Der Liedermacher spricht über sich und 1968 Hannes Wader: „Rebellisch, aber ohne politisches Programm“

Von Ralf Döring


Liedermacher und die 1968er-Bewegung pflegten eine wechselhafte Beziehung. Hannes Wader zum Beispiel ist erst einige Zeit nach 1968 zum politischen Künstler geworden.

Herr Wader, wie haben Sie 1968 die Studentenrevolte und den gesellschaftlichen Umbruch erlebt?

Ich habe das wahrgenommen, aber nichts kapiert – weil es mich nicht so interessiert hat. Was geschah, fand ich interessant und unterhaltend, aber beteiligt habe ich mich nicht. Politik interessierte mich damals nicht. Damit habe ich mich erst später befasst.

Sie waren also kein Teil dieser Bewegung?

Ein bisschen schon. Ostern 68, nach dem Dutschke-Attentat, gab es eine Demonstration gegen Springer und die „Bild“-Zeitung. Sogar ich hatte mitbekommen, wie unglaublich die gehetzt und welche Schweinereien die geschrieben hat. Deshalb habe ich mit meiner damaligen Freundin und späteren ersten Frau an einer Demonstration in der Kochstraße in Berlin beteiligt. Dabei hat uns die Polizei in die Zange genommen und mir die Zähne ausgeschlagen. Noch mal: Ich war vollkommen unpolitisch, aber wir hatten uns spontan entschlossen, an dieser Demo teilzunehmen, weil zu deutlich und offensichtlich war, welche Schweinereien damals von der Presse ausgingen.

Auf Burg Waldeck fanden die ersten Open Air Konzerte in Deutschland statt. Was fällt Ihnen spontan ein, wenn sie daran denken?

Spontan? Spontan ist mir mein Lebtag noch nichts eingefallen; ich bin kein spontaner Mensch, auch wenn ich immer nach Gefühl und nicht nach Überlegung handle. Als die Beatles groß rauskamen, um 1964, hat niemand an Open Airs gedacht; das kam erst später. Die Festivals auf Burg Waldeck gingen auf die Bündische Jugendbewegung zurück, die Pfadfinder und die Wandervögel. Die waren immer Open Air; das war deren Weltanschauung: Fahrtenmesser am Gürtel, Zelt auf dem Buckel und durch die Welt trampen. Für die war ein Leben unter freiem Himmel völlig selbstverständlich.

Waren die Open Airs auf Burg Waldeck politische Veranstaltungen?

Im Ansatz vielleicht schon. Es grummelte ja schon. Das erste Festival war 1964, also vor der Studentenbewegung. Aber die Open Airs haben damals schon Studenten organisiert. Das erzähle ich aber aus zweiter und dritter Hand, weil ich nie bündisch unterwegs war. Ich entstamme dem Land-Proletariat, der Arbeiterklasse, und die Arbeiterklasse hat mit dem Bündischen, mit Wandervogel und Pfadfindern nichts zu tun. Denn das war bürgerlich-intellektuell, kam von den Beamten und Akademikern.

Aber Sie waren dort, am Beginn Ihrer Karriere.

Ja, das war sehr entscheidend für meine spätere Laufbahn.

Wieso?

1966, beim dritten Festival, war ich zum ersten Mal dabei und habe mit meinen zwei, drei Liedern einige Aufmerksamkeit erregt. Da waren ja schon ein paar tausend Leute. Danach nahm es noch an Popularität zu – bis es implodierte. 1969 war das letzte Festival – da war es aber schon sehr zermürbt. Es waren zwar noch drei- oder viertausend Leute da, aber danach war es eben zu Ende.

Woran ist Waldeck gescheitert?

Die radikalen Studenten haben das Festival gesprengt. Die kamen aus allen Ecken angereist und sagten, wenn einer sang, „stell die Gitarre in die Ecke und nimm die Kalaschnikow in die Hand!“ – und dann wurde erst einmal diskutiert.

Welche Rolle spielte denn die Liedermacher-Kultur für die 68er-Bewegung?

Das ist unterschiedlich. Ein Teil der Liedermacher war politisch, der andere nicht. Beide Strömungen hatten aber ihren Platz. Ich gehörte damals, mit Reinhard Mey, zu den unpolitischen. Zu den politischen Kollegen zählten zum Beispiel Franz Josef Degenhardt, Walter Mossmann, Dieter Süverkrüp.

Wo ordnen Sie sich ein?

Ich war damals nicht so dezidiert klassenkämpferisch wie etwa Degenhardt, der sang, „Zwischentöne sind nur Krampf im Klassenkampf“ – das war überhaupt nicht mein Motto. Ich habe mich erst später in meinen Liedern politisch geäußert. Vorher war ich zwar rebellisch und aufmüpfig, aber ohne politisches Programm dahinter.

Auch ohne gesellschaftliche Botschaft?

Vielleicht schon, aber nicht von mir intendiert. Ich wollte mich musikalisch und inhaltlich ausdrücken und die Widersprüche formulieren, die sich aus meinem Leben ergaben.

Sie lebten zu einer Zeit in Berlin, als sich dort eine Folk-Szene gebildet hat. War das vergleichbar der Folk-Szene in New York?

Ich denke ja. Ich war zwar nie in New York, bis auf eine Stunde, die ich auf dem Flughafen rumgestanden habe. Aber von dort kommt alles, mal abgesehen vom Folk der britischen Inseln, der für mich auch prägend war. Was in den USA passierte, mit Joan Baez und Bob Dylan an der Spitze, mit Pete Seeger, das war für mich von größtem Interesse.

Wie präsent war die Musik aus New York in Berlin?

Ich habe das sehr stark wahrgenommen. Reinhard Mey hingegen war mehr an Frankreich orientiert und ist das auch geblieben. Gut, von George Brassens waren wir alle beeinflusst. Aber bei mir hat sich das später verlagert in Richtung Irland, Schottland, England, USA.

Bei Ihnen spielt der Blues eine große Rolle.

Bevor ich Songs schrieb, habe ich in Amateurbands traditionellen Jazz gespielt, und allein dadurch war ich stark bluesorientiert. Damals habe ich noch nicht Gitarre gespielt, sondern Klarinette und Saxofon.

Daher kennen Sie Knut Kiesewetter?

Genau. Später sind wir uns wieder begegnet, weil Kiesewetter sich ganz früh neben dem Jazz für Liedermacher, Singer-Songwriter interessiert hat. Er hat ja auch selbst Lieder geschrieben und gesungen. Deshalb wurde er mein Produzent – er hat mich für die Schallplatte entdeckt.

Und was hat Sie in Richtung Politik geschubst?

In das Fahrwasser bin ich geraten, ohne es zu wollen. Herbst 71 wollte ich von Berlin nach Hamburg ziehen, und hatte in Hamburg schon eine Wohnung gemietet. Den Schlüssel dazu hatte ich einer jungen Frau überlassen, von der ich nicht wusste, dass es sich bei ihr um Gudrun Ensslin handelte. Ich bin dann zu einer letzten Tramp-Tour durch Europa aufgebrochen. Damit wollte ich mich von meinem alten Leben als Geheimtipp, mit der Gitarre auf dem Rücken, verabschieden.

...dieses „Heute hier, morgen dort“-Leben...

Genau! Das habe ich natürlich auf einer anderen Ebene weitergeführt, indem ich Tourneen machte. Aber da spielte ich sehr offiziell und nicht mehr in Kellern und auf der Straße, sondern in großen Hallen. Das ahnte ich, weil damals gerade meine „7 Lieder“-Platte im Kasten war, und ich wusste: Die haut rein, und so war es dann ja auch. Allerdings in doppelter Hinsicht, weil ich gleichzeitig mit dem Erscheinen der Platte nach einem Konzert in Essen verhaftet wurde und daraufhin sofort von den Medien boykottiert wurde.

Danach wäre ein Konzert fast geplatzt, weil eine Radiostation einen Auftritt untersagte, worauf Ihre Freunde wie Reinhard Mey drohten, ebenfalls nicht zu singen.

Das war damals eine Sendung mit Berliner Künstlern. Katja Ebstein war dabei, Schobert und Black, Reinhard Mey, Insterburg und Co. Mir sagten die Veranstalter, „Sie können wieder nach Hause gehen, Sie treten hier nicht auf.“ Daraufhin habe ich Rabatz gemacht. Ingo Insterburg hat das mitbekommen und die Kollegen alarmiert, die dann letztlich durchgesetzt haben, dass ich doch auftreten konnte. Unter anderem aus diesem Grund bin ich heute noch da.

War das so ein Moment, an dem Sie beschlossen, sich politisch zu engagieren?

