Verlust an Orientierung? Jüngste Skandale zeigen: Die Kultur wird zu einer Kampfzone

Von Dr. Stefan Lüddemann


Osnabrück. Kultur und Streit: Das gehört zusammen wie Kunst und Provokation. Kultur und Künste sollen das öffentliche Gespräch beleben und Gesellschaften damit weiterbringen. Aber ist das noch so? Die Kulturskandale der letzten Zeit zeichnen ein ganz anderes Bild. Der Essay über einen Niedergang.

Kultur macht die Gesellschaft besser. So lautet ein stiller Konsens. Von Kultur als der „Hefe im Teig“ sozialen Lebens sprach schon der frühere Bundespräsident Johannes Rau. „Eine Gesellschaft ohne Künste ist nicht lebensfähig“, spitzte die Kulturpolitikerin Christina Weiss diese Überzeugung zu. Kultur und Kunst öffnen einen Raum der offenen Wahrnehmung und unbelasteten Kommunikation. Menschen können sich so integrieren, Pluralität einüben, Gegensätze der Anschauungen überbrücken. Aber ist das so? Konflikte um Kunst zeigen in den letzten Monaten ein ganz anderes Bild. Kultur erscheint als Kampfzone, die gesellschaftliche Spannungen eher repräsentiert und zuspitzt, als löst. Von Berlins Volksbühne über Documenta und Echo-Preis bis zum Stockholmer Nobelpreiskomitee reicht die neue Eskalationszone. Hier weiterlesen: Von Documenta bis Volksbühne - Kunst zwischen den Fronten.

Krach im Kulturtempel

Dabei waren die gern als Kulturtempel verehrten oder bespöttelten Häuser auch bisher kein Elysium des besseren Menschen. Natürlich haben in Theatern oder Museen, bei Konzertproben oder am Filmset immer auch Machtkämpfe getobt. Die #meetoo-Debatte sorgte mit ihren Enthüllungen um sexuelle Belästigungen und Übergriffe im Kulturbereich zuletzt für Entsetzen und Ernüchterung. Kann eine Welt der Rohheit und steilen Machtgefälle künstlerische Visionen und erhellende Gesprächsbeiträge liefern und so einer Gesellschaft im Krisenmodus zu mehr Übersicht und Toleranz verhelfen? Skandale und Kontroversen gehören zu Kunst und Kultur. Manche Beobachter sehen im Streit überhaupt den Nachweis, dass Kunst etwas bewirkt. Zuletzt gab es reichlich Streit um Kunst und ihre Akteure. Abseits medialen Getöses hielt sich die klärende Wirkung aber in engen Grenzen. Hier weiterlesen: Was der Nachfolger des „Echo“ leisten muss.

Neue Sehgewohnheiten

Woran liegt das? Die Sphäre der Künste verdoppelt derzeit eher eingefahrene Konfliktmuster, als sie zu spiegeln und so zu ihrer Reflexion beizutragen. Dafür gibt es reichlich Beispiele. Über die Idee, einen Kurator an die Spitze eines Theaters wie der Berliner Volksbühne zu stellen, mochte man streiten. Die Gegner des Kurators Chris Dercon verwechselten allerdings Kritik mit Wutgeheul und führten sich, wie Spiegelkolumnist Georg Diez zurecht anmerkte, wie die „Kulturverächter der AfD“ auf. Dabei sollte Dercon genau jenen Wechsel der viel zitierten „Sehgewohnheiten“ initiieren, den gerade Theatermacher für sich beanspruchen. Die Politik allerdings ließ Dercon fallen, als sich Widerstand formierte. Der Belgier teilt damit das Schicksal seines Kollegen Adam Szymczyk, dessen Idee einer Documenta, die gleichzeitig in Kassel und Athen stattfinden sollte, von Politikern erst gefeiert und dann zerrissen wurde. Überzogene Budgets liefern den sicheren Anlass für Generalabrechnungen, die in Wirklichkeit dem künstlerischen Konzept gelten. Hier weiterlesen: Der Kurator als Intendant - Chris Dercon im Interview.

Keine Lust auf Neues

Dercon und Szymczyk sind mutig aufgebrochen zu jenen alternativen Weltsichten, die die Künste doch angeblich liefern sollen. Ihr Scheitern zeigt aber, wie porös der gesellschaftspolitische Konsens rund um die Künste und ihre angeblich erwünschten Wirkungsweisen geworden ist. Es scheint, als greife eine leise Angst vor allzu viel Provokation und Herausforderung um sich. Wer die kalkulierte Abweichung vom gedanklichen Mainstream nicht mehr ermutigen will, unterlässt Nachfrage und Kritik und folgt nun womöglich einem vermuteten Konsens, der frösteln macht. Die Juroren des Echo-Musikpreises lieferten den beschämenden Beleg für solche Anpassung, als sie mit der Auszeichnung der Rapper Kollegah und Farid Bang auch deren antisemitisch eingefärbten Songtexte adelten. Die Entscheidung, daraufhin gleich den ganzen Echo-Preis einzustellen, zeigt immerhin, dass die Einmütigkeit über Werte der Menschlichkeit und Toleranz in unserer Gesellschaft noch nicht zerbrochen sind. Hier weiterlesen: Parcours durch Athen - Performances der Documenta 14.

Wie in der heute-show

Kulturmacher gehen fahrlässig mit den Künsten um, beschädigen ihren Ruf und ihre Wirkung. Nicht nur der Echo-Preis lieferte dafür das bestürzende Exempel. Beunruhigend auch, wie leichtfertig im Konstanzer Stadttheater zur Premiere von Georg Taboris „Mein Kampf“ Theaterleute Hakenkreuz und Judenstern für einen Marketinggag instrumentalisierten. Oder hatte da der Regie führende Comedian Serdar Somuncu die Theaterbühne mit der Satiresendung heute-show verwechselt? Und irritierend, wie die Jury des Literaturnobelpreises zuletzt in einem Strudel aus Indiskretionen und Sexskandalen versunken ist. Die Beispiele mögen im Einzelfall unvergleichbar sein, sie alle beschädigen aber die Kultur. Wer traut der Kultur und den Künsten derzeit noch zu, kriselnden Gesellschaften aufzuhelfen? Die Diagnose beunruhigt, da gerade jetzt die Kultur als Freiraum und Ideengeber gefragt ist. Hier weiterlesen: Von Monroe bis Jagger - wie Fotos und Instagram-Bilder Stars machen.