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„Polarisieren gehört dazu“ RT-Moderatorin Kosubek: Deutsche Konsens-Suche ist pathologisch

Von Daniel Benedict und Burkhard Ewert

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Berlin. Ist sie das verführerische Gesicht von Wladimir Putins Propaganda in Deutschland? Oder einfach eine engagierte Journalistin, die sich als Korrektiv der etablierten Medien versteht? In jedem Fall zieht Jasmin Kosubek als Star der deutschen Sparte des Kremlsenders RT („Russia Today“) viel Aufmerksamkeit auf sich – und Hass.

Wir trafen die Moderatorin bei einem „Arbeiter-und-Bauern-Frühstück“ zum Interview. Nicht ohne Selbstironie hatte Kosubek das russische Szene-Restaurant „Datscha“ im Osten Berlins als Treffpunkt vorgeschlagen.

Frau Kosubek, wie gut ist eigentlich Ihr Russisch?

Sehr schlecht. Wenn man ehrlich ist: nicht existent. Ich beherrsche das halbe Alphabet und kann meinen Namen schreiben. Das würde ich nicht als Russisch-Kenntnisse bezeichnen.

Aber Sie sind ab und zu dort?

Auch das wäre übertrieben. Ich war 2016 für eine kleine Doku über das queere Leben in Sankt Petersburg, also über die Szene von Schwulen und Lesben. Fünf Tage waren wir in der Stadt, später für die Produktion in Moskau.

Und wie fühlen Sie sich als Stimme Russlands in Deutschland? Sind Sie in der Berliner Medienszene ein Außenseiter?

Ich denke schon, dass wir als Außenseiter wahrgenommen werden. Ob wir bewusst gemieden werden, weiß ich nicht. Da müssten Sie andere fragen, ob sie das tun. Richtig ist jedenfalls, dass ich nicht viel mit anderen Journalisten zu tun habe.

Bedauern Sie das?

Es ist, wie es ist, und im Zweifel das Problem der anderen.

Was haben Ihre Freunde gesagt, als Sie bei RT Deutsch angeheuert haben?

Die, die ich als Freunde bezeichne, fanden das eher witzig. Andere, kritische Stimmen oder gar Gegner gab es nicht.

„Der fehlende Part“: Screenshot aus der Internet-Sendung, die Jasmin Kosubek für den russischen Auslandssender RT Deutsch moderiert. Screenshot: dab, YouTube

Sie sind bei RT sehr jung in eine sehr exponierte Position gekommen. Haben Sie den Sender als Talentschmiede gesehen, so wie es früher bei dem Musiksender Viva mal war?

Junge Leute ins kalte Wasser zu werfen gehört zur RT-Strategie. Inzwischen habe ich gelernt, dass das sehr russisch ist; die Einstellung ist da anders. Auch mit wenig Berufserfahrung erhalten Leute die Chance, sich zu beweisen. Persönlich habe ich damals genau so etwas leicht Dubioses gesucht, wie ich es dann auch fand – wobei ich mich gar nicht auf eine Moderatorenstelle beworben hatte. Ausgeschrieben war die Stelle als so etwas wie „News Gathering“ in einer Online-Redaktion. Vor die Kamera haben mich dann die Leute von RT gestellt, was offenbar ein Glücksfall war.

Ein Vertrag bei RT erfordert Mut …

… na ja, wenn man nicht weiß, worauf man sich einlässt, dann ist es nicht mutig. Von mir aus kann man es naiv nennen, aber es war nicht bewusst mutig.

Mut brauchte es dann aber doch spätestens, um sich in einem aufgeheizten, politischen Milieu dauerhaft zu bewegen – was treibt Sie an?

Ich wollte vor allem etwas machen, das nichts mit dem zu tun hatte, was ich vorher an der Uni gelernt hatte – ich habe internationales Management studiert. Ich bereue es nicht, auch wenn es mühsam ist, sich immer rechtfertigen zu müssen. Ich mache meine Arbeit nach bestem Wissen und Gewissen. Ich habe nie mit irgendeiner Absicht etwas in den Raum gestellt, auch wenn ich sicher Fehler gemacht habe, und ich wähle meine Themen komplett selbst und ohne Direktiven aus Moskau. Ich glaube, dieser große geheime Plan, der RT immer vorgeworfen wird – und im gleichen Atemzug mir –, der existiert einfach nicht.

Sie werfen der ARD dasselbe vor, oder?

Was habe ich denn über die ARD gesagt? Dass es Staatsfunk ist, gut. Es gibt einen wesentlichen Unterschied: Jeder weiß, dass RT staatlich finanziert ist. Wir machen keinen Hehl daraus. Jeder weiß, dass man bei uns keinen Lobgesang auf die Nato hören wird. Das ist beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk nicht so. Sie behaupten, dass sie unabhängig sind, aber es stimmt einfach nicht. Wenn sie die „Tagesschau“ einschalten, haben die natürlich eine Agenda. Aber warum sollte ich das kritisieren? Das ist in Ordnung. Ich arbeite ja selbst bei einem Staatssender. Bei uns ist einfach der Absender klar.

