Geschichten hinter dem Verbrechen Ferdinand von Schirach im Theater Osnabrück

Von Marie-Luise Braun

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Osnabrück. Im ausverkauften Theater Osnabrück las Ferdinand von Schirach drei Geschichten aus seinem neuen Buch „Strafe“. Zuvor hielt er einen Vortrag über den Prozess gegen Sokrates. Es folgten ausgiebiger Applaus und eine lange Schlange vor dem Signiertisch.

Unvermittelt betritt Ferdinand von Schirach die Bühne des Theaters, legt seine Unterlagen auf das Stehpult und beginnt nach einer kurzen Begrüßung zu sprechen. Eine Einleitung durch die Gastgeber des Literaturspots – das Theater und die Dombuchhandlung – hat der Autor nicht gewünscht. So hat er die Bühne für sich allein und füllt sie zunächst mit einer Geschichte aus der Vergangenheit Griechenlands und der Demokratie: Ferdinand von Schirach spricht über den Prozess gegen den Philosophen Sokrates.

„Lesungen, geben wir es doch zu, sind immer auch ein bisschen langweilig“, warnt der Jurist zu Beginn. Das „ein bisschen“ stimmt an diesem Abend. Nicht, weil es keine klassische Lesung ist. Der Vortrag ist eigentlich eine gute Ergänzung. Aber von Schirach spricht nicht frei. Fast den gesamten Text liest er ab. Gekonnt zwar, aber was ist das gegen eine freie Erzählung?

Auf präzise Formulierungen aber kommt es von Schirach an – und seinen Geschichten kommen sie auch zugute. 2009 veröffentlichte Ferdinand von Schirach sein Buch „Verbrechen“. Seither schreibt er sehr erfolgreich über juristische Fälle und was hinter ihnen steckt – vor allem, was in den Menschen vorgeht, aus welcher Vergangenheit heraus sie etwa einen Mord begehen.

Nebenberuflich fing der frühere Rechtsanwalt mit dem Schreiben an. „Es war zu viel geworden“, nennt er in der letzten Geschichte seines jüngsten Buches den Grund. Sie sei neben „Das Cello“ seine persönlichste Geschichte, sagt der Jurist während der Veranstaltung. Ein Freund aus der Kindheit hatte sich das Leben genommen. Ein paar Monate später hat Schirach mit dem Schreiben begonnen: „Ich dachte an die Menschen, die ich verteidigt hatte, an ihre Einsamkeit, ihre Fremdheit und ihr Erschrecken über sich selbst.“

Seine Geschichten beleuchten nicht nur die Fälle. In unaufgeregtem Ton beschreibt von Schirach, was in Menschen vorgeht. Nicht nur in denen, die zu Tätern werden, er berichtet auch aus dem Innenleben von Juristen. Im Gegensatz zu seinen bisherigen Erzählungen bleiben einige der zwölf Geschichten in „Strafe“ aber seltsam in der Luft hängen. Sie scheinen keinen richtigen Abschluss, keine Pointe zu haben. Das irritiert zunächst. Letztlich aber sind sie so, wie das Leben eben auch. Und der Schriftsteller gibt mit ihnen einer Sache Raum, die nicht nur in der Rechtsprechung wichtig ist: Zu bedenken, dass Menschen oft von Motiven geleitet werden, die auf den ersten Blick für andere nicht ersichtlich sind. Das zu wissen, zu bedenken oder sogar nachzufragen, macht das Miteinander reicher.