In der Bonner Bundeskunsthalle Marina Abramovic: Hohepriesterin der Performance

Von Dr. Stefan Lüddemann


Bonn. Hohepriesterin, Schmerzensmadonna, Popstar: Marina Abramovic hat aus der Performance ein Ereignis für das Medienzeitalter gemacht. Die Bonner Bundeskunsthalle zeigt jetzt in einer Retrospektive, wie die serbische Künstlerin die Wahrnehmung von Kunst verändert hat.

Sie schreit, bis ihr die Stimme versagt, sticht sich mit Messern die Finger blutig, zerrt eine Drahtbürste durch ihr dichtes Haar. Sie liegt eine halbe Stunde lang zitternd auf einem Eisblock, wird in einem brennenden Stern ohnmächtig, weil das Feuer den Sauerstoff verzehrt. Jede Aktion ein Schmerz, jeder Auftritt ein Ritt auf messerscharfer Grenzlinie: Marina Abramovic hat die Performance mit quälend intensivem Körpereinsatz revolutioniert, ja das Genre geradezu neu erfunden. Allein ihre Reihe der „Rhythm“-Performances aus den siebziger Jahren markiert Kunstgeschichte. Mit „The Artist is present“ setzte Abramovic 2010 ihrer ohnehin schon atemberaubenden Karriere noch einen Glanzpunkt auf. Performance ist Pop und eine Kunstform, die bisweilen eine Sache bloßer Spezialisten zu sein schien, zum Event für das Massenpublikum avanciert. Hier weiterlesen: Performance als Link der Künste - Maria Hassabi in Düsseldorf.

Tour durch Europa

Moderna Museet in Stockholm, das Louisiana Museum bei Kopenhagen, demnächst der Palazzo Strozzi in Florenz und derzeit die Bonner Bundeskunsthalle - das Defilee feinster Kunstadressen macht aus der Retrospektive der Künstlerin eine triumphale Siegesreise. Rein Wolfs, Intendant der Bundeskunsthalle, nennt die Schau ein „Gesamterlebnis größter kunsthistorischer Tragweite“. Einst tourte Abramovic mit ihrem damaligen Partner Ulay (Frank Uwe Laysiepen) im winzigen Citroën-Bus von Auftritt zu Auftritt. Inzwischen steht nicht nur das altersschwache Wägelchen selbst im Museum, auch die Utensilien, die Abramovic für ihre Performances benutzte, haben es in den Rang von Devotionalien geschafft. Ob Messer, Pistolenkugel oder die Stühle, auf denen sich Künstlerin und nacheinander 1545 Ausstellungsbesucher im New Yorker Museum of Modern Art gegenüber saßen - in Bonn ist das ganze Abramovic-Universum versammelt. Hier weiterlesen: Was ist eine Performance? Kuratorin Julia Draganovic erklärt das Format.

Der flüchtige Augenblick

Natürlich passen Performance und Retrospektive nicht zusammen. Die Kunstform lebt von der Präsenz der Künstler wie von der Unwiederbringlichkeit jenes Augenblicks, in dem sie erscheint, die Ausstellung von der Zeitlosigkeit der Konservierung. Performance verdankt ihre Wirkung dem Jetzt und seiner Vergänglichkeit. Sie erzwingt bedingungslose Präsenz, bei Künstlern wie Zuschauern. Dabei hat die 1946 in Belgrad geborene Abramovic so radikal wie kaum eine andere Performerin darauf abgezielt, die Intensität ihrer Auftritte mit Grenzerfahrungen zu steigern und die Zuschauer zu Mithandelnden zu machen. Was würden sie der Künstlerin, die sich ihnen aussetzte, antun, wann sie aus größter Pein retten? Als Grande Dame der Performance erscheint sie heute. Dabei war sie lange Jahre vor allem die Schmerzensmadonna der Performance. Hier weiterlesen: Parcours durch Athen - Performances der Documenta 14.

Messer, Kette, Pistole

Bei „Rhythm 0“ legt sie 1974 Utensilien von Messer bis Kette und Pistole auf den Tisch einer Galerie in Neapel und erlaubt den Besuchern, sie mit allen diesen Werkzeugen nach Lust und Laune zu tracktieren. Bei „Rest Energy“ spannen sie und ihr Partner Ulay 1980 gemeinsam einen Bogen. Der Pfeil zielt auf ihr Herz. Und „Balkan Baroque“ nennt Abramovic ihren Auftritt 1997 auf der Biennale in Venedig, bei dem sie tagelang blutige Rinderknochen schrubbt und so dem opferreichen Balkankrieg jener Jahre ein erschütterndes Mahnmal setzt. Abramovic macht aus der Kunst ein Spektakel, auch auf die Gefahr hin, sich in plakativen Wirkungen zu erschöpfen. Das gilt auch für „The Artist is present“, die Sitzperformance, mit der sie 2010 endgültig zum Popstar ihrer Kunst aufstieg. Hier weiterlesen: Von Monroe bis Jagger - wie Fotos und Instagram-Bilder Stars machen.

Ruhe und Trauer

Künstlerin und Besucher sitzen sich gegenüber. Sonst passiert nichts. Über diese Anordnung von „The Artist is present“ ist viel gespottet worden. Entlarvte sich mit dieser Arbeit nicht gleich die ganze zeitgenössische Kunst als Trick und Täuscherei? Nein, denn die Reaktionen der Besucher sprachen eine ganz andere Sprache. Auf den Gesichtern jener Frauen und Männer, die der Künstlerin gegenübersaßen, malten sich Ruhe und Trauer, Erlösung und Fassungslosigkeit. Die Galerie dieser Bilder - auch sie ist in Bonn zu sehen - verdichtet sich zum Kompendium menschlicher Gefühlslagen. Marina Abramovic hat mit ihren Performances nicht nur sich, sondern auch jeden Menschen, der teilnahm, radikal in den Mittelpunkt gestellt. In „The Artist is present“ bündelt sich diese Philosophie zu einem Kunstwerk voller Wucht und Würde. Hier weiterlesen: „Durch Mauern gehen“ - die Autobiografie von Marina Abramovic.

Gedächtnis einer Generation

Eigentlich widerspricht solche Kunst jeder Musealisierung. Die Retrospektive versammelt mit den Performances lauter intensive Augenblicke, die rettungslos entschwunden sind. Zugleich macht die Ausstellung deutlich, wie sehr sie über Fotos, Videos und Objekte doch in das allgemeine Bildgedächtnis einer ganzen Generation eingegangen sind. In Bonn ist deshalb nicht nur das Werk einer großen Künstlerin, sondern auch eine flüchtige Kunstform im Zustand ihrer Konservierung zu besichtigen. Abramovic selbst hatte 2005 unter dem Titel „Seven Easy Pieces“ berühmte Performances, darunter zwei eigene, im New Yorker Guggenheim-Museum wieder aufgeführt. Die Performance, einst Kunst von provozierender Unverfügbarkeit, ist endgültig im Museum angekommen. Auch das ist nicht zum geringsten Teil Marina Abramovic zu verdanken. Hier weiterlesen: Für Sinn und Segen in das Museum - der neue Glaube an die Kunst.