Sind Sie nicht in Sorge, das Label von RT als Propagandakanal nie mehr loszuwerden?

Man kann es so sehen, aber es ist ja auch ein Alleinstellungsmerkmal. Gibt es sonst irgendjemanden in Deutschland, der als erste Moderatorin bei RT Deutsch zu sehen war? Das gibt’s nicht zweimal.

Aber Sie hätten Schwierigkeiten, jetzt bei ARD oder ZDF anzufangen, oder nicht?

Es wird immer so getan, als wäre es ein Ritterschlag, bei den Herrschaften vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu arbeiten. Hat mich mal jemand gefragt, ob ich es überhaupt tun würde?

Hat Sie mal jemand gefragt?

Bisher nicht.

Würden Sie es überhaupt tun?

Dem Augenschein nach muss man dort eine bestimmte Haltung haben. Fakten spielen, so kommt es mir zumindest vor, bei bestimmten Formaten keine so eine große Rolle.

Oh, und das ist bei RT anders?

Ich kann nicht für das gesamte RT-Programm reden, genauso wenig wie Dunja Hayali für den gesamten öffentlich-rechtlichen Rundfunk steht. Ich kann über mein Format „Der fehlende Part“ reden, vielleicht noch ein bisschen über RT Deutsch. Dort sind mir die Fakten wichtig.

Wenn Sie sagen, bei den Öffentlich-Rechtlichen geht’s nicht um Fakten …

Nein, das habe ich nicht gesagt. Es ist nur mein Eindruck, dass dort Haltung oft wichtiger ist als das Faktum. Also man muss eine gewisse Einstellung haben bei bestimmten Themen, egal was drum herum passiert. Nehmen wir als Beispiel die Ukraine-Krise. Da war es wichtiger, die Haltung zu wahren: ,Die Europäer haben alles richtig gemacht, der Westen sowieso, und Putin ist der Aggressor.‘ Das war die Haltung, die man haben m u s s t e, egal, was passiert, egal, was für neue Fakten bekannt wurden. Das stört mich massiv, wie ich auch den Begriff ,Haltung‘ sowieso schwierig finde. Er ist so statisch. Dinge verändern sich mit der Zeit, und dann sollte man auch seine Sicht ändern können. Man lernt ja auch dazu.

Glauben Sie, dass Ihre Arbeit die Gesellschaft beeinflusst?

Ich will meine Arbeit nicht abwerten, aber wir sind wirklich ein kleiner Kanal. Es gibt Interviews oder Kommentare mit relevanten Klickzahlen, aber ich glaube, was die Gesellschaft viel mehr beeinflusst, ist, dass die Leute über uns reden. Die Diskussion über uns hat mehr aus uns gemacht, als wir es jemals selbst hätten machen können.

Würden Sie sich als Idealistin bezeichnen?

Die Frage finde ich komisch. Was meinen Sie damit?

Gemeint ist, ob Sie die Gesellschaft verändern wollen im Sinne Ihrer Ideale?

Ich beobachte Dinge, mache Feststellungen und projiziere das in die Zukunft. Mehrheiten im Parlament ändern sich, ob einem das gefällt oder nicht. Dinge ändern sich, ob einem das gefällt oder nicht. Wie sich das auf mein kleines Leben auswirkt, ist im Endeffekt irrelevant. Abseits davon finde ich es auch völlig in Ordnung, dass es ein breites Meinungsspektrum gibt. Meinungen polarisieren, aber sie gehören nun einmal dazu, auch die von anderen. Wenn ich sie darstelle, lernen die Leute vielleicht, damit klarzukommen. Insofern trage ich ein kleines Stück dazu bei, dass die Leute die Spaltung der Gesellschaft überwinden und akzeptieren, dass verschiedene Menschen verschiedene Meinungen haben und dass das auch einfach mal so sein kann. Die ständige Suche nach Konsens hat in Deutschland etwas Pathologisches.

Als Sie bei RT angefangen haben, lag es erst wenige Monate zurück, dass bekannte RT-Gesichter wie Liz Wahl in den USA und Sara Firth in England gekündigt haben, weil sie die eigene Berichterstattung – gerade zum Thema Ukraine – als propagandistisch empfunden haben.

Aber wissen Sie: Das sind zwei. Genauer kenne ich nur einen Fall, den medial inszenierten Ausstieg von Liz Wahl mit ihrem abgelesenen Statement. Die Frau wollte danach ja auch noch irgendwo anders arbeiten, dann muss man eben einen fulminanten Abgang hinlegen. Das war sicher auch sinnvoll aus ihrer Sicht, aber wissen Sie, wie viele andere Leute bei RT noch gekommen und gegangen sind, ohne es in dieser Weise zu inszenieren?

Von anderen Medien hört man jedenfalls nicht so oft, dass Leute aus Gewissensgründen gehen.

Weil RT eine andere Stellung hat. Man muss sich vom „Kreml-Sprachrohr“ distanzieren, um woanders einen Job zu bekommen. Bei anderen Medien ist das nicht nötig.

