Kaufzwang wird zum Glücksfall Museum Wiesbaden zeigt Sammlung Brabant

Von Christian Huther

Farbenfrohe Welt: Die Sammlung Frank Brabants wird im Museum Wiesbaden ausgestellt. Foto: Museum Wiesbaden/Bernd FickertFarbenfrohe Welt: Die Sammlung Frank Brabants wird im Museum Wiesbaden ausgestellt. Foto: Museum Wiesbaden/Bernd Fickert

WIESBADEN. Der Wiesbadener Sammler Frank Brabant wird 80 und stiftet seine 600 Gemälde, Grafiken und Zeichnungen. Nach seinem Tod teilen sich Wiesbaden und Schwerin die Werke. Eine Schau gibt nun einen Vorgeschmack auf das Erbe.

Mit einem Redner fing alles an. Dabei drängt sich Frank Brabant nicht in den Vordergrund. Er ist eher ein stiller Beobachter der Kunstwelt. Doch der „Redner“ von 1918, ein ausdrucksstarker kleiner Holzschnitt eines sich kämpferisch gebenden Mannes von Max Pechstein, war Brabants erste Erwerbung eines Kunstwerks im Jahr 1964. Diesem eher unfreiwilligen Kauf folgten bis heute rund 600 begeisterte Erwerbungen, denn Brabant fand rasch Gefallen an der Kunst.

Vor 54 Jahren aber war Brabant zufällig in die renommierte Frankfurter Kunsthandlung Hanna Bekker vom Rath geraten, wo eine Vernissage mit Werken des Expressionisten Max Pechstein stattfand. Der Neuling Brabant meinte, es herrsche Kaufzwang und wählte Pechsteins „Redner“. Den Preis von 350 D-Mark stotterte er in zwölf Raten ab. Damals kannte Brabant nur populäre Künstler wie Chagall oder Picasso, machte sich danach über Pechstein kundig – und freute sich über den Kauf.

Jetzt hängt das Porträt inmitten von 138 Werken aus Brabants Sammlung im Museum Wiesbaden, das nach dem Tod des bald 80-jährigen Stifters die Hälfte des Kunstschatzes erhalten soll. Die anderen 300 Werke gehen an das Staatliche Museum in Schwerin, wo Brabant 1938 geboren wurde und 20 Jahre später seine Heimat gen Westen verließ. In Wiesbaden machte er sein Glück und verdiente gutes Geld mit Diskotheken, in denen auch Promis wie Udo Jürgens oder Helen Vita ein und aus gingen.

Derweilen sammelte Brabant weiterhin die damals noch erschwingliche Kunst der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, zuerst nur die Expressionisten, später auch die unterschätzte Neue Sachlichkeit. Heute besitzt er Werke von allen wichtigen, aber auch von vielen vergessenen Künstlern dieser Zeit, die in seiner 150-Quadratmeter-Wohnung dicht an dicht hängen. Es ist eine der großen privaten Kunstsammlungen der Klassischen Moderne in Deutschland, die „Von Beckmann bis Jawlensky“ reicht, wie der Ausstellungstitel verrät. Die Schweriner haben einen Teil ihres Konvolutes schon vor einem halben Jahr vorgestellt. Dazu ist ein gemeinsamer Katalog erschienen, der akribisch auflistet, wohin welches Werk geht – beim Blättern scheint es, als seien beide Museen gleich gut weggekommen.

In Wiesbaden könnte das Porträt des zu Unrecht vergessenen Künstlers Ulrich Neujahr zu einem neuen Aushängeschild des Museums werden, meint Roman Zieglgänsberger, der für die Moderne zuständige Kustos. Ulrich Neujahr (1898-1977) malte 1928 eine sehr streng dreinblickende Frau mittleren Alters im schwarzen Kleid und gelben Sommerhut und dahinter eine pralle Landschaft, von der tiefblauen Bucht bis zur üppigen Vegetation. Ein reizvoller Kontrast zwischen der kühlen Schönheit und der warmen Landschaft, geschickt verbunden durch gegenseitig sich ergänzende und steigernde Farben.

Auch wenn die Sammlung Brabant nicht ganz unbekannt ist durch rund 40 Ausstellungen, ist sie doch für Überraschungen gut, wie der Rundgang zeigt. Schon vor einiger Zeit hat Brabant ein Bild dem Museum geschenkt. Es ist ein Glanzpunkt der Sammlung, Alexej von Jawlenskys um 1901 gemaltes Porträt „Helene im spanischen Kostüm“, seinem Hausmädchen, das er später heiratete. Damit konnte das Wiesbadener Haus seinen Bestand an mehr als 90 Gemälden und Grafiken des russischen Künstlers noch erweitern. Die Jawlensky-Kollektion gilt längst als weltweit einzigartig neben einem Museum in Kalifornien.

Freilich hat Brabant nicht immer die teuersten Werke gekauft. Von Max Beckmann etwa kommt künftig ein feines Porträt eines älteren Herrn ins Museum, eine Lithografie von 1921, während die Schweriner ein spät gemaltes Stillleben erhalten. Doch Wiesbaden kann den Expressionismus auch so gut abbilden, Brabants Werke ergänzen und erweitern das nur noch. Anders ist das mit der Neuen Sachlichkeit, die in Wiesbaden bisher schwach vertreten war. Nun kann das Haus künftig mit Otto Dix, Georges Grosz und Rudolf Schlichter aufwarten, aber auch mit Künstlerinnen dieser realistischen und sozialkritischen Stilrichtung wie Elfriede Lohse-Wächtler und Jeanne Mammen. So erweist sich der vermeintliche Kaufzwang über 50 Jahre später als Glücksfall für zwei Museen.

Museum Wiesbaden: Von Beckmann bis Jawlensky. Die Sammlung Frank Brabant. Bis 30. September. Di. und Do. 10-20 Uhr, Mi. und Fr.-So. 10-17 Uhr. Internet: www.museum-wiesbaden.de