Anwalt, Aktivist, Autist Denzel Washington besser als der Film: „Roman J. Israel, Esq.“

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Als Roman J. Israel, Esq. spielt Denzel Washington seine vielleicht beste Rolle in einem Film, der leider nicht mithalten kann. Foto: Sony PicturesAls Roman J. Israel, Esq. spielt Denzel Washington seine vielleicht beste Rolle in einem Film, der leider nicht mithalten kann. Foto: Sony Pictures

Berlin. Ein monomanischer Strafverteidiger zieht gegen eine rassistische Justiz zu Felde: Als „Roman J. Israel, Esq.“ liefert Denzel Washington grandioses Schauspiel – in einem Film, der sich am Ende verzettelt.

Denzel Washington war der einzige Oscar-Nominierte in Dan Gilroys „Roman J. Israel, Esq.“ Und das zu recht. Am 19. April 2018 kommt das Justizdrama ins Kino.

Wer ist Roman J. Israel?

Roman J. Israel betritt das Geschehen in weiten Anzügen mit extrabreitem Revers. Seine Brillengläser sind groß wie ein Röhrenfernseher, und es dauert eine ganze Weile, bis man begreift: Am historischen Kopfhörer, den er sich in den Afro-Bob drückt, hängt gar kein Walkman, sondern ein iPod. Dan Gilroys Justizdrama spielt heute, auch wenn die Hauptfigur es nicht zu wissen scheint.

Die letzten vierzig Jahre hat der Titelheld in den zeitlosen Hinterzimmern einer Anwaltskanzlei überwintert. Als Jura-Student in den 70er Jahren politisiert, verbringt er sein berufliches Leben als rechte Hand eines Bürgerrechtsaktivisten. Sein Chef und Partner kämpft vor Gericht für aussichtslose Fälle; er selbst bleibt im Hintergrund. Als inselbegabtes Gedächtnisgenie ist Roman Israel bei der Prozessvorbereitung zwar unersetzlich; für den Auftritt vor dem Richter disqualifiziert ihn sein soziales Unvermögen. Nachdem sein Kompagnon einen Herzanfall erleidet und ins Koma fällt, muss er über Nacht seinen Schutzraum verlassen.

„Roman J. Israel, Esq.“: Denzel Washington und Colin Farrell. Foto: Sony Pictures

Roman J. Israels Kampf gegen den institutionellen Rassismus

Eine knappe Stunde lang beobachtet die Kamera, wie ein aus der Zeit Gefallener sich an der Gegenwart die Nase blutig schlägt: Vor Gericht schadet er seinen Mandaten mit derselben Pedanterie, mit der er zuhause nächtliche Bauarbeiter wegen Ruhestörung anschwärzt. Als er über Beziehungen in einer Elite-Kanzlei unterkommt, beleidigt er vor allem die Führungskräfte. Wenn es drauf ankommt, murmelt Roman Israel nur mit schlaffer Mimik vor sich hin. Wenn er sich ein Erdnussbutter-Sandwich schmiert, leuchten seine Augen in kindlicher Freude.

Es ist ein Vergnügen, Denzel Washington bei alldem zuzusehen. In einer vollkommenen Verwandlung wird der Schauspieler, der seine zwei Oscars in Kriegs- und Cop-Filmen bekommen hat hier zu einem alten Jungen, der nicht versteht, wieso nicht alle so denken wie er selbst. Denn Roman J. Israel hat eine Mission: Er plant nichts Geringeres als die Reform einer Strafjustiz, deren institutionellen Rassismus er täglich erlebt.


Was will Dan Gilroy eigentlich erzählen?

Das Thema ist hochrelevant, und Denzel Washingtons Roman J. Israel unbestreitbar eine tolle Figur. Leider weiß der Autor und Regisseur Dan Gilroy nicht recht, was er mit ihr anfangen soll. Lange etabliert er seinen Helden als exzentrischen, womöglich autistischen Vertreter der alten Bürgerrechtsbewegung. Die Bilder und Plakate seiner Wohnung sind ein Familienalbum afroamerikanischer Ikonen. Immer wieder konfrontiert der Film ihn mit jungen Aktivisten, deren Methoden und Denkmuster Roman unvertraut sind. Als er bei einer NGO spricht, überwirft er sich noch vor seinem Vortrag mit den engagierten Studentinnen, die ihn als patriarchalisch empfinden.

Blockieren alter und neuer Aktivismus sich gegenseitig? Ist ein Zusammengehen doch noch möglich? Als man auf den Clash oder eine Synthese wartet, schlägt der Film auf einmal eine ganz neue Richtung ein. Gilroy reichert das Justizdrama um Thrillerelemente an, die Hauptfigur legt mehrere radikale Gesinnungswechsel hin, bis die Ereignisse sich im Finale ebenso dramatisch wie genrehaft zuspitzen. Ist „Roman J. Israel Esq.“ eine Charakterstudie? Eine Anklage des Justizapparats? Oder eine Allegorie auf das Civil Rights Movement? Am Ende der Geschichte ist man so orientierungslos wie die Figur an ihrem Anfang.

„Roman J. Israel Esq.“. USA 2018. R: Regisseur Dan Gilroy. D: Denzel Washington, Colin Farrell. 122 Minuten, ab 6 Jahren.


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