Premiere in Düsseldorf Dietrich W. Hilsdorf inszeniert Richard Wagners Oper „Siegfried“ neu

Von Pedro Obiera

Raue Kulisse: Vor dem Cockpit des Kampfhubschraubers agieren Brünnhilde (Linda Watson) und Siegfried (Michael Weinius) in Dietrich W. Hilsdorfs Neuinszenierung von Richard Wagners „Siegfried“. Foto: Hans Jörg MichelRaue Kulisse: Vor dem Cockpit des Kampfhubschraubers agieren Brünnhilde (Linda Watson) und Siegfried (Michael Weinius) in Dietrich W. Hilsdorfs Neuinszenierung von Richard Wagners „Siegfried“. Foto: Hans Jörg Michel

Düsseldorf. Neuinszenierung im Düsseldorfer Opernhaus: Im „Siegfried“, dem dritten und vorletzten Teil seines „Ring“-Mammut-Projekts, bringt Dietrich Hilsdorf Richard Wagners Oper „Siegfried“ auf die Bühne.

Der in Wotans Wohnzimmer gestrandete Kampfhubschrauber am Ende der „Walküre“ deutete bereits an, dass Dietrich W. Hilsdorf seine Werksicht des Nibelungen-Rings als Familien-Saga oder gar als Kammeroper nicht bis zum Ende der gewaltigen Tetralogie durchziehen kann.

Im „Siegfried“, dem dritten und vorletzten Teil des Mammut-Projekts, öffnet Hilsdorf in seiner Neuinszenierung im Düsseldorfer Opernhaus vollends die Werkstore zu einer „Ring“-Deutung, die wenigstens ansatzweise die Schattenseiten der industriellen Revolution und damit die vor Profit, Lieblosigkeit und ökologischer Rücksichtslosigkeit warnenden Botschaften des Werks erkennen lassen.

Das schlägt sich, etwas plakativ, in einer gewaltigen Dampflokomotive nieder, in der sich Fafner mit dem Nibelungenschatz zurückzieht. Gegen die Lok kann freilich auch Siegfrieds Wunderschwert Nothung nicht viel ausrichten. Also sticht er Fafner im Führerhaus ab. Und der gutbürgerliche Salon, der die ersten beiden Teile des „Rings“ beherrschte, erweitert sich im Bühnenbild von Dieter Richter zum Vorhof eines Ringlokschuppens, hinter dessen Mauern Fafner schläft und lauert. Brünnhilde muss ihren Dornröschenschlaf derweil im Cockpit des Kampfhubschraubers absolvieren. Etwas unbequem nicht nur für die Maid, sondern auch für Siegfried, der damit nicht nur mit pubertären Problemen zu kämpfen hat, wenn es um den erlösenden Kuss geht, sondern auch mit praktikablen.

Die Reaktionen des Premieren-Publikums, das teils begeistert jubelte, teils auch vehement gegen Hilsdorfs Inszenierung rebellierte, wirken in beiden Fällen überzogen. Gewiss geht Hilsdorf in den letzten Jahren immer zahmer mit den Stücken um. Das brave, teils stereotype steife Ergebnis stellt Besucher zufrieden, die Hilsdorfs geradlinige Nacherzählung mit ihrem Wiedererkennungswert schätzen, enttäuscht jedoch Opernfreunde, die sich mehr Originalität und szenischen Schwung erhoffen. Dass Hilsdorf das Handwerk der Personenführung beherrscht, ist kein Geheimnis. Das schlägt sich freilich in zu wenigen Höhepunkten nieder wie etwa der Begegnung Wotans mit Erda oder dem Zwist zwischen Wotan und Siegfried.

Auch für die Eskapaden Mimes im ersten Akt und die üblen Launen des jungen Siegfried zeigt Hilsdorf ein sensibles Händchen. Aber Szenen wie das lange Wanderer-„Quiz“ oder die Schmiedelieder im ersten Akt und vor allem die erwachende Liebe zwischen Siegfried und Brünnhilde im Finale präsentieren sich bei Hilsdorf lediglich als steifes Steh- und Sitztheater.

Axel Kober am Pult der Düsseldorfer Symphoniker führt einerseits sehr rasant durch die Partitur, wobei er, nicht sehr sängerfreundlich, die dynamischen Schleusen voll aufdreht und ein raues, alles andere als kultiviert ausgefeiltes Klangbild bietet, drosselt an den ruhigeren Szenen dagegen den Ablauf fast bis zum Stillstand.

Bewundernswert, mit welcher Konditionsstärke Michael Weinius in der Titelpartie diesem Druck standhält und in der Schlussszene die ekstatischen Töne sicherer trifft als die ausgeruhte Linda Watson als Brünnhilde, die jeden Spitzenton zu tief intoniert. Insgesamt kann sich die Besetzung des neuen „Siegfried“ hören lassen.

Neben Michael Weinius glänzt vor allem Cornel Frey als Mime, der die Rolle voll und rund aussingt, ohne es an einer pointierten Charakterisierung der grotesken Figur mangeln zu lassen. Okka von der Damerau gestaltet die kleine Partie der Erda mit samtweichem Wohlklang, Elena Sancho Pereg gelingen die vokalen Höhenflüge des Waldvogels mühelos, Thorsten Grümbel stattet den Fafner mit der nötigen Tiefenschwärze aus, und Simon Neal erweist sich erneut als Wotan mit nobler Stimmkultur. Lediglich Jürgen Linn als Alberich fällt mit unschönen Vokalverfärbungen etwas ab.

Das endgültige Urteil über den neuen „Ring“ der Rheinoper kann erst fallen, wenn der Vorhang nach der „Götterdämmerung“ gefallen ist. Premieren-Datum: 27. Oktober 2018 in Düsseldorf.

Die nächsten Aufführungen im Düsseldorfer Opernhaus: am 22. und 29. April sowie am 6. und 10. Mai. Infos und Ticket hier.