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Oper nach Pier Paolo Pasolini Osnabrücker Publikum feiert Uraufführung von „San Paolo“

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Augen auf: Anania (Genadijus Bergorulko, links) gibt Paolo (Jan Friedrich Eggers) das Augenlicht zurück. Foto: Jörg LandsbergAugen auf: Anania (Genadijus Bergorulko, links) gibt Paolo (Jan Friedrich Eggers) das Augenlicht zurück. Foto: Jörg Landsberg

Osnabrück. Anhaltenden Applaus erntet die Uraufführung der Oper „San Paolo“ von Sidney Corbett am Samstagabend im Osnabrücker Theater am Domhof. Und das trotz eines sperrigen Stoffes und sperriger Musik.

Für Jan Friedrich Eggers ist es ein großer Abend. Der Bariton hat die Titelrolle in der Oper „San Paolo“ inne, und er singt die Partie mit mächtiger Stimme, autoritär, verbindlich, salbadernd, man könnte sagen: so ambivalent, wie diese Titel gebende Figur gesehen wird. Eggers ist der Apostel Paulus, gleichzeitig ist er der Regisseur, Autor, Aktivist Pier Paolo Pasolini. Paulus-Pasolini predigt mit klangvoller Stimme in geschliffenen Tönen und Worten, stellt sich seinen Gegnern und seinen Mitstreitern. Ob er dabei mehr Paulus oder mehr Pasolini ist – nun, das ist eine der Fragen, die die Oper von Sidney Corbett offenlässt. Das Publikum hat die Uraufführung im Theater Osnabrück mit minutenlangem Applaus gefeiert.

Corbetts zweite Oper für Osnabrück

Wie schon im „Großen Heft“, der ersten Oper, die Corbett für das Osnabrücker Theater komponiert hat, stehen die Stimmen und das Wort im Vordergrund. Klangschichtungen mit ausgesprochen perkussiver Komponente stützen dabei das gesungene Wort, und Spannung erzeugt Corbett, indem er Klangflächen ineinanderschiebt und Akzentfolgen verdichtet. Aber Entwicklung, ein sprechendes Orchester gar, lässt der minimalistische Ansatz nicht zu. Eher gleicht die Musik einem riesigen auskomponierten Orchester-Rezitativ. Weiterlesen: So war „Das Große Heft“

Und warum Pasolini? Nun, Corbett und Ralf Waldschmidt, Intendant des Theaters Osnabrück und gleichzeitig Librettist, teilen die Begeisterung für den italienischen Filmemacher, Dichter, Publizisten. Ein Skript zu einem nicht realisierten Film über den Heiligen Paulus lieferte die Vorlage, und reizvoll wird der Stoff, weil Pasolini sich mit dem Apostel identifiziert hat. Damit könnte die Oper all das verhandeln, was Pasolini umgetrieben hat: Religion, Kommunismus, Homosexualität. Weiterlesen: Sidney Corbett und Ralf Waldschmidt sprechen über ihre Pasolini-Oper

Stationen eines Heiligenlebens?

Regisseur Alexander May war damit betraut, nach dem „Großen Heft“ auch dieses Corbett-Waldschmidt-Opus auf die Bühne zu bringen. Er reiht dabei Bild an Bild und hangelt sich so durch die Lebensstationen Paulus-Pasolinis. Bewegung kommt dabei, wie so oft bei May, in erster Linie durch die Drehbühne ins Spiel und durch Videoprojektionen von Jana Schatz.

Als Schauplatz hat Bühnenbildner Wolf Gutjahr verschachtelte Kuben auf die Bühne gestellt, die wie ein aufgeschnittenes Haus Lebensräume zeigen. Im Erdgeschoss trifft Paolo auf Figuren wie Petrus, Timotheus und aufs gemeine Volk, das mal für Résistance-Kämpfer im von den Nazis besetzten Paris steht, mal für Herrschaften der Adenauer-Ära, die ihre Nazivergangenheit nonchalant unter den Teppich kehrt. Die Oberstübchen sind hingegen der göttlichen Sphäre vorbehalten: Hier erscheinen Jesus und jede Menge Jesuskinder in ironischer Brechung. Den Jesus singt nämlich Sopranistin Lina Liu und ihrer eindringlichen, lyrischen Stimme sowie der Kinderchor des Theaters.

Pasolini und #MeToo

Pasolinis Kritik an Religion, Kirche und Gesellschaft klingt nur im Pianissimo an. Dabei rufen Thesen des Paulus wie die zur Rolle der Frau in der Gesellschaft doch angesichts von #MeToo und Genderdebatte nach Stellungnahme. Und polarisiert nicht gerade die Frage nach dem Verhältnis von Religion und Staat, Stichwort Kopftuch und Kruzifix, derzeit unsere Gesellschaft? „San Paolo“ aber erzählt eine Art Künstlerbiografie, in der Paulus-Pasolini im Zweiten Weltkrieg auf den Plan tritt und, über Stationen wie Auschwitz und Adenauer-Republik, im New York der Flower-Power-Zeit der Welt entschwebt. Zum Aufreger taugt das nicht, zumal sich das Stück recht zugeknöpft gibt: Wer seinen Apostel Paulus nicht kennt oder im Vorfeld intensiv die Inhaltsangabe im Programmheft studiert, wird neunzig Minuten lang wenig begreifen.

Die Brandrede von Susann Vent-Wunderlich

So wenig Corbetts Musik dabei erhellt, so redlich arbeitet das Osnabrücker Symphonieorchester unter Daniel Inbal daran, die Partitur zum Klingen zu bringen. Da schälen sich von der Tuba bis zur Oboe markante Solomomente heraus, und Akzente setzt das Orchester mit maximaler Präzision. Die berührenden Momente sind aber den Sängern vorbehalten. So darf Susann Vent-Wunderlich mit großem dramatischem Impetus eine beeindruckende Brandrede wider Paulus halten, die direkt an die großen Furien der Operngeschichte anschließt. Was zeigt: Von Stimmen versteht Sidney Corbett etwas. Deshalb kommen auch die Sänger des Ensembles gut zur Geltung: Genadijus Bergorulko als Anania und Barnabas, Rhys Jenkins als Petrus, Daniel Wagner als Timotheus. Den Chor schließlich hat Markus Lafleur gut vorbereitet, Regisseur May lässt ihn hingegen etwas statisch aussehen. Die Regie ist hier allerdings auch vor eine besondere Herausforderung gestellt: „San Paolo“ ist mehr Oratorium als Oper. Das macht die Sache nicht leichter.


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