Klaviertrio und großes Ensemble Jazz mal zwei: Neue Alben von Pablo Held

Von Ralf Döring

Spielen im Moment, gestalten die Zukunft des Jazz: Pablo Held (Mitte), Robert Landfermann (l) und Jonas Burgwinkel

            

              
                Foto: J. BindrimSpielen im Moment, gestalten die Zukunft des Jazz: Pablo Held (Mitte), Robert Landfermann (l) und Jonas Burgwinkel Foto: J. Bindrim

Osnabrück. Das Plattenlabel von Pablo Held hat zwar Pause eingelegt. Die Konsequenz für den Jazzpianisten und Bandleader, der auch am Institut für Musik (IfM) in Osnabrück Jazz unterrichtet: Er hat innerhalb weniger Wochen gleich zwei großartige Alben herausgebracht.

Ein bezaubernd schöner Moment im neuen Album des Jazzpianisten und -komponisten Pablo Held beginnt, wenn das Titelstück „Investigations“ noch ganz neu und frisch ist. Da setzt der Bandleader zu einem ruhig ausgesungenen Solo oben im Diskant an, da, wo das Klavier mit Glockenstimme singt, vorausgesetzt, der Pianist verfügt über den sensiblen Anschlag, um diesen Klang zu erzeugen. Pablo Held kann das, und er malt ein unendliche Melodie über die Wolken, sanft gestützt von seinen Freunden und Mitmusikern Robert Landfermann am Bass und Jonas Burgwinkel am Schlagzeug. Dann eine kurze Pause, Schalter umgelegt, und es folgen ein paar Minuten Jazzpowerplay. Weiterlesen: Das Pablo Held Trio live im Lutherhaus Osnabrück

Die Grenze zwischen Komposition und Improvisation

Bereits diese wenigen Minuten belegen die traumwandlerische Sicherheit, mit der das Pablo Held Trio gemeinsam spielt, aus dem Moment heraus komponiert und aus der Komposition heraus seine improvisierten Soli ableitet. „Was passiert zwischen Komposition und Improvisation? Diese Grenze hat mich immer sehr interessiert“, sagt Pablo Held, „und: Wie kann man improvisierend komponieren, und zwar gemeinsam?“ Weiterlesen: The Bad Plus sind Grenzgänger wie Pablo Held


Mit diesen Fragen umreißt Pablo Held seine musikalische Philosophie, und die Antworten, die er darauf findet, lassen sich aktuell auf auf gleich zwei Alben verfolgen: auf der eben erschienenen Trio-Platte „Investigations“, und auf „Glow II“ , ein Album, das nach dem Vorgänger von 2010 den nächsten Entwicklungsschritt seines großen Ensembles dokumentiert.

Den Kern des Glow-Ensembles bildet das Trio mit Landfermann und Burgwinkel. Darum schart er eine Reihe weiterer Musiker wie Henning Sieverts am Bass, Hubert Nuss an den Tasten von Harmonium und Celesta, Niels Klein an Saxofon und Klarinette, Claus Stötter an der Trompete , und allein der Umstand, dass sich hier zwei Bassisten und zwei Männer an den Tasten die Bühne, respektive das Studio teilen, weckt Erinnerungen an große Vorbilder. Tatsächlich sagt Pablo Held: „Ich habe sehr viel Inspiration von Coltranes ,Ascension‘ und Miles Davis‘ Platten wie ,In A Silent Way‘, ,Bitches Brew‘, ,Big Fun‘ bezogen.“

Jazz und Klassik

Zentral ist dabei der freie Fluss des Spiels und der Energie. „Terra“, das Eröffnungsstück von „Glow II“ nimmt sich dafür viel Zeit: Nachdem knapp drei Minuten lang Gitarrenklänge von John Schröder und einzelne Akkorde sich wie freischwebende Elemente umkreisen, formulieren Christian Weidner und Niels Klein an den Saxofonen einen ersten konkreten Gedanken, einen Gedanken allerdings, der sich quer zum nervösen Untergrund der Rhythmusgruppe stellt. Held selbst begibt sich später in einen aufgekratzten Dialog mit Schröders Gitarre; aufdrehen darf dann aber Niels Klein, der mit einem ausführlichen Solo die Band zur Klimax führt.

Überraschend ist dabei immer, wie die Band das Energielevel anhebt. In „Smaragd“ beispielsweise wächst sich eine Tonwiederholung im Saxofon zu einer Klangfläche aus, die flirrt und brodelt und wabert, als hätte Minimalmusikers Steve Reich sie erfunden.

Neues Label, altes und neues Glück

Überhaupt die klassische Musik: Auch sie ist für Pablo Held ein wichtiger Impulsgeber. Das kann sich in instrumentalen Farben seines Glow-Ensembles genau so äußern, wie beim Trio in Akkordverbindungen, die wie ferne Echos von Claude Debussy in Pablo Helds Spiel herüberwehen. In jedem Fall bereitet seine Musik große Freude, egal, ob man mit dem Trio Träumen nachhängt und verfolgt, wie er den Swing ins Heute treibt, oder ob man in die Glow-Welten abtaucht. Und so erweist es sich letztlich als Glücksfall, was katastrophal hätte enden können: Nachdem nämlich das Label Pirouet mit seinen Aktivitäten pausiert, hat Held eine neue Heimat gesucht. Gefunden hat er sie beim englischen Label Edition Records – und dann hat Pirouet entschieden, die Veröffentlichungspause zu unterbrechen, um die Archivschätze auf den Markt zu bringen. Deshalb dürfen wir jetzt auf zwei Alben erkunden, wie Pablo Held seine Jazzphilosophie weiterentwickelt. Ein großes Vergnügen.


Pablo Held: Glow II, ersch. bei Pirouet.

Pablo Held Trio: Investigations, ersch. bei Edition Records.