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Auftakt mit Beethovens Missa Solemnis 3. Internationales Musikfest Hamburg startet in der Elbphilharmonie

Von Ralf Döring (dö)

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Gelungene Eröffnung: Genia Kühmeier, Stefanie Irányi, Andrew Staples, Georg Zeppenfeld und Thomas Hengelbrock (von links) sowie der Chor des Bayerischen Rundfunks, NDR Chor und das NDR Elbphilharmonie Orchester eröffnen in der Elbphilharmonie das 3. Internationale Musikfest Hamburg. Foto: Daniel DittusGelungene Eröffnung: Genia Kühmeier, Stefanie Irányi, Andrew Staples, Georg Zeppenfeld und Thomas Hengelbrock (von links) sowie der Chor des Bayerischen Rundfunks, NDR Chor und das NDR Elbphilharmonie Orchester eröffnen in der Elbphilharmonie das 3. Internationale Musikfest Hamburg. Foto: Daniel Dittus

Hamburg. Im Jahr eins nach der Eröffnung ist noch vieles neu im Hamburger Konzertflaggschiff. Am Freitagabend zum Beispiel beginnt das dritte Internationale Musikfest Hamburg; es ist das erste für die Elbphilharmonie.

„Utopie“ steht als Motto über dem Internationalen Musikfest Hamburg, und es folgt einer gewissen Logik, wenn Christoph Lieben-Seutter das Motto auf sein Haus, die Elbphilharmonie, bezieht: Die ist ja selbst nur knapp daran vorbeigeschrammt, eine teuere Utopie zu bleiben. Doch die Utopie ist wahr geworden, und damit ankert das Format „Internationales Musikfest“ ab diesem Jahr in der Elbphilharmonie, um von da in die Stadt auszustrahlen. 

Im Mittelpunkt steht Stockhausen

Utopie also als Motto: Dazu sagt der Hamburger Kultursenator Carsten Brosda ein paar gewitzte Worte und unterstreicht dabei die Bedeutung der Kultur für Politik und Gesellschaft, und der Kulturpublizist Konrad Paul Liessmann spricht in seinem Festvortrag über die Rolle der Utopie in diesen Tagen und in der Musik. Umrahmt aber wird der Festakt von zwei kurzen Ausschnitten aus Karlheinz Stockhausens „Stimmung“ für sechs Vokalstimmen. Das Forum Neue Vokalmusik drückt darin nicht nur Stockhausens Witz aus, sondern stellt durch Obertongesänge auch eine passende jenseitige Atmosphäre her. Das fügt sich aber auch generell ins Festival, bildet doch Stockhausen einen Schwerpunkt in diesem Jahr; unter anderem dirigiert Peter Eötvös den Donnerstag aus dem Zyklus „Licht“, und zwar auf Kampnagel. Das erhöht die Chance auf ein Ticket - die Konzerte in der Elphilharmonie sind selbstverständlich ausverkauft.

Fürs Eröffnungskonzert selbst setzt man indes doch nicht auf Stockhausen, sondern auf Beethoven, und zwar seine Missa Solemnis op. 123. Ein Bruch? Allenfalls ein leichtes Zugeständnis ans Publikum, das sich nicht gleich mit der Avantgarde-Musik Stockhausens konfrontiert sieht. Das Werk blieb allerdings zu Beethovens Lebzeiten unverstanden, und auch heute stellt es die Hörerin und den Hörer vor höchste Herausforderungen, um zu begreifen und in seiner Tiefe zu ermessen, was Beethoven da mit dem katholischen Messtext anstellt. Der scheidende Chefdirigent Thomas Hengelbrock nimmt sich der Exegese an: Er dirigiert das NDR Elbphilharmonie Orchester, den NDR Chor und den Chor des Bayerischen Rundfunks sowie ein fantastisches Solistenquartett. Genia Kühmeier übernimmt den Sopran-Part, Stefanie Irányi, springt für die erkrankte Wiebke Lehmkuhl ein und singt die Alt-Partie bezaubernd, Andrew Staples ist der stimmkräftige und souveräne Tenor, Georg Zeppenfeld überzeugt durch die kraftvolle Eleganz seines Basses.

Hengelbrocks langer Atem

Damit ist die halbe Miete für Beethovens monumentales wie rätselhaftes Alterswerk geleistet. Aber auch Orchester, Chor und Dirigent legen an diesem Abend eine glanzvolle Leistung hin. Warum Hengelbrock dem majästetischen Kyrie ein Orgelpräludium vorschaltet, erschließt sich zwar nicht ganz — wollte er die Hausorgel zur Geltung bringen, auf das Orgelpräludium beim Gottesdienst anspielen, oder wollte er den offenen Fragen in Beethovens Werk nur noch eine eigene hinzufügen? Wie auch immer: Hengelbrock realisiert ab dem ersten Akkord Beethovens eine überaus dramatische Lesart, mit viel Atem für lang angelegte Steigerungen, die in intimen Pianopassagen ihren Ausgang nehmen. Das Solistenquartett harmonisiert wunderbar, der Chor klingt bei aller Fülle transparent (Einstudierung: Howard Arman), und das Orchester spielt pointiert und ausdrucksstark — wenn die gnadenlose Akustik der Elbphilharmonie da mal einen Wackler im Sopran oder im Orchester aufdeckt, ist das eher der menschliche Faktor denn ein Makel. Entscheidend ist doch, wie tief Hengelbrock das Stück durchdringt, wie zeitlos Beethovens Verknüpfungen mit der Realität leider sind (die Kriegstrompeten und -pauken kurz vor Schluss haben auch heute noch ihre schreckliche Gültigkeit), wie rätselhaft und gleichzeitig Beethovens Utopie knapp 200 Jahre nach der Uraufführung immer noch auf uns wirken kann.


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