Vor hundert Jahren gestorben Claude Debussy – Vater der musikalischen Moderne

Von Ralf Döring

Neuerer mit Sinn für Ironie: der Komponist Claude Debussy. Foto: imago/LeemageNeuerer mit Sinn für Ironie: der Komponist Claude Debussy. Foto: imago/Leemage

Osnabrück. Am Sonntag jährt sich der hundertste Todestag von Claude Debussy. Ein guter Anlass, sich mal intensiver mit der innovativen, einzigartigen Musik des Franzosen zu befassen.

Die Revolution kommt leise, ohne Pauken und Trompeten. Eine kleine Flötenmelodie öffnet die Tür zur musikalischen Moderne, zu den bizarren, verstörenden, spannenden Klangwelten des 20. Jahrhunderts. Scheinbar beiläufig schwingt sie nach unten und zurück zum Ausgangspunkt, aber in Schrittfolgen, die neu sind, mit ungewöhnlichen Tönen. Pierre Boulez, Mitbegründer der musikalischen Nachkriegs-Avantgarde, hat dazu gesagt: „Man kann sagen, dass die moderne Musik mit ,L’Après-midi d’un Faune‘ beginnt.“ Claude Debussy, der Vater der Neuen Musik? Weiterlesen: „Pelléas et Mélisande“ bei der Ruhrtriennale

Ein Komponist, der aneckt

An diesem Sonntag jährt sich zum einhundertsten Mal der Todestag des am 22. August 1862 in Saint-Germain-en-Laye bei Paris geborenen Komponisten. Bei der Uraufführung seines „Prélude à l’Après-midi d’un Faune“, so der vollständige Titel, am 22. Dezember 1894 hat er bereits eine Reihe von Kompositionen und Erfolgen vorzuweisen, wenngleich er nicht auf ungeteilte Zustimmung des Musikbetriebs stieß. Dabei war er ein Frühentwickler: Bereits 1873, als Elfjähriger, studierte er am Pariser Konservatorium. Das Ziel, Pianist zu werden, gab er auf; stattdessen durfte er als Komponist erste Erfolge verbuchen. Er gewann die höchste Auszeichnung, die ein französischer Komponist zu jener Zeit erringen konnte, den Prix de Rome. Doch den damit verbundenen Aufenthalt in der Villa Medici empfand der junge Debussy nicht unbedingt als fruchtbar. Auch hier eckte der junge Komponist mit seinen unakademischen Klangvorstellungen an.

Schon in frühen Kompositionen beginnt Debussy, Klänge aus den Wenn-dann-Algorithmen der klassischen Harmonielehre zu lösen. Er geht damit weit über das hinaus, was Richard Wagners „Tristan“ anbietet: Das Sehnen dieser Musik und ihre enttäuschten Erwartungen funktionieren nur vor dem Hintergrund einer Hörerfahrung, die harmonische Entwicklungen antizipiert. In der Auflösung dieser Erwartungen hat Wagner das System letztlich noch einmal bestätigt. Weiterlesen: Friedrich Gulda spielt Debussy

Die Tür zum 20. Jahrhundert

Bei Debussy gewinnen Klänge einen neuen Wert, und genau damit stößt er die Tür zum 20. Jahrhundert auf. Das Paradoxe daran: Er verleugnet nicht das über Jahrhunderte gewachsene Tonsystem. Er benötigt auch kein starres Regelwerk wie ein paar Jahre später die Zwölftöner um Arnold Schönberg. Aber er deutet das Bestehende um: Ton um Ton schichtet er übereinander (und wird so nebenbei zu einem wichtigen Impulsgeber für den Jazz) und erzielt damit die schwebende Wirkung seiner Klangsprache. Statt eines musikalischen Befreiungsschlages gleitet er leise hinüber in seine neuen musikalischen Welten. Das geht einher mit einem schwebenden Rhythmus: Wie improvisiert mutet der Beginn des „L’Après-midi“ an, wie befreit von den Zwängen der Taktstriche.

Präzise Tonsprache

Dabei wabern Debussys Verschleierungen keineswegs im Ungefähren. Im Gegenteil: Seine Tonsprache ist präzise kalkuliert. So opulent seine Bilder von Landschaften und Meer wirken mögen, so aufwühlend „La Mer“ auf uns wirkt, so tief er uns in seine „Images“ hineinzieht: Die Wirkung verdankt sich einer akribischen Gestaltung, wie bei den Skulpturen eines Auguste Rodin. Dabei flog Debussy seine Innovationskraft nicht zu, sondern hat konkrete Anknüpfungspunkte: Modest Mussorgsky war ein wichtiger Impulsgeber, der französische Barock, Johann Sebastian Bach und, vielleicht der wichtigste Einfluss im Hinblick auf die Entwicklung seiner Klangsprache: die javanischen Gamelan-Ensembles, die er bei der Weltausstellung in Paris 1889 hörte. Ja, und natürlich übte auch die alles überwölbende Figur der Spätromantik ihren Einfluss auf Debussy aus: Richard Wagner. Allerdings verliert sich die Faszination für den Bayreuther Meister relativ früh, und im letzten Teil seines Klavierzyklus „Children’s Corner“, dem „Golliwogg’s Cake Walk“ reicht es im Mittelteil nur noch für ein ironisches „Tristan“-Zitat. Ja, auch Humor hatte Claude Debussy. Und er verleugnete nie die Nähe zum Salon: Die durchzieht zum Beispiel seine 24 Préludes für Klavier genauso wie die innovative Tonsprache.

Aus seinem Innovationsgeist zieht die einzige vollendete Oper „Pelléas et Mélisande“ ihre Wucht – auch oder gerade weil sie im Prinzip ohne Arien auskommt. Und sein Sinn für Ironie und Spott manifestiert sich etwas in seinem Streichquartett: Das höllisch komplexe Werk ist das einzige in Debussys Œuvre, das er mit einer Opuszahl und einer Tonart bezeichnet hat: Eine Verbeugung vor der Tradition? Wenn, dann eine, die ein ironisches Lächeln begleitet.