Das klingt ja fast, als wäre der große Aufschlag auch in Ihrer Karriereplanung schon fest vorgesehen.

Absolut nicht. Ich arbeite seit dreieinhalb Jahren bei RT. Warum soll ich es jetzt plötzlich nicht mehr mit meinem Gewissen vereinbaren können? Das wäre unglaubwürdig. Ich versuche, gute Arbeit zu machen, und dann wird man sehen, was passiert.

In einem Wort: Es hat Sie nicht irritiert, dass Sie bei einem Sender anfangen, der von den eigenen Leuten derart kritisiert wird …

… nein …

… und wenn sich ein öffentlich-rechtlicher Intendant ein provokantes Format überlegt und an Sie herantritt, dann sagen Sie ihm ab …

… das habe ich nicht gesagt, sondern das würde man dann sehen.

Verstanden. Andere Frage: Sie sind jung, hübsch, klug, kleiden sich sexy – werden Sie eigentlich von notorischen Russland-Freunden gestalkt?

Nein, werde ich nicht.

Aber Fans haben Sie schon?

Wenn man Leute als Fans bezeichnet, die einem schreiben oder auf Facebook ein Like hinterlassen, dann ja. Ansonsten habe ich vielleicht zweimal anzügliche Mails bekommen – also solche, die sich im strafbaren Bereich bewegen. Natürlich erreichen mich ab und zu Einladungen zum Kaffee, aber nichts Aufdringliches.

Und anders herum: Gibt es Drohungen?

Auch nicht. Nur ab und an unschöne Begegnungen, einmal im Restaurant, das andere Mal auf einem Straßenfest. Der eine hat sich – ich kann es nicht nachprüfen – als „Journalist mit Ethos“ bezeichnet, und der hat mich vor versammelter Mannschaft zur Schnecke gemacht. Der andere war ein ehemaliger Hauptstadt-Korrespondent, der mich für alle Despoten der Welt verantwortlich gemacht hat. Beide haben genau das getan, was sie mir vorwerfen: intolerante Hassreden geführt. Es gibt Benimmregeln, die sollte man einhalten, egal, für wen man arbeitet.

Grund zur Kritik sehen Sie nicht? Zum Giftanschlag auf Sergej Skripal haben Sie ein Video gebracht …

… das ein paar Fragen aufwirft…

… und zwar vor allem diejenige, warum manche Ermittler am Tatort Atemmasken tragen und andere nicht. Dahinter steckt die Idee, der ganze Anschlag könnte eine Inszenierung sein, und zwar eine so schlampige, dass nicht mal die Schauspieler in der Rolle bleiben.

Ich hatte einen Anruf von einem ehemaligen Feuerwehrmann, der mir erklärt hat: Es ist durchaus üblich, dass es bestimmte Sicherheitszonen gibt und ab einer gewissen Distanz keine Masken mehr verpflichtend sind. Das haben wir als Erklärung hinzugefügt.

Wäre es eine überzogene Erwartung an einen Journalisten, dass er solche Information recherchiert, bevor er publiziert?

Wir werfen Fragen auf und stellen keine Behauptungen in den Raum, anders als der britische Außenminister, der Wladimir Putin persönlich verantwortlich macht. Vorwürfe gegenüber einer ganzen Nation wiegen ja wohl schwerer als Fragen, die wir von RT Deutsch stellen. Ich fände es interessant, wenn dasselbe Engagement, mit dem unsere Positionierungen oder auch Fehler behandelt werden, auch einmal bei anderen Leuten als Maßstab angelegt würde.

Aber Ihr Beitrag verbreitet wider besseres Wissen eine Verschwörungstheorie, oder würden Sie das anders bezeichnen?

Und Großbritannien verbreitet keine Verschwörungstheorie? Das glauben Sie wirklich? Ach, das ist alles immer so mühsam.

Jasmin Kosubek, Jahrgang 1987, moderiert beim deutschen Zweig des russischen Staatssenders RT („Russia Today“) die Sendung „Der fehlende Part“. Das Stream-Format mit Interviews, Reportagen, Kommentaren und Talkgästen erhebt den Anspruch, zu aktuellen politischen Fragen Positionen wiederzugeben, denen in etablierten Medien wenig Raum gegeben wird. Kosubeks Gesprächspartner reichen von unbekannten Außenseitern bis zum deutschen Außenminister. Die Deutsch-Brasilianerin studierte International Business an der Universität Hohenheim und jobbte bei Bosch und anderen Unternehmen, bevor sie Ende 2014 ohne jede Erfahrung als politische Moderatorin bei RT anfing. Kosubek lebt seit 2014 in Berlin. Aufgewachsen ist sie in Stuttgart, wo ihre Eltern sie, wie sie sagt, „urliberal“ erzogen haben – nicht im parteipolitischen Sinne, sondern mit einer Toleranz und Neugier verschiedensten Weltanschauungen und politischen Milieus gegenüber, die es zunächst einmal zu akzeptieren gelte. (ew)


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