Statement gegen Gangster-Kollegen Die Fantastischen Vier veröffentlichen ihr zehntes Album

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Wenn Pioniere zur Institution werden: Die Fantastischen Vier bleiben auf ihrem zehnten Longplayer ihrer Pop-Affinität treu. Foto: imago/Sven SimonWenn Pioniere zur Institution werden: Die Fantastischen Vier bleiben auf ihrem zehnten Longplayer ihrer Pop-Affinität treu. Foto: imago/Sven Simon

Seit über dreißig Jahren zeigen die Fantastischen Vier, wie man versiert und dennoch brisant Hip-Hop ins Popbett legt. Mit ihrem zehnten regulären Studioalbum beweisen die Stuttgarter, dass sie auf ihre alten Tage alles andere als abgeklärt oder gar müde geworden sind.

Osnabrück. Wäre dies eine „wunderschöne Welt“, wenn es keine Religion gäbe? Die Fantastischen Vier würden die Frage mit „Ja“ beantworten. Zu hören ist diese Meinung in dem Song „Endzeitstimmung“, der auf dem neuen Album der Stuttgarter Hip-Hopper zu hören ist. „Captain Fantastic“ heißt der zehnte Longplayer der Stuttgarter, und er dürfte zum Ohrenschmaus für all die werden, die Hip-Hop nicht mit grenzwertig frauenfeindlichen, homophoben oder gar antisemitischen Reimen identifizieren. Denn die Fanta 4 bedienten immer schon eine Klientel, die sich für die Umwelt engagiert und gegen Fremdenfeindlichkeit und andere rechtsextreme Tendenzen eintritt. Und sie werden nicht müde: „Geht mir weg mit eurem Stolz auf die eigene Nation. Ihr seid nicht das Volk, ihr seid Vollidioten“, reimen sie und fragen, wo den Gott oder Allah ist, wenn im Mittelmeer wieder Flüchtlinge von ihren überfüllten Booten fallen und ertrinken.

Gesellschaftskritik

Als hätten sie etwas von dem Echo-Skandal geahnt, bringen die Fanta 4 gerade jetzt ein Album heraus, das zumindest wegen einiger Songs als direktes Statement gegen die Kollegen gewertet werden dürfte, die auf Gangster machen und ihren Mund zu voll mit abwertenden Worthülsen nehmen.

Sicherlich werden viele Kollegah- und Farid-Bang-Fans die von Smudo, Thomas D., Deejot Hausmarke und And.Ypsilon geäußerte Gesellschaftskritik nicht ernst nehmen, weil sie einst mit geradezu albernen Songs wie „Die da!?!“ oder „Sie ist weg“ Hits landen konnten. Aber die Fantas haben nie einen Hehl daraus gemacht, dass Hardcore-Rap mit Street-Credibility nicht ihr Ding ist. Stattdessen haben sie es stets geschafft, trotz großer Pop-Affinität ihre inhaltliche Glaubwürdigkeit nicht zu verlieren, wenn es um eine offene und freiheitliche Weltanschauung geht. Für diesen „Spirit“ steht jetzt „Captain Fantastic“.

Samy, Curse und Clueso

Man höre „Fantanamera“. Voller Wucht punchen die Beats von And.Ypsilon, unterbrochen von zarten Pianotönen, derweil die drei anderen Fantas die Geschichte ihrer Karriere in wohlgewählte Reime fassen. Nachdenklich werden die Texte in Tracks wie „Watchmen“, und der Spaß kommt auf dem Album natürlich auch nicht zu kurz: „Ich bin was ich bin, das ist mein DididididididiDing“.

Wie in der Branche üblich, haben die Fantastischen Vier auch wieder ein paar Gäste eingeladen, die sich an der Realisation des Albums beteiligt haben. Mit Samy Deluxe, Curse und Damion Davis sind sie vorab in Klausur gegangen, um zusammen an ihren neuen Reimemonstern zu basteln. Diese Kollabo lieferte denn auch den Titel für einen Song, den sie mit ihrem Buddy Clueso aufgenommen haben. Mit „Zusammen“ beschwören sie das Gefühl, das man nicht nur in einer Zweierbeziehung erleben kann. Einen hypnotischen Supergroove inklusive krasser Orgelsounds und Gesangspassagen legen die Pop-Hopper vor, wenn sie mit Flo Mega ein Plädoyer gegen Coolness entwerfen: „Hot“. Und dann wäre da noch der Song „Hitisn“, der gegen Ende des Albums eine denkwürdige Reprise erfährt: Big-Band-Jazzer Tom Gaebel singt mit Schmelz und geflöteter guter Laune „ein Hit is’n Hit…“

Unterhaltsame Ideen

Da darf man gespannt sein, wie die Fanta 4 die neuen Songs bald live darbieten. Sie sind nicht nur erfinderische Musiker, sondern beweisen mit ihren Bühnenshows, dass sie großartige Entertainer sind, die voller Energie und angereichert mit unterhaltsamen Ideen ihre Fans zu faszinieren verstehen.

Und: Wäre die Albumveröffentlichung nicht schon genug Grund zu feiern, werden die Fantas auch noch ausgezeichnet. Für ihre Rolle als „Wegbereiter einer neuen deutschen Musikgeschichte“, wie der Verein Deutsche Sprache aus Dortmund mitteilte, erhalten sie den mit 30000 Euro dotierten Jacob-Grimm-Preis „Deutsche Sprache“.

So gibt man den Fantastischen gern den Titel mit auf den Weg, den sie als Rausschmeißer auf das Album gepackt haben: „Weitermachen“! (Mit dpa)


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