So eine Saulus-Paulus-Situation, in der mich der Blitzstrahl trifft und ich habe eine Erkenntnis, der ich dann folge – so etwas gab es nicht. Aber ausgelöst hat diese ganze Boykott- und Klage-Situation natürlich schon etwas. Ich habe auch Schwein gehabt: Mir hat der Boykott der Sender zwar geschadet, aber nicht lange. Er beruhte ja auf einer Falschmeldung. Ich habe das alles jetzt noch mal eruiert; damals wollte ich mich mit dem Fall nicht befassen. Das alles war für mich so furchtbar, dass ich damit nichts zu tun haben wollte. Die Presse hat damals geschrieben, ich hätte auf die Frage, wem ich die Schlüssel für meine Hamburger Wohnung gegeben habe, die Aussage verweigert und mich damit verdächtig gemacht. Das hat der Polizeisprecher an die Presse lanciert, und die hat das gedruckt. Dabei war es eine Lüge – aber ich stand als Mittäter der RAF da. Ich hatte alles gesagt, was ich wusste. Das war nicht viel, aber ich habe keineswegs die Aussage verweigert.

Hat es Ihrer Karriere geschadet?

Kurzfristig schon, langfristig wahrscheinlich weniger.

Wie kam dann die Politik in ihr Leben?

In meiner relativen Berühmtheit habe ich mich isoliert gefühlt. Ich bin ein Junge vom Lande, und plötzlich war ich bekannter, als ich eigentlich sein wollte. Sicher wollte ich groß rauskommen, aber es hat einen keiner auf Popularität und Ruhm vorbereitet. All diese Entwicklungen haben mich durcheinander gebracht. Die alten Freunde wollten nichts mehr mit mir zu tun haben: Mir schien, Sie hatten sich im Verhältnis zu mir verändert, sie behaupteten aber, ich hätte mich verändert, weil ich jetzt reich und abgehoben sei. Aus dem Gefühl der Isolation heraus wollte ich irgendwo dazugehören, und da habe ich mich mit den Klassikern des Marxismus beschäftigt. Zunächst habe ich das „Kommunistische Manifest“ gelesen; das hat mich richtig umgehauen. Dann kam eins zum anderen, und 1977 bin ich dann in die DKP eingetreten.

Warum wählten Sie das „Kommunistische Manifest“?

Das kann ich Ihnen nicht sagen.

Zufall?

Ein Zufall kann es nicht sein. Mein alter Freund Degenhardt, den ich immer sehr bewundert habe, war auch in der DKP – ein Doktor der Jurisprudenz, der sich natürlich auch mit den theoretischen und philosophischen Grundlagen des Kommunismus befasst hat. Der wusste alles über den dialektischen Materialismus, und das hat mich interessiert. Das finde ich heute noch sehr faszinierend, obwohl ich kein Kommunist mehr bin.

Aber eben nicht 1968, sondern zehn Jahre später.

Ich bin schon immer ein bisschen spät dran gewesen.

Deshalb konnten Sie auch glücklicherweise so lange auf der Bühne stehen. Wie war es, nach ihrem Abschiedskonzert letzten November von der Bühne zu gehen? Traurig?

Nein. Man begibt sich ja da hinein mit Testosteron, Adrenalin, mit allem, was Sie wollen. Dann ist nur der Moment entscheidend, der Ablauf des Abends. Keine auf die nähere oder weitere Zukunft bezogenen Überlegungen oder Gefühle. Das kam alles später: In den Wochen nach dem Abschiedskonzert habe ich ziemlich gelitten: Ich konnte ich nicht mehr schlafen, hatte Magenschmerzen. Rückenprobleme! Sowas kannte ich vorher gar nicht. Aber nachdem ich Berlin von der Bühne gegangen war, hatte ich die. So reagiert die Seele. Aber jetzt geht es mir wieder gut.

Sie schreiben gerade an ihrer Autobiografie?

Ja. Und die Gitarre will ich auch nicht für immer aus der Hand legen. Tourneen mache ich natürlich keine mehr, aber auftreten würde ich schon gerne mal wieder. Aber nicht in diesem Jahr!


Hannes Wader

Hannes Wader zählt zu den bekanntesten Vertretern der deutschen Liedermacher. 1966 machte er beim Open Air auf der hessischen Burg Waldeck ein breiteres Publikum auf sich aufmerksam. Sein Durchbruch gelang ihm 1972 mit der LP „7 Lieder“; gleichzeitig geriet er ins Visier der Sicherheitsbehörden und der Staatsanwaltschaft, weil sich die RAF-Terroristin Gudrun Ensslin unter falscher Identittät in seiner Wohung aufhielt. 1977 trat Wader in die DKP ein, fünfzehn Jahre später hat er die Partei wieder verlassen. Letzten Novembar hat er sich im Berliner Tempodrom von der Bühne verabschiedet; seit Kurzem ist der Mitschnitt des Abschiedskonzerts erhältlich.