Soderberghs iPhone-Schocker „Unsane“: Low-Budget-Horror gegen die Pharma-Industrie

Von Daniel Benedict


Berlin. Eine Frau wird sich gegen ihren Willen in die Psychiatrie gesperrt: Ist sie wirklich krank oder ein Opfer des Gesundheitssystems? Soderberghs auf dem iPhone gedrehter Low-Budget-Schocker ist die Horror-Antwort auf das Amerika der Opioid-Krise.

Soderberghs „Unsane“ – worum geht‘s?

Die ehrgeizige Bankerin Sawyer leiden unter den Folgen einer Stalking-Erfahrung und sucht therapeutischen Rat. Nach dem Erstgespräch unterschreibt sie achtlos ein Papier, das die Ärztin ihr hinreicht – nicht ahnend, dass sie ihrer Aufnahme in die Geschlossene zustimmt. Als sie den Irrtum erkennt, ist es zu spät: Die Klinikleitung weigert sich, einen Fehler einzugestehen, und hält die junge Frau gegen ihren Willen fest. Ein Albtraum, der sich noch einmal intensiviert, als Sawyer in einem der Pfleger ihren Stalker wiedererkennt. Leidet sie womöglich doch unter Wahnvorstellungen? Oder ist sie, wie einer der anderen Patienten ihr zuraunt, das Opfer eines gewinnsüchtigen Gesundheitsapparats, der sie nun genauso skrupellos seinen Interessen unterwirft wie der zurückgewiesene Liebhaber?

Jetzt aber richtig: Soderberghs zweiter Pharma-Film

„Unsane“ ist nicht der erste Film, in dem Steven Soderbergh die Schrecken der modernen Medizin ausspielt. Vor acht Jahren formulierte sein Thriller „Side Effects“ (2010) eine heftige Anklage gegen die Pharma-Industrie – nur, um sie am Ende lustvoll verpuffen zu lassen: Das vermeintliche Opfer eines Medikamententests entpuppte sich schließlich als Gattenmörderin, die gesamte unter Verdacht geratene Branche war unschuldig, vom Konzernchef bis zum behandelnden Arzt. Mit „Unsane“ nimmt der Regisseur sich nun ein weiteres Mal das Gesundheitssystem vor, aber diesmal ist alles anders: Die Suspense-Raffinesse weicht den groben Schocks des Horrorkinos, die Hochglanzoptik wird durch eine zornige Low-Budget-Ästhetik ersetzt: Soderbergh hat „Unsane“ auf einem iPhone 7 gedreht, laut „Hollywood Reporter“ für insgesamt rund 1,5 Millionen Dollar.

Sein neuer Pharma-Film wirkt damit fast wie eine Selbstkorrektur, und die ist nur allzu begreiflich. Denn auch die Nachrichtenlage ist drastisch: Die massenhafte Verschreibung von Schmerzmitteln hat der amerikanischen Pharma-Industrie hohe Einnahmen eingebracht – und dem Land eine schwere Suchtkrise: Im letzten Jahr starben 64.000 Menschen an einer Überdosis, 16-mal so viel wie 1999. „Unsane“ ist die Antwort auf diese Art des Gewinndenkens.


„Unsane“. USA 2017. R: Steven Soderbergh, D: Claire Foy, Joshua Leonard, Juno Temple, Amy Irving. 98 Minuten, ab 16 Jahren. Deutscher Filmstart am 29. März.