Zeh würde gern mit Tellkamp sprechen Akademiker-Streit über Migration und Flüchtlinge nimmt Fahrt auf

Meine Nachrichten

Um das Thema Kultur Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Kontroverse Debatte: Uwe Tellkamp (links) und Durs Grünbein diskutieren mit Moderatorin Karin Großmann. Foto: dpaKontroverse Debatte: Uwe Tellkamp (links) und Durs Grünbein diskutieren mit Moderatorin Karin Großmann. Foto: dpa

dpa/epd Berlin/Halle. Der Streit zwischen Anhängern und Gegnern der „Willkommenskultur“ wird jetzt auch im Akademiker-Milieu öffentlich und mit voller Härte ausgetragen. Die sogenannte Erklärung 2018 gegen eine liberale Flüchtlingspolitik erreichte gestern nach Angaben der Initiatoren um die frühere DDR-Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld mehr als 80000 Unterstützer. Unterdessen stieg auch die Zahl derjenigen, die ihren Namen unter eine Art Gegenerklärung mit dem Titel „Unsere Antwort für Demokratie und Menschenrechte“ setzten. Unter ihnen sind viele Autoren, Buchhändler, Übersetzer und Lektoren.

Die Mitte März verfasste „Erklärung 2018“ besteht aus zwei Sätzen: „Mit wachsendem Befremden beobachten wir, wie Deutschland durch die illegale Masseneinwanderung beschädigt wird. Wir solidarisieren uns mit denjenigen, die friedlich dafür demonstrieren, dass die rechtsstaatliche Ordnung an den Grenzen unseres Landes wiederhergestellt wird.“ Zu den Erstunterzeichnern gehören unter anderen der Schriftsteller Uwe Tellkamp, der umstrittene Sachbuchautor Thilo Sarrazin sowie die Publizisten Hendryk M. Broder und Matthias Matussek. Eine entsprechende Petition wollen die Initiatoren demnächst an den Bundestag richten. Darin wird auch die Einsetzung einer Kommission verlangt, die der Bundesregierung Vorschläge für die Asyl- und Migrationspolitik machen soll.

Auch die Gegenerklärung ist knapp gefasst: „Die Menschenrechte enden an keiner Grenze dieser Welt. Wir solidarisieren uns mit allen Menschen, die vor Krieg, Verfolgung und Armut in unserem Land Zuflucht suchen, und wenden uns gegen jede Ausgrenzung.“

Die Schriftstellerin Juli Zeh hat derweil angekündigt, gern ein Gespräch mit Tellkamp führen zu wollen. Sie wolle wissen, was hinter Tellkamps Sorgen um Deutschland stecke, sagte Zeh gestern dem Sender „MDR Kultur“: „Ob es wirklich so ist, dass die in erster Linie auf Irrtümern beruhen, was mein Eindruck ist, oder ob es da Dinge gibt, die ich nicht verstehe.“

Sie glaube, dass Tellkamp angesprochen habe, was repräsentativ für die Gefühle vieler Menschen sei, erklärte die Autorin. „Wenn man das mal ohne Feindseligkeit in Ruhe beleuchten könnte, würden sich die verschiedenen Seiten in der Meinungsdebatte vielleicht auch besser verstehen.“ Zugleich mahnte Zeh zu mehr Sachlichkeit. Der Diskurs über Flüchtlinge und Einwanderung kranke an zu schneller Provokation, in deren Folge Menschen vorschnell in eine rechte Ecke gestellt würden. „Die fühlen sich dann ungerecht behandelt und werden noch aggressiver“, sagte sie. „Das schadet insgesamt der Sachlichkeit des Diskurses.“

Die Erklärung 2018 bezeichnete Zeh als „sehr vage formuliert“. Es werde keine konkrete Forderung gestellt „außer dieser etwas absurden, weil sie der Faktengrundlage entbehrt, nämlich die sogenannte Rechtsstaatlichkeit wiederherzustellen“. Die Unterzeichner seien schlampig mit den Fakten, sagte die promovierte Juristin. Der Begriff „Rechtsstaatlichkeit“ sei falsch, gemeint sei wohl „Rechtmäßigkeit“. Auch werde suggeriert, die Einwanderungswelle 2015 sei illegal gewesen. Das entspreche nicht der Wahrheit, weil die Entscheidung der Bundesregierung im Rahmen des Dublin-Abkommens gewesen sei.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN