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Die Logik der Demenz Premiere von Florian Zellers „Vater“ im Theater Osnabrück

Von Anne Reinert


Osnabrück. Seine Welt wird zusehends diffuser: Florian Zellers Stück „Vater“ erzählt die Geschichte eines Dementen aus der Sicht des erkrankten André. Im Emma-Theater Osnabrück ist die Umsetzung gelungen.

Es ist beeindruckend und erschreckend zugleich, wie Dietmar Pröll als demenzkranker André zusehends zum hilflosen Kind wird. Wirkt er zunächst noch körperlich stabil und wie ein Mann mitten im Leben, verfällt sein André zusehends in diesen 80 Minuten auf der Bühne. Allein Pröll ist deshalb ein Grund, sich die Inszenierung von Florian Zellers „Vater“ im Emma-Theater anzugucken. Das Stück erzählt die Geschichte einer Demenz aus der Sicht des Betroffenen. Die Welt um ihn herum wird für André immer rätselhafter - und für das Publikum ebenso.

In der ersten Szene sitzt er noch in seiner eigenen Wohnung. Tochter Anna ist bei ihm und erklärt ihm, dass sie von Wien nach Berlin ziehen will, weil sie jemanden kennengelernt hat. Kurz darauf ist die Situation plötzlich ganz anders. André lebt in Annas Wohnung und trifft einen Mann, den er nicht kennt, der sich aber als Annas Mann entpuppt. André erkennt ihn nicht mehr.

Dieses Verwirrspiel zieht sich durchs ganze Stück. Die ein und dieselbe Rolle wird von zwei Schauspielern dargestellt, um zu verdeutlichen, dass sie für den Kranken zu Fremden geworden sind.

Es ist, als gerate André von Szene zu Szene in neue Parallelwelten, in denen sich die Koordinaten verschieben. Annas Partner etwa wird sowohl von Thomas Kienast als auch von Andreas Möckel gespielt. Aber hat Annas überhaupt einen Mann? Mal ist sie verheiratet, mal geschieden. Was stimmt, ist nicht zu erfahren.

Ort, Zeit und Personen folgen im Verlauf des Stücks immer weniger einer linearen Logik. Regisseur Tuğsal Moğul, der auch Arzt ist, treibt diese Verwirrung in seiner Inszenierung auf die Spitze. Überhaupt wird die Logik der Demenz auf allen Ebenen durchgespielt. So besteht Ariane Salzbrunns Bühne unter anderem aus einem schwarzen Vorhang, hinter dem die Menschen aus Andrés Umfeld wie Schemen erscheinen. Deutlich wird auch die Überforderung der Angehörigen. Tochter Anna versucht, alles richtig zu machen, verzweifelt aber zusehends an der Situation. Und Paul fragt André gar, wie lange er noch alle so „verarschen“ wolle.

Nicht nur Dietmar Pröll überzeugt in seiner Rolle. Christina Dom ist ihre Rolle als verzweifelte Tochter, die alles richtig machen will, absolut abzunehmen. Andreas Möckel ist der etwas freundlichere Paul, während Kienasts Paul schon mal übergriffig wird. Elaine Cameron ist als Pflegerin Nadja mal schüchternes Mädchen, mal energisch. Anne Simmering tritt als Anna und Nadja auf, in den Momenten nämlich, in denen André die beiden nicht erkennt.

„Vater“ ist trotz seiner schweren Thematik kein Betroffenheitsstück, sondern ähnelt zuweilen mehr einem Psychothriller, der Rätsel aufgibt, aber keine Auflösung bietet. In Osnabrück ist aus dem schon oft gespieltem Erfolgsstück, das auch am Broadway lief, eine sehenswerte Inszenierung geworden, die Zellers Vorlage neue Facetten hinzufügt.