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08.05.2018, 19:21 Uhr KOMMENTAR

Selfie-Verbot in Cannes: Artenschutz für den Film

Kommentar von Ralf Döring

Ob hier das Selfie-Verbot schon gilt? Vermutlich ist das egal: Die Mitarbeiter, die den Roten Teppich ausrollen, haben anderes im Sinn, als Selfies zu schießen. Foto: AFP / Loic VenanceOb hier das Selfie-Verbot schon gilt? Vermutlich ist das egal: Die Mitarbeiter, die den Roten Teppich ausrollen, haben anderes im Sinn, als Selfies zu schießen. Foto: AFP / Loic Venance

Osnabrück. Das Filmfest in Cannes beginnt, und auf dem Roten Teppich herrscht Selfie-Verbot. Wie soll man sich da an den großen Moment erinnern? Ein Kommentar.

Thierry Frémaux, der Leiter des Filmfestivals Cannes, stemmt sich kühn den Zeitläuften entgegen: Er wiederholt noch einmal seine Argumente für ein Selfie-Verbot auf dem roten Teppich in Cannes. Vordergründig sagt er, Selfies seien unwürdig und hässlich. Doch genau genommen stützt sein Verbot das Medium, um das es in Cannes überhaupt geht, den Film. Denn der ist ein Medium, das mit den Augen wahrgenommen werden will. Und nicht durch die Linse einer Handykamera.

Es ist dies ein generelles Problem unserer digitalisierten Welt. Wer nur noch schaut und hört, ist nicht wirklich dabei gewesen. Erst das Selfie liefert Gewissheit – für einen selbst und für die Netzwerk-Community. Viel schlimmer aber noch: Wir misstrauen unserer eigenen Wahrnehmung, wir misstrauen unseren Augen und Ohren. Stattdessen erklären wir Mikrofon und Kameralinse des Telefons zum Zeitzeugen. Nur was stets abrufbar im Handyspeicher zur Verfügung steht, hat Gültigkeit.

So kann man Frémaux’ Handyverbot auch als Appell verstehen: Schaut selbst, sagt der Festivalchef, lernt wieder, selbst zu sehen und euch selbst zu erinnern – ohne diese Fähigkeit kann niemand Filme verstehen. So wird aus dem Selfie-Verbot ein Artenschutz-Projekt für die Spezies Film.