„Ich bin relativ nett!“ Thomas Quasthoff über eine tote Branche und seine Liebe zum Jazz

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Heute steht die Familie im Mittelpunkt seines Lebens, früher war es die Bühne: Thomas Quasthoff.

            

              
                Foto: Gregor HohenbergHeute steht die Familie im Mittelpunkt seines Lebens, früher war es die Bühne: Thomas Quasthoff. Foto: Gregor Hohenberg

Berlin. Berlin, Wannsee. Hier wohnt Thomas Quasthoff zusammen mit Frau und Tochter im Erdgeschoss eines gemütlichen Berliner Gründerzeithauses. Noch. Die Wohnung wird zu eng; die Familie sitzt auf Umzugskartons. Zeit, über sein neues Album „Nice ’N’ Easy“, über Jazz und die Musikbranche an sich zu sprechen, hat er trotzdem.

Herr Quasthoff, wie sehr vermissen Sie „Die Winterreise“?

Gar nicht.

Das heißt, der Abschied vom klassischen Sänger war…

…lange geplant, ohne Trauer, ohne Wehmut, ohne böse zu werden. Es war der richtige Schritt zur richtigen Zeit. Ich habe das 40 Jahre gemacht, alles erreicht. Mein Körper hat damals gesagt, du brauchst jetzt eine Pause, dann starb mein Bruder, und da habe ich gesagt, das war’s jetzt.

Sie sind einer der wenigen klassisch ausgebildeten Musiker, denen man es abnimmt, wenn sie Jazz machen.

Andernfalls hätte ich es nicht gemacht.

Woher kommt Ihr Gefühl für Phrasierung, für Timing, für jazzige Artikulation?

Woher kommt die Begabung zum Singen? Ich habe keine Ahnung. Ich hatte immer ein Gefühl für diese Musik, ich habe sehr viel gehört, ohne zu imitieren. Ich habe einfach diese Begabung für unterschiedliche Genres mitbekommen. Nach einem Chansonabend haben mir Leute gesagt, das musst du unbedingt ausschließlich machen – ich konnte das einfach. Ich kann Dialekte ganz gut nachmachen, ich war hier im Berliner Ensemble als Schauspieler ganz gut, glaube ich. Irgendwie habe ich eine Allround-Begabung mitbekommen, von wem? Ich habe keine Ahnung. Die musikalische sicher von meinem Vater. Aber ich war auch ganz schön fleißig.

Und ansonsten müssen Sie mit der Begabung einfach leben.

Ja, das ist nicht einfach…

Was bedeutet es Ihnen, auf der Bühne zu stehen?

Früher hat dieser Beruf neunzig Prozent meines Lebens bestimmt. Heute tut das meine Familie. Am Anfang einer Karriere muss man sich und anderen beweisen, dass man es kann. Mit einer körperlichen Behinderung, wie ich sie habe, vielleicht noch mehr als andere. Das muss ich heute nicht mehr. Wenn man vierzig Jahre in diesem Beruf ist und alles erreicht hat, was man erreichen kann – ich habe Preise gewonnen, ich durfte mit den besten Musikern musizieren, in den tollsten Häusern und auf höchstem Niveau. Da muss man nichts mehr beweisen. Jetzt ist es einfach Spaß an der Freude.

Sie stehen also in erster Linie für sich selbst auf der Bühne?

Ich habe Spaß, da oben auf der Bühne zu stehen, auch mal ein bisschen herumzuflachsen, ich habe Spaß mit drei grandiosen Musikern Musik machen zu dürfen, die im Jazz zur Crème de la Crème gehören. Ich habe Spaß, mich auf diese Weise musikalisch ausdrücken zu dürfen.

Nebenbei machen Sie auch Kabarett?

Nicht mehr. Das habe ich drei Jahre lang gemacht, dann ist mir das Witzeerzählen ein bisschen zu viel geworden. Mein Genre ist eben die Musik und nicht das Kabarett. Meine Frau hat dafür ein wunderschönes Bild gefunden: Sie hat geschrieben, Tommi, wenn du Kabarett machst, bist du ein guter deutscher Sekt, wenn Du singst, bist Du ein sehr teurer Rotwein. Das stimmt auch.

Und der Erfolg gibt Ihnen recht.

Wenn wir in einem Konzert „Hallelujah, And I Love Her So“ von Ray Charles singen und am Ende das Publikum steht, machen die das ja nicht, weil ich so schöne braune Augen habe und mit sieben Fingern herumwackele, sondern weil wir die Leute emotional erreichen. Oder wir singen „Imagine“: Live machen wir das ja nicht mit Streichern, sondern nur mit Klavier, und wenn ich sehe, dass in den ersten zwei Reihen den Leuten die Tränen runterlaufen – das zeigt mir doch, dass ich die Leute, und sei es mit Kitsch, irgendwie berühre. Mehr will ich doch gar nicht als Künstler. Was will ich denn, will ich die Welt verändern? Ich möchte die Menschen emotional berühren und möchte sie zwei Stunden lang anspruchsvoll und mit viel Humor unterhalten. Das ist mein Job. Dafür werde ich auch gut bezahlt.

