Zwei Filmklassiker restauriert Kriegsgräuel und Versöhnung mit dem Erbfeind

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Der Antikriegsfilm „Westfront 1918“ besitzt auch heute noch das Potenzial zu verstören. Foto: Deutsche KinemathekDer Antikriegsfilm „Westfront 1918“ besitzt auch heute noch das Potenzial zu verstören. Foto: Deutsche Kinemathek

Osnabrück. Zwei frühe Tonfilme von Georg Wilhelm Pabst, „Westfront 1918“ und „Kameradschaft“, sind nun wieder in der Ursprungsfassung erhältlich. Ein Glücksfall.

Bomben heulen, Soldaten kriechen durch Stacheldraht, die Hand eines Toten ragt aus einem Wasserloch, in einem Lazarett sterben Menschen unter Qualen: Als „Westfront 1918 – Vier von der Infanterie“ im Februar 1930 in den damals neu auf Tonfilm eingerichteten Kinos anlief, muss er wie ein Schock gewirkt haben. Fast zehn Monate vor der Uraufführung von „Im Westen nichts Neues“ wagte es Regisseur Georg Wilhelm Pabst, die Schrecknisse des Ersten Weltkrieges in aller Deutlichkeit zu zeigen. Sein Realismus veranlasste viele Zuschauer, den Kinosaal zu verlassen. Sie konnten die Brutalität nicht ertragen.

Der berühmte T heaterkritiker Alfred Kerr war jedoch begeistert: „Man sollte den Film an jedem Neujahrstag vorführen (…) in jedem Dorf, in der Schule, von Amts wegen. Was sind dagegen Theaterstücke?“

Zweifellos besitzt „Westfront 1918“ auch heute noch das Potential zu verstören. Er packt. Und regt zum Nachdenken an. Was übrigens auch für den ein Jahr später uraufgeführten von Pabst, „Kameradschaft“, gilt. Er zeigt die dramatische Rettungsaktion deutscher Kumpels nach einem Unglück in einer französischen Kohlengrube. Obwohl der Film geschickt die Muster des Katastrophenthrillers bedient, steht letztlich doch die Aussöhnung mit dem „Erbfeind“ Frankreich im Mittelpunkt.

Durch den Einsatz von Laiendarstellern und realen Drehorten, aber auch einer äußerst beweglichen Kamera erreichte Pabst eine größtmögliche Authentizität, zu der auch die (damals nicht untertitelten) deutschen und französischen Dialoge beitrugen. In Deutschland wurden beide Filme mit der Machtübernahme der Nazis 1933  verboten. Für die Zensur galten die Filme als „Wehrmoral zersetzend“. Das „Kino der Weimarer Republik“ musste Platz machen für Goebbels‘ Propagandaminsisterium.

Lange Zeit nicht verfügbar, hat das Label „Atlas Film“ nun beide Filme in zwei mustergültig edierten Mediabooks als Blu-Ray und DVD veröffentlicht. Komplettiert aus verschiedenen internationalen Filmkopien und in Bild und Ton restauriert, bieten die Booklets zudem viele Zusatzinformationen. Besonders interessant: die abgedruckten zeitgenössischen Kritiken, etwa von Ludwig Marcuse, Siegfried Kracauer oder dem NS-Blatt „Völkischer Beobachter“.

Dass mit „Westfront 1918“ als auch „Freundschaft“ nun endlich zwei Meisterwerke wieder in der Ursprungsfassung zugänglich sind, darf als cineastischer Glücksfall angesehen werden. Eine der spannendsten Heimkino-Veröffentlichungen seit langem.


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