„Infinity War“ ist gescheitert Ab sofort ist alles egal: „Avengers: Infinity War“

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Berlin. Die Russo-Brüder haben zwei der besten Marvel-Filme gedreht. Mit „Avengers: Infinity War“ liefern sie nun eine umso größere Enttäuschung ab. Und das gerade nicht wegen der Heldentode beliebter Figuren.

Der Superschurke und die Drehbuch-Autoren haben dasselbe Problem: Überbevölkerung. Im 19. Film der Reihe hat das Marvel-Universum so viele Helden, dass nur ein Massenmord den Überblick wiederherstellen könnte. Wie gut, wie grausig ist „Avengers: Infinity War“? (Hat Lego gespoilert? Trifft Hulk die X-Men? 10 Fakten zu 10 Jahren Marvel Universe)

Die Russo-Brüder: Was macht ihre Marvel-Filme aus?

Die Verfilmungen der Marvel-Comics schwanken zwischen zwei Polen: hier die selbstzweckhafte Ausgelassenheit der „Guardians“ und des letzten „Thor“-Abenteuers, dort der Relevanzanspruch, mit dem „Black Panther“ als schwarzer Blockbuster in den USA zum gesellschaftlichen Ereignis wurde. Die Russo-Brüder, die den aktuellen Crossover-Film über alle „Avengers“ gedreht haben (und auch den kommenden inszenieren), gehörten bislang zur zweiten Gruppe: Ihr erster „Captain America“-Film stellte dem NSA-Skandal Amerikas stolzes Selbstbild der Weltkriegsjahre gegenüber; der zweite handelte von der Einbindung einer Supermacht in internationale Bündnisse – und nahm damit Themen der Trump- und Brexit-Ära vorweg. (Was verdient man als Marvel-Star? Paul Bettany alias Vision im Interview)


Neuer Marvel-Schurke: Im Kampf gegen Thanos (Josh Brolin) müssen sich die Avengers noch einmal zusammenraufen. Foto: Film Frame, Marvel Studios

No Politics: „Avengers: Infinity War“ verzichtet auf Zeitbezüge

Wer von „Avengers: Infinity War“ den ganz großen Aufschlag erhofft, wird enttäuscht. Mit Trump jedenfalls hat der amtierende Schurke des Films schon deshalb nichts zu tun, weil er eine erkennbare Agenda hat: Thanos sieht zwar aus wie ein Türsteher, trotzdem gehört er aber zu den komplexeren Kino-Verbrechern, die Böses tun, weil sie etwas Gutes erreichen wollen. Thanos glaubt an eine katastrophale Überbevölkerung des Alls und will zumindest einen Teil aller Lebewesen retten – indem er den anderen Teil ermordet. Sein Problem ähnelt dem der Autoren, die im dritten Avengers-Film mit so vielen Charakteren jonglieren, dass der ein oder andere am Ende einfach runterfallen muss. Seit Langem kursieren Gerüchte, wonach diesmal lieb gewonnene Helden sterben. Und die – so viel darf man vielleicht andeuten – sind nicht aus der Luft gegriffen. Zumal die Logik des Menschenopfers nicht nur den Antagonisten motiviert, sondern auch die Helden: Immer wieder müssen Figuren nicht nur sich selbst, sondern – schlimmer noch – Kinder, Freunde, Geliebte opfern, um ihr Ziel zu erreichen.

Was Nerds und Insider von „Marvel‘s Avengers: Infinity War“ erwarten, lesen Sie hier.

Absolute Unverbindlichkeit dank Infinity Stones

Das besteht vor allem darin, dem Gegner die Infinity Stones abzujagen, ein Nebenprodukt des Urknalls, natürlich mit Superkräften. Mit einem davon lässt sich die Zeit, mit einem anderen die Wirklichkeit verdrehen. Egal, wer und wie viele der Helden also das Leben lassen – per Knopfdruck lässt sich alles korrigieren. Mitunter zerplatzt die ganze Dramatik einer Sterbeszene dabei wie eine Seifenblase – im Wortsinn. Bislang waren es nur die Marvel-Figuren, die ihre Geschichte nicht ernst nahmen und noch beim Weltuntergang lässige Witze rissen. Zum ersten Mal ist jetzt die Geschichte selbst ein Witz. Die Macht der Steine ist nämlich so groß, dass sogar die Russo-Brüder die Seiten wechseln – und ihren ersten vollkommen unverbindlichen Marvel-Film drehen. Auf Kosten der Wirkung: Es nimmt dem Tod den Stachel, wenn der Held jederzeit wieder aufstehen kann, um gleich noch einmal zu sterben. Dass gar nichts mehr gilt, zieht dem tragischsten Helden den Streicherteppich unter den Füßen weg. Man fühlt nicht mehr mit, und das in einem Film, der Anteilnahme schon durch die schiere Masse erschwert: Über 20 Helden – alles unverbesserliche Obelix-Naturen, die nichts mehr lieben als eine Keilerei – jagt das Drehbuch durch eine Ereignisfülle, die dank der Infinity Stones ziemlich bedeutungslos ist. Fast hofft man, dass möglichst viele schon unter der Folter sterben, damit nicht auch sie noch ihre Kampfszene kriegen. (Tatsächlich wird oft und enttäuschend unreflektiert gefoltert.)

Mit „Avengers: Infinity War“ schafft Disney für kommende Filme die erzählerischen Möglichkeiten von Parallelwelten und konkurrierenden Zeitebenen. Der Filmtitel vom nie endenden „Infinity War“ ist also ernst zu nehmen. In einer Art epileptischem Anfall scannt Doctor Strange einmal die 14000605 möglichen Zukünfte seiner gegenwärtigen Situation. Ab sofort gibt es den Freibrief, jede einzelne davon zu verfilmen.

„Avengers: Infinity War“. USA 2018. R: Anthony und Joe Russo. D: Josh Brolin, Chris Hemsworth. 149 Min.. Ab 12 Jahren. Cinema-Arthouse, Filmpassage


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