Wann hatten Sie sich entschieden, ein neues Album aufzunehmen?

Ich wollte immer schon mal eine CD mit Big Band machen. Wir hatten die Chance, den, wie ich finde, derzeit besten deutschen Arrangeur zu finden, nämlich Jörg Achim Keller. Und da Jörg noch Leiter der NDR Big Band ist, haben wir das gemacht.

Ein heißes Thema der letzten Tage war der Echo. Lassen Sie uns darüber sprechen.

Muss man mit mir über den Echo reden? Weil ich sechs Echos habe? Ich habe mit dem Pop-Echo nichts zu tun. Ich habe ihn auch nicht verliehen. Ich habe mich übrigens auch öffentlich dazu geäußert, sehr deutlich geäußert: Dass man am Holocaust-Gedenktag diesen Preis an diese, Entschuldigung, geistig minderbemittelten Typen vergibt, finde ich, ehrlich gesagt, traurig und ganz schlimm. Bushido mit seinem frauenfeindlichen Scheißdreck finde ich, mit Verlaub, genauso grauenhaft.

Was sagen Sie zur Echo-Rückgabewelle?

Gebe ich deswegen meine Echos zurück? Ich denke gar nicht daran! Ich finde das populistisch, ich finde es dumm. Das würde ich auch Daniel Barenboim so sagen: Ich kann mich öffentlich dazu äußern, aber ich muss doch den Preis nicht zurückgeben. Warum? Das ist doch affig. 13 Jahre lang habe ich sehr hart gearbeitet, um mit den Berliner Philharmonikern, mit den Münchner Philharmonikern und den besten Dirigenten der Welt zu musizieren. Das habe ich mir nicht erklaut, und ich habe mich auch nicht auf Kosten anderer Leute oder von Randgruppen lustig gemacht, sondern habe mir diese Preise durch harte Arbeit wirklich verdient. Also gebe ich sie nicht zurück. Ich ziehe jetzt in ein großes Haus; ich brauche Türstopper und Briefbeschwerer, verstehen Sie? Aber diese ganze Echopreisverleihung ist sowieso ein Witz.

Warum? Es gibt doch nach wie vor auch wirklich gute Sängerinnen und Sänger.

Sicher gibt es Protagonisten, die wirklich singen können – Jonas Kaufmann, Anna Netrebko, Cecilia Bartoli oder Gerald Finley, Michael Volle, Christiane Karg, es gibt eine Menge guter Sänger. Viele haben aber nicht die Öffentlichkeit wie andere. Aber was im Musikbusiness los ist, ist doch wirklich absurd. Es feiert sich eine Branche, die im Grunde genommen seit zehn Jahren tot ist!

Ist der Jazz ehrlicher?

Ja.

Hat es Ihnen das erleichtert, zum Jazz zu wechseln?

Das war gar nicht die Frage. Ich habe immer nebenbei Jazz gemacht. Ich habe ja nicht gesagt, scheiße, Klassik kann ich nicht mehr, jetzt mache ich Jazz. Ich habe auch während meiner aktiven Zeit als Klassiksänger immer Jazz gemacht. Nur nicht so viel, weil es mein Kalender nicht hergab.

Ein wichtiger Teil ihres Berufslebens ist das Unterrichten…

Der wichtigste Teil meines Lebens hat Ihnen gerade die Hand gegeben (Claudia Quasthoff, seine Frau, die Red.). Und der genauso wichtige Teil bereitet sich aufs Abitur vor (die Tochter, die Red.), der andere lag gerade hier (die Zwergrauhaardackelin Ellie, die Red.), dann kommt das Musizieren und dann das Unterrichten.

Dann sind wir bei Nummer fünf. Aber Sie betreiben das Unterrichten mit einem gewissen Ernst…

Ich würde sogar sagen, dass ich das sehr, sehr ernst nehme. Wenn ich meine Studenten nicht ernst nehme, nehme ich diesen Beruf nicht ernst, und wenn ich meine Studenten auf einen durchaus sehr schweren Beruf vorbereiten will und sehr gut vorbereiten will, dann muss ich das mit einem sehr hohen Maß an Seriosität tun. Andernfalls lasse ich es besser.

Sie beschreiben in Ihrer Biografie, wie demütigend sie es empfanden, von einer Chorfreizeit ausgeschlossen zu werden...

Müssen wir da jetzt drüber reden? Das ist doch vierzig Jahre her.

Nein, müssen wir nicht. In der Zwischenzeit hat sich vieles zum Besseren gewendet – aber stimmt der Eindruck, dass das gesellschaftliche Klima gegenwärtig wieder rauer geworden ist?

