Verdacht auf Wirtschaftskriminalität Voruntersuchung gegen Nobelpreisjury

Von André Anwar

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Der ehemalige Juryvorsitzende Horace Engdahl. Foto: dpaDer ehemalige Juryvorsitzende Horace Engdahl. Foto: dpa

Stockholm. Nun ermittelt auch noch die Staatsanwaltschaft in dem verwirrenden Skandal um die Literaturnobelpreisjury der Schwedischen Akademie. Bislang war er vor allem von vermeintlichen sexuellen Übergriffen geprägt. Nun kommt der Verdacht auf Wirtschaftskriminalität hinzu.

„Wir haben eine Voruntersuchung eingeleitet, auf Grundlage von Informationen, die uns die Schwedische Akademie gegeben hat. Es geht dabei um nicht geringe wirtschaftliche Vergehen“, sagt Chefankläger Jan Tibbling von der schwedischen Einheit für Wirtschaftskriminalität unserer Redaktion. „Worum es genau geht, kann ich derzeit nicht erzählen und auch nicht, wann wir entscheiden, ob es zu einer Anklageerhebung kommt“, sagt er.

Die Akademie hatte zuvor bei einer privaten Anwaltskanzlei eine interne Ermittlung in Auftrag gegeben. Sie betreffen Anschuldigungen wegen sexueller Übergriffe auf 18 Frauen gegen den Kulturveranstalter Jean-Claude Arnault. Der 71-Jährige ist der Ehemann von Katarina Frostenson, die kürzlich aus der Preisjury entlassen worden ist, und steht der Jury selber sehr nahe.

Parteiische Befangenheit

Die Akademie hat die Ergebnisse vor einer Woche an die Behörden übergeben. In dem internen Ermittlungsbericht ging es um die Anschuldigungen sexueller Natur, aber auch um die mögliche Veruntreuung von Geldern und inwieweit die Schwedische Akademie darin verwickelt ist. Zwar arbeitete Arnault nie direkt für die Schwedische Akademie, weshalb etwa Jurymitglied Horace Engdahl den Skandal zulasten des Literaturnobelpreis es für übertrieben hält. Doch Arnault führte mit seiner Ehefrau den privaten Kulturklub „das Forum“, auch „Wohnzimmer“ genannt. Das Paar erhielt dafür Gelder und Räumlichkeiten der Schwedischen Akademie in Stockholm und Paris, wo auch ein Teil der Übergriffe stattgefunden haben soll.

In dem teilweise veröffentlichten Bericht, der mehrere Hundert Seiten umfasst, wird beschrieben, dass die Zusammenarbeit in den letzten Jahren vertieft wurde. Der Bericht betont, dass ein Risiko für parteiische Befangenheit bei der Vergabe von Geldern an Arnault für dessen Klub durch die Akademie bestand. „Dass die Organisation eine Zusammenarbeit mit einem Zuschussempfänger hat, der ihr gleichzeitig Dienste liefert und einer Person nahesteht, die eine führende Stellung in der Organisation hat, ist etwas, was die meisten Unternehmen, Stiftungen, Vereine und Verwaltungen wegen Befangenheitsrisikos nicht zulassen“, heißt es kritisch. Zudem soll der Klub möglicherweise gegen Buchführungs- und Steuergesetze verstoßen haben.

Zu den sexuellen Beschuldigungen gegen Arnault heißt es im Bericht, dass die derzeitigen Preisjurymitglieder davon nichts gewusst haben. Doch anscheinend sind die wirtschaftlichen Vergehen in dem Ermittlungsbericht doch so ernst, dass Chefankläger Tibbling nun ermitteln lässt.

In den vergangenen Tagen wurde zudem von im Protest ausgetretenen Preisjurymitgliedern gefordert, den Literaturnobelpreis in diesem Jahr nicht zu vergeben. Dies haben allerdings mehrere noch amtierende Jurymitglieder wie auch führende Persönlichkeiten der Schwedischen Akademie ausgeschlossen. So sagte Akademiemitglied Göran Malmqvist, dass die Auswahl des diesjährigen Literaturnobelpreisträgers unabhängig vom Skandal gemäß Plan verlaufe. Den Preis aufzuschieben, „erscheint mir vollständig verrückt“, sagte er der Zeitung „DN“. „Wir sind die mittellange Liste mit 20 Schriftstellern durchgegangen. Ende Mai werden wir die letzte Liste mit fünf Schriftstellern erarbeitet haben“, sagt er. „Wir haben dann den ganzen Sommer, um die fünf Schriftsteller zu lesen – und wir lesen schnell“, verriet er „DN“. Doch anscheinend ist das letzte Wort noch nicht gesprochen.


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