Rückgabewelle besiegelt das Ende Echo 2018: Die Jury trifft nur eine Teilschuld

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Osnabrück. Eine Rückgabewelle besiegelt gerade das Ende des Echos in seiner jetzigen Form. Dabei hat die Branche den Preis noch nie geliebt.

Die Arbeit beim BVMI, dem Bundesverband Musikindustrie, dürfte derzeit ähnlich erfüllend sein, wie ein Beraterjob für Donald Trump: Empörung aus allen Kanälen und auch nicht der kleinste Erfolg in Sicht. Die derzeit neueste Nachricht (Stand Dienstagmittag): Dirigent Enoch zu Guttenberg gibt seinen Echo aus dem Jahr 2018 zurück. Dem vorausgegangen sind: Der Präsident des Deutschen Kulturrats, Christian Höppner, zieht sich aus dem Beirat des Echo Musikpreises zurück und verabschiedet sich mit den Worten, das Format des Echo-Preises sei „so gesellschaftlich nicht mehr tragbar.“ Pianist Igor Levit kritisiert die Echo-Jury am Montagabend via Twitter scharf für ihren „unfassbaren Fehltritt“, der es ihm unmöglich mache, seinen 2014 „mit großem Stolz in Empfang genommenen Echo Klassik zu behalten.“ Wahrscheinlich versinken die Kollegen in der Poststelle des BVMI derzeit in zurückgegebenen Echos. So, wie der BVMI derzeit in einem Tsunami der Empörung erstickt. Weiterlesen: Christine Adam kommentiert die Echo-Verleihung

Das ist das Ende

Damit dürfte das Ende des Echos in seiner jetzigen Form besiegelt sein. Die Jury trifft dabei lediglich eine Teilschuld: Sie hat die Gewinner aus den Reihen der Nominierten ermittelt, und darunter waren die beiden Rapper – zugelassen von eben jenem Beirat, den Christian Höppner just verlassen hat. „Nach sorgfältiger Befassung“ mit dem Album der beiden, habe man „mehrheitlich entschieden“, dass „die künstlerische Freiheit nicht so wesentlich übertreten wird, dass ein Ausschluss gerechtfertigt wäre“, schreibt der Beirat am 6. April. Gleichzeitig betont er, es handele sich „um einen Grenzfall“, aber das Album „bleibt nominiert“. Für den zweiten Preis? Das wäre ja so, als dürften bestimmte Fußballvereine in ihrer Liga nur um den zweiten Platz spielen. Oder wollte sich der Beirat die Hände im Wasser der künstlerischen Freiheit waschen und die Verantwortung an die Jury delegieren? Weiterlesen: Kommentar zum Echo-Ethikbeirat

Dabei ist die Kritik am Echo alles andere als neu. Die Branche vergibt den Preis, aber sie liebt ihn nicht, weil er auf kommerziellen Erfolgen fußt, wenig über Qualität aussagt und jeder das weiß. Als verkaufsförderndes Argument funktioniert er trotzdem, deshalb stimmen alle in den Echo-Lobgesang ein, und gerade Nachwuchskünstler werden sich nicht mit ihren Labelchefs überwerfen. Und die Presse, so viel Selbstkritik muss sein, spielt das Spiel ebenfalls mit: Zwar hat wohl jeder Musikjournalist Deutschlands schon mal seine Echokritik geäußert. Einer ausführlichen Berichterstattung über die Gala steht das aber nicht im Weg.

Campino bezieht Stellung

Diesmal war, wegen der hässlichen Dissonanzen im Vorfeld, sowieso alles anders. Jeder hat das mitbekommen – bis auf Wolfgang Niedecken, den Sänger von Bap, und Klaus Voormann. Der erhielt den Echo für sein Lebenswerk – vermutlich die einzige Kategorie, die nicht an Verkaufszahlen gekoppelt ist –, und Niedecken hielt die Laudatio. Den Echo hat Voormann bereits zurückgegeben, und Niedecken fühlte sich zu einer „Klarstellung in Sachen Echo“ auf Facebook genötigt. „Ins Messer“ habe man ihn und Voorberg laufen lassen, schreibt Niedecken – dabei war, um im Bild zu bleiben, das Messer schon Tage vorher ausgeklappt, und das in aller Öffentlichkeit. Wie auch immer: Campino hat als Einziger Stellung bezogen gegen die Rapper, gegen Gewaltverherrlichung, Frauenfeindlichkeit, Antisemitismus. Denn eines offenbart der Echo-Skandal auch: All das ist ist kein Phänomen des Hiphop, sondern eines unserer Gesellschaft. Weiterlesen: Ein Rückblick auf den Echo 2017

Warum haben die Echo-Verantwortlichen sich nicht von den Inhalten von Kollegah und Farid Bang distanziert, oder sie in eine Diskussion gezwungen? Vielleicht, weil eine Gala-Veranstaltung sich dazu nicht eignet – zumindest in der Form, wie sie bis letzten Donnerstag üblich war. Fest steht: Der Echo wird sich künftig nicht mehr an Verkaufszahlen orientieren können, sondern Qualitätskriterien festlegen müssen. Ein Beispiel kann sich der BVMI am Preis der Deutschen Schallplattenkritik nehmen. Da urteilen unabhängige Juroren über Qualität von Musik. Ganz unglamourös. Aber sehr wertvoll.


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