Tellkamps Auftritt in Dresden Autor als öffentliche Instanz: Fragwürdiges Rollenkonzept?

Von Dr. Stefan Lüddemann

Dieser Auftritt schlug Wellen: Uwe Tellkamp (links) und Dichter Durs Grünbein mit Moderatorin Karin Großmann in Dresden. Tellkamps Äußerungen zu Flüchtlingen lösten intensive Debatten aus. Foto: dpaDieser Auftritt schlug Wellen: Uwe Tellkamp (links) und Dichter Durs Grünbein mit Moderatorin Karin Großmann in Dresden. Tellkamps Äußerungen zu Flüchtlingen lösten intensive Debatten aus. Foto: dpa

Osnabrück. Der Schriftsteller als Mahner, als öffentliches Gewissen – diese Debatte schien beendet zu sein. Jetzt sollte sie neu geführt werden. Uwe Tellkamp hat in Dresden gezeigt, was ein Autor niemals machen sollte – die Sprache an populistische Reflexe verraten.

Werden wir ihn vermissen, den Autor als moralische Instanz? Der Tod von Günter Grass am 13. April 2015 gab den Anstoß, diese Frage zu diskutieren. Der Schriftsteller als Warner und Mahner – Grass verkörperte diesen Typus so sehr, dass sein Ableben gerade im Hinblick auf die bundesdeutsche Debattenkultur als Epochenbruch verstanden wurde. Dabei gingen die Meinungen über den Autor als öffentlichen Intellektuellen am Beispiel von Grass immer klar auseinander. Die einen feierten den wortgewaltigen Kritiker, die anderen fühlten sich vom penetranten Besserwisser genervt. Der Großschriftsteller als Gewissen der Nation – ist das überhaupt noch zeitgemäß? Hier weiterlesen: Rechte Verlage - Kontroverse auf der Leipziger Buchmesse.

Verstärker für Populisten

Die Debatte um Uwe Tellkamps Dresdner Auftritt am 8. März, der von umstrittenen Äußerungen über Flüchtlinge geprägt war, regt dazu an, über die Rolle von Autoren in der öffentlichen Debatte neu nachzudenken. Tellkamp zeigte, was ein Autor dabei auch sein kann – bloßer Verstärker parteipolitischer Sprachspiele. Der Verfasser des DDