Kritik zum Filmstart „Transit“: Flucht als existenzieller Grundzustand

Von Daniel Benedict

Echte Gefühle in einer Ersatzbeziehung: Paula Beer und Franz Rogowski in Christian Petzolds „Transit“. Foto: Piffl MedienEchte Gefühle in einer Ersatzbeziehung: Paula Beer und Franz Rogowski in Christian Petzolds „Transit“. Foto: Piffl Medien

Berlin. Christian Petzold findet in Anna Seghers Exil-Roman „Transit“ die Quintessenz seines eigenen Werks. Auch ohne Preis der Berlinale: Die in Weltkrieg und Gegenwart zugleich angesiedelte Fluchtgeschichte zählt zu den besten deutschen Filmen.

„Transit“: Worum geht‘s in Petzolds Seghers-Verfilmung?

Hitlers Soldaten stehen vor Paris. Georg (Franz Rogowski), ein politischer Flüchtling, schlägt sich von der Hauptstadt nach Marseille durch. Hier ist der Hafen, von dem aus die Schiffe in die Freiheit abfahren. Eine Hoffnung, zumindest für diejenigen, die Papiere vorweisen können. AuchGeorg würde ein Visum die Ausreise nach Mexiko ermöglichen. Auch wenn das Dokument nicht auf ihn ausgestellt ist, sondern auf den Schriftsteller Weidel, der sich aus Angst vor den Nazis das Leben genommen hat. Mit seinen Papieren im Gepäck trifft Georg in Marseille ausgerechnet auf dessen Witwe. Marie (Paula Beer) ahnt nichts vom Tod ihres Mannes; Georg verliebt sich in sie und verschweigt sein Wissen.


Weltkriegsdrama im Marseille von heute

Mit „Transit“ verfilmt Christian Petzold den gleichnamigen Exil-Roman von Anna Seghers. In den Entstehungsjahren 1941/42 behandelte das Buch einen Gegenwartsstoff; und Petzolds auffälligster Kunstgriff ist, dass er es gewissermaßen dabei belässt: Die Handlung ist zwar klar dem Weltkriegseuropa zuzuordnen; Drehort aber ist das heutige Marseille. Über die Verschmelzung der Zeitebenen gelingen dem Film verblüffende Perspektivwechsel: Ein Deutscher beneidet Nordafrikaner um ihre sichere Existenz in Frankreich. Das Mexiko, dessen Migranten Trump hinter einer Mauer einsperren will, wird zum Sehnsuchtsort von Europas Verfolgten. Starke Volten, die nie forciert wirken, weil sie sich aus einer einzigen, schlichten Grundidee ergeben. (Warum das Marseille der Gegenwart? Christian Petzold erklärt seinen Film „Transit“)

„Transit“ ist mehr als ein Kommentar zur Flüchtlingskrise

An der Oberfläche funktioniert „Transit“ damit als Kommentar zur Flüchtlingskrise: Es ist nicht lange her, als wir Europäer die Weltmeere in der Hoffnung auf Asyl überquerten. Petzold formuliert diesen Gedanken am Rande mit; tatsächlich geht es aber weder um politische Statements noch um die realistische Schilderung eines Exils. Im Mittelpunkt des Films steht nicht ohne Grund eine Liebesgeschichte. Der Heimatverlust der Figuren wird hier zugleich als Sturz aus allen Beziehungen beschrieben. Und damit auch als Sturz aus dem Ich: Marie hetzt wie ein Gespenst durch Marseille, immer auf der Suche nach einem Mann, der nie mehr wiederkommen kann. Georg dagegen schlüpft in immer neue Beziehungen, die allesamt nicht die seinen sind: Dem Kind eines verstorbenen Freundes wird er zum Vaterersatz, an Maries Seite übernimmt er die Rolle des Geliebten. Der Transitraum der Hafenstadt ist auch menschlich eine Zwischenwelt, bevölkert von Verwaisten, die ohne Freunde und Verwandte suchende Schattengestalten werden.

„Transit“ – ein Titel für alles von Petzold

Auf der Berlinale hat Christian Petzold sein Werk mit einem Hitchcock-Zitat vorgestellt: Eigentlich könne man nur schlechte Bücher verfilmen. Seghers‘ Exilroman ist seine Ausnahme von dieser Regel. Seit Jahren, berichtet der Regisseur, hat der Stoff ihn beschäftigt. Ein erstes Treatment hatte er noch mit seinem langjährigen Kollegen Harun Farocki (1944-2014) geschrieben, dem der Film nun gewidmet ist. Und tatsächlich wirkt er weniger wie die Aneignung einer fremden Vorlage als wie ein Kompendium der ureigensten Petzold-Themen: In ihrer Phantom-Existenz sind die aktuellen Figuren Verwandte der untergetauchten Terroristen aus „Die innere Sicherheit“ (2000), der weder zur DDR noch zur BRD gehörenden „Barbara“ (2012) oder der Mutter, die sich in „Gespenster“ (2005) nicht von ihrem vermissten Kind lösen kann. Wie in „Toter Mann“ (2002) und in „Wolfsburg“ (2003) werden auch im neuen Film Schuld und Lüge zur Grundlage einer tiefen Beziehung. Und auch diesmal fallen Ich-Verlust und Selbstfindung in eins.

Das Titelwort „Transit“ passt deshalb nicht nur zu diesem Film. Es deckt das Gesamtwerk eines Regisseurs ab, dessen Geschichten immer neue Übergangswelten ausloten: die von Ost und West, Rolle und Identität, von Liebe und Hass und sogar von Leben und Tod. Mit der Seghers-Verfilmung kommen weitere dazu: Den Ort wo Gestern und Heute sich überschneiden hat Petzold nun genauso beschrieben wie die Schnittmenge zwischen seinem Werk und dem der verehrten Autorin.

„Transit“. D 2017. R: Christian Petzold. D: Franz Rogowski, Paula Beer. 101 Minuten, ab 12 Jahren.