden werden.

Dann eher missinterpretiert?

Das ist keine Missinterpretation, sondern ein unzureichendes Verständnis. Ein nachhaltiges Beispiel dafür war „Dorle und Wolf“, mein einziger politischer Roman. Ein Buch über die Teilung Deutschlands, über das in Deutschland überwiegend schlecht geschrieben wurde, weil mir die linke Kritik die Beschäftigung mit diesem Thema übel nahm. In Amerika dagegen wurde das Buch von allen großen Zeitungen sehr positiv besprochen, weil man es dort interessant fand, was ein deutscher Schriftsteller über die Teilung zu sagen hat.

Genießen Sie heute auch noch das Gefühl, das solche positiven Kritiken auslösen?

Ja, natürlich. Auf eine negative Kritik reagiere ich schriftlich, bei einer positiven freue ich mich, schreibe aber nicht. Denn dagegen muss ich mich nicht wehren. Aber ich kann mich insgesamt über die Besprechung meiner Bücher nicht beklagen.

Was denken Sie über den großen Krieg der Gegenwart, den Syrien-Konflikt?

Syrien ist das Komplizierteste, was mir je politisch zugemutet wurde. Ich finde es wunderbar, dass Angela Merkel uns da rausgehalten hat. Trotzdem fand ich es schon vor einem Jahr richtig, dass der Trump syrische Stellungen wegen des Giftgas-Einsatzes bombardiert hat. Und ich bin froh, dass er und Putin trotz unterschiedlicher Interessen so vorsichtig reagieren. Beide sind ganz tolle Politiker.

Eine eher ungewöhnliche Einschätzung. Woher stammt diese Bewunderung?

Trump ist furchtbar ehrlich. Ich habe ihn viel genauer kennengelernt als Hillary Clinton. Und dass er nicht aus dieser politischen Klasse stammt, das hat mich für ihn eingenommen. Auch seinen Wahlspruch „America first“ finde ich richtig. Es ist beschämend, dass Amerika eine derart miese Handelsbilanz hat.

Aber Trump und Putin betreiben doch wieder die Teilung der Welt in West und Ost.

Die jetzigen Spannungen sind nicht vergleichbar mit dem Kalten Krieg von damals. Und es gibt keine Todfeindschaft mehr. Ich habe beide, Trump und Putin, immer wieder angeschaut und geprüft. Ich habe Vertrauen zu beiden, auch wenn ich nicht mit jeder ihrer Entscheidungen einverstanden bin.

Klingt da auch die Lust an der Provokation durch?

Nein. Wissen Sie, ich will nicht Recht haben, ich will nur sagen dürfen, was ich denke. Aber jetzt reden wir die ganze Zeit über Politik, ich habe schließlich vor allem Romane geschrieben. Und ein Roman darf kein politisches Bekenntnis sein.

Reden wir dann über Ihren neuen Roman. Ein Mann steht zwischen zwei Frauen, spielt da auch die Lebenserfahrung des Autors rein?

Nein, dieser Roman beschreibt eine Standardsituation: ein Mann, Justus Mall, zwischen zwei Frauen. Jede dieser Frauen verlangt von ihm, dass er auf die andere verzichtet. Dieser Roman fängt nicht umsonst an mit dem Satz: Ich bin nicht ich.

Eine Distanzierung, die beim Leser das Gefühl wohl eher noch verstärkt, dass man Parallelen zwischen Ihnen und Justus Mall finden könnte. Kann man das?

Es liegt zumindest nahe. Natürlich ist jeder Roman auch immer ein Selbstporträt des Autors. Es ist vollkommen klar, dass ich die geschilderte Konstellation für eine kulturelle Grundsituation unserer westlichen Gesellschaft halte. Nur: Ich spreche nicht über meine eigene Situation, deshalb schreibe ich einen Roman.

Haben Sie Angst, sich in Ihrer Literatur zu sehr zu enthüllen?

Angst? Nein. Aber alles persönliche Reden darüber ist mir peinlich. Ich halte das nur aus, wenn es eine gewisse Ausdrucksqualität bekommt.

Der sprachliche Schutzwall des Autors?

Wenn Sie so wollen: ja.

Dieser Roman ist ein sehr schmaler Band. Hat sich Ihre Arbeitsweise verändert?

Ich erzähle keine Romanhandlungen mehr, sondern nur noch die wesentlichen Momente.

Gibt es Veränderungen in Ihrer Sprache?

Ja, meine Sätze sind kürzer geworden. Sätze haben mit dem Atem zu tun, und meine Atemkapazität hat mit den Jahrzehnten abgenommen – wahrscheinlich, weil ich zu viel geraucht habe.

Wieso ist der Atem für das Schreiben wichtig?

Ich kann erst weiteratmen, wenn ein Punkt da ist. Also werden die Sätze kürzer, wenn der Atem knapp wird.

Trotzdem ist das Schreiben nach wie vor eine alternativlose Tätigkeit?

Ja, ich kann nicht aufhören. Ich weiß nicht warum, aber ich kann nicht nichts tun. Dieses Talent fehlt mir. Ich kann hier nicht einfach zum Fenster hinausschauen und sagen: Toll, der See. Das geht nicht.

Gibt es etwas, was dem jungen Walser leichtergefallen ist als dem alten?

Nein, es hat sich für jede Phase eine entsprechende Sprache eingestellt. Egal, wie viel man zweifelt und hadert: Man wird nie sprachlos. Es gibt immer etwas zu tun.

Was müsste denn noch getan werden?

In den vier veröffentlichten Tagebuch-Bänden finden sich noch so viele angefangene Projekte, da müsste ich 150 Jahre alt werden, um alle zu vollenden. Da ist ein ganz wichtiges, das heißt „Mädchenleben“, das werde ich nicht mehr schaffen. Deshalb besteht für mich auch keine Möglichkeit aufzuhören, weil so vieles noch ungeschrieben ist.

Entscheiden Sie sich bewusster für Projekte, weil Sie wissen, dass Ihnen die Zeit ausgeht?

Ich weiß auf jeden Fall, was ich nicht mehr machen werde.

Schreiben Sie noch Tagebuch?

Immer weniger. Das ist komisch und nun wahrhaft das Alter. Aber ich will noch einen fünften Band veröffentlichen, bis 1994. Die jetzigen gehen bis 1979.

Soll der Rest unter Verschluss bleiben?

Das ist eine schwierige Frage. Wo kommen diese 46 Tagebuchbände hin? Abgemacht ist, dass die in das Literaturarchiv nach Marbach gebracht werden und 30 Jahre unter Verschluss bleiben. Ich bin damit nicht ganz glücklich, aber egal. Wissen Sie, ich habe in diesen Tagebüchern gelebt. Nur das Tun hat einen Sinn, was kulturell daraus gemacht wird, ist ohnehin grotesk. Und am Ende, in vielen Millionen Jahren, bleibt davon ohnehin nichts übrig. Alles wird irgendwann verschwinden.

Sie denken im Bezug auf Ihr Werk schon an das Weltende?

Im Verhältnis dazu verliert alles an Bedeutung. Auch diese wunderschöne Ausgabe von Kleists „Robert Guiskard“, die ich gerade geschenkt bekommen habe. Solche Ausgaben sind Sprachdenkmale, würdig im Äußeren und in der Sprache. Und trotzdem wird dann irgendwann Schluss sein. Und wenn ich an den Kleist denke – dass ein Leben so endet. Da geniert man sich, dass man es so mit seinem Leben ausgehalten hat.

Kleist hat sich umgebracht.

Es ist schwierig, alt zu werden. Aber ganz instinktiv wehrt man sich dagegen, dass Schluss ist. Das ist komisch, darüber kann ich noch so lange nachdenken und komme doch zu keinem widerspruchsfreien Ergebnis. Den Tod gibt es für uns nicht. Was uns bevorsteht, ist das Sterben. Das weiß ich durch gelegentliche Vorspiele des Sterbens. Dabei erlebt man sich als einen ganz anderen, nicht als denjenigen, der klug darüber nachdenkt.

Weil die Verzweiflung über den Verstand rückt?

Ja. Befreit davon sind nur diejenigen, die es geschafft haben, selber Schluss zu machen.

Wäre das für Sie eine Möglichkeit?

Es ist uns ja unmöglich gemacht. Ich bin ganz dafür, dass es erlaubt ist, sich das Leben zu nehmen, wenn man es denn kann. Ein Staat oder eine Religion, die das verbieten, sind lächerlich. Wenn ich irgendwo 80 Tabletten bekommen würde, dann könnte ich es vielleicht. Dann würde ich eine Flasche Whiskey trinken, Steine in die Taschen meines Wintermantels stopfen und in den See gehen. Das ist zumindest eine schöne Vorstellung.