Ganz klar: Ja. Aber das hat mit mir nicht viel zu tun, weil ich mich mittlerweile als Sänger so etabliert habe; mich wundert das selbst immer wieder, mich kennen doch noch eine Menge Leute, und ich glaube, die meisten haben auch sehr, sehr viel Respekt. Die, die keinen Respekt haben, die müssen auch nicht in meine Konzerte kommen. Die kommen, glaube ich, auch nicht. Ein Saal mit AfD-Wählern – ich weiß nicht, ob ich da freiwillig rausgehen würde! Aber es ist natürlich auch ein Unterschied, ob man mit 27 auf der Bühne steht oder mit 58. Ich weiß heute, was ich tun kann, um ein Publikum schnell für mich zu gewinnen. Das muss ich nicht mehr lange trainieren, das kann ich einfach. Mein Bruder hat einmal gesagt, Tommi, du warst immer eine Rampensau – und das bin ich.

Nach dem dritten Jazzalbum – was stellen Sie sich für die Zukunft vor?

Das müssen Sie die Herrschaften von der Plattenfirma fragen! Sagen wir so: Ich hätte sicher Spaß, etwas mit dem Trio aufzunehmen. Aber ich bin da tiefenentspannt. Ich finde es schön, wenn man ein Ziel hat, auf das man hinarbeiten kann: Jetzt gerade bereiten wir die neue Tournee vor.

Viele renommierte Jazzmusiker haben Schwierigkeiten, selbst kleine Jazzclubs zu füllen. Bei Ihnen sind die größten Konzerthäuser voll. Ein Privileg?

Das ist bei der Klassik doch auch so. Wo habe ich denn angefangen? Ich habe Liederabende gegeben in Bad Driburg, ich habe Liederabende gegeben in Osnabrück, ich habe in Rinteln gesungen – ich habe auch vor halb leeren Sälen angefangen. Woher kommt sonst dieser Witz: Was sind 83 Beine und fünf Zähne? Die erste Reihe im Kulturring Niedernhagen. So isses! Das habe ich alles miterlebt. Ich hatte das große Glück, sehr begabt zu sein, eine außergewöhnlich gute Stimme zu haben. Dann erarbeitet man sich über Jahre ein Publikum, und das bleibt einem meistens auch treu. Wenn man es nicht beleidigt, immer schön Autogramme gibt und schön nett ist. Und ich bin, glaube ich, relativ nett.

Ich spreche nicht von Anfängern, sondern von Jazzmusikern, die zum Besten in Deutschland, wenn nicht Europa zählen.

Sie kommen im Jazz nicht so in die Medien wie mit Klassik. Wo wird denn heute im Fernsehen Jazz gespielt? Meistens sind das doch Sendungen fürs aufgeweckte Kind um 23.45 Uhr, auf WDR oder Arte! Also sprechen wir von Musik, die in der Öffentlichkeit nicht mehr stattfindet. Wo soll’s denn dann herkommen?

Welche Verantwortung sehen Sie da bei den Medien?

Ich glaube, dass in diesem Punkt die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ihrem Bildungsauftrag nicht gerecht werden. Stattdessen senden sie lieber 28-mal im Monat Pilawa mit dämlichen Quizshows. Oder Kochsendungen! Das ist das Dämlichste überhaupt, weil man nämlich nichts riecht! Was ist denn das Sinnlichste am Essen? Das ist doch nicht die Tatsache, dass da einer im Topf rumrührt, sondern weil es toll riecht! Herr Malmsheimer hat einen wunderbaren Text dazu geschrieben, „Kochen im Radio“, ganz großartig. Aber es ist doch so: Was in den Medien nicht stattfindet, wird nicht wahrgenommen.


Thomas Quasthoff wird am 9. November 1959 in Hildesheim geboren. Aufgrund einer Conterganschädigung ist er 1,34 Meter groß; er lernt aber, dank der Fürsorge seiner Eltern und seines zwei Jahre älteren Bruders Michael, mit der Behinderung zu leben. Dem Vater fällt früh die musikalische Begabung auf; Quasthoff nimmt Unterricht bei der Sängerin und Gesangspädagogin Charlotte Lehmann. Trotz seiner außergewöhnlichen Stimme und seines außergewöhnlichen Talents verweigert ihm die Musikhochschule Hannover die Aufnahme, weil er aufgrund seiner Behinderung das Hauptpflichtfach Klavier nicht belegen kann. Quasthoff studiert Jura, arbeitet sechs Jahre im Marketing der Kreissparkasse Hildesheim. Danach arbeitet er als Moderator und Sprecher beim NDR in Hannover. 1988 gewinnt er den ARD Musikwettbewerb: ein Künstlerischer Durchbruch. In der Folge singt er von Schuberts „Winterreise“ bis zum Amfortas aus Wagners „Parsifal“ alles, was sich für seinen markanten Bariton eignet. Parallel zur Klassikkarriere kommt aber bereits 2007 sein erstes Jazzalbum heraus. 2012 erklärt er das Ende seiner Bühnenkarriere. Von diesem Rücktritt tritt er zurück, und in diesen Tagen (18. 5.) kommt sein neues Jazzalbum „Nice ’N’ Easy“ auf den Markt. Gleichzeitig geht Thomas Quasthoff auch wieder auf Tour: Mit seinem Jazztrio und der NDR Big Band. Thomas Quasthoff ist verheiratet und lebt mit Frau und Stieftochter in Berlin.

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