„Punk-Paganini“ als Jazz-Geiger Neues Album: Nigel Kennedy und sein Gershwin-Projekt

Von dpa

Meine Nachrichten

Um das Thema Kultur Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Am 11. Mai 2018 erscheint Nigel Kennedys neues Album „Kennedy meets Gershwin“. Foto: dpaAm 11. Mai 2018 erscheint Nigel Kennedys neues Album „Kennedy meets Gershwin“. Foto: dpa

Berlin. Seine Version von Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ gilt als meistverkauftes Klassik-Album. Aber Nigel Kennedy ruht sich nicht auf seinen Lorbeeren aus. Jetzt findet der britische „Punk-Paganini“ für den wohl größten amerikanischen Komponisten einen besonderen Dreh.

Es würde nicht zu Nigel Kennedy passen, George Gershwins „Rhapsody In Blue“ konventionell mit großem Orchester auf seiner 1735er Guarneri-Geige nachzuspielen. Also tut er es auch nicht. Bei seinem neuen Projekt beweist er stattdessen genau jene kreative Frische und Frechheit, die man von diesem selbstbewussten Exzentriker der klassischen Musik seit drei Jahrzehnten kennt und erwartet.

Der inzwischen 61-jährige Brite mit der angegrauten, immer noch sehr charakteristischen Punk-Stachelfrisur dreht den modernen Klassiker Gershwin gewissermaßen auf links und legt die Jazz-Wurzeln des US-Amerikaners frei. Das Ergebnis: „Kennedy meets Gershwin“ – eine sensationelle Rückkehr zu lange vermisster Höchstform.

„Passt zu meinem Naturell“

„Die Fusion von Jazz und Klassik, die wunderschönen Einflüsse der jüdischen Kultur, die einmalige Energie von New York City“ – das seien die Hauptbestandteile seines neuen Albums, sagt der Meister-Violinist Kennedy. Die Musik von George Gershwin (1898-1937) passe „zu meinem Naturell, zu meinem Handwerkszeug und zu meinen Erfahrungen“, begründet der Interpret großer Geigenkonzerte von Vivaldi, Bach und Brahms seine Wahl.

Beispielsweise die unsterbliche Rhapsodie, im Gershwin-Original ein gut 16-minütiges Orchesterstück mit Solo-Klavier: Kennedy spielt das herrliche Thema des Werks auf seiner Geige kurz an, zelebriert die berührende Melodie, improvisiert mit seiner kleinen Band ein wenig daran herum – und nach zweieinhalb Minuten ist der schöne Traum schon wieder vorbei. So viel Freiheit mit einem ikonischen Musikstück muss man sich erst einmal trauen.

Standards werden zu feurigem Jazz

Auch danach erstarrt Kennedy nie in Respekt vor den Ohrwürmern des Komponisten Gershwin. „Our Love Is Here To Stay“, „The Man I Love“ und „Oh, Lady be Good!“ – als Standards des Great American Songbook fast totgespielt – werden dank seiner Geige und der Gitarre von Howard Alden zu feurigem Jazz.

Vor 35 Jahren war Kennedy vom französischen Swing-Geiger Stéphane Grappelli – einem Kollegen des Pioniers Django Reinhardt – in die Jazz-Improvisation und die Klangwelt von Sinti und Roma eingeführt worden. Der Brite betont gern, dass er schon „mit ungefähr 14“ an der Seite Grappellis im Londoner Jazzclub „Ronnie Scott’s“ gespielt habe – und dass der Veteran ihm Gershwin nahe brachte.

„Melodie bis auf die Knochen reduziert“

Die grenzenlose Begeisterung für den Amerikaner und seine Crossover-Kompositionen dringt nun aus jeder einzelnen Sekunde von „Kennedy meets Gershwin“. Die Oper „Porgy and Bess“, eines der größten Musikwerke des 20. Jahrhunderts, erfährt dabei Kennedys besondere Zuneigung.

Etwa „Summertime“: Viele Jazz-Musiker spielten diese Ballade „mit einer Million Noten“, bis die Melodie praktisch unkenntlich sei, meint Kennedy. „Ich habe mir das Vergnügen erlaubt, das Gegenteil zu tun. Das Lied wurde bis auf die bloßen Knochen reduziert, sodass man sein Herz und seine Seele erkennen kann.“ Oder „Porgy & Bess“, eine Kombination zweier Arien aus der im Schwarzen-Ghetto spielenden Liebesgeschichte. Es grenzt an ein Wunder, wie feinfühlig alle Beteiligten die Melodie von „I Loves You Porgy“ mit „Beth, You Is My Woman Now“ verweben.

Kennedy versucht sich als Solo-Pianist

Zwei Gitarren, ein Bass, drei Streicher, Flöte und natürlich Kennedys virtuose Violine – dieses Mini-Ensemble reicht aus, um Gershwins Musik neue Dimensionen zu erschließen. Auf „Fantasy“ und „They Can’t Take That Away From Me“ gibt der „Punk-Paganini“ gar sein Debüt als Solo-Pianist – daraus wird purer Jazz, auch weil seine Technik am Klavier eben nicht besser sei, frotzelt Kennedy.

Seine stetige Lust auf etwas Neues: Das war damals bei Antonio Vivaldi kaum anders – die 1989 veröffentlichte, bis heute taufrische Kennedy-Einspielung der „Vier Jahreszeiten“ gilt als bestverkauftes Klassik-Album bislang. Oder beim Projekt „The Kennedy Experience – Inspired by the music of Jimi Hendrix“, mit dem er sich 1999 der Rockmusik näherte. Es ist Nigel Kennedy hoch anzurechnen, dass er es sich nie allzu gemütlich macht. Auf seine Zukunft als Jazz-Musiker darf man daher sehr gespannt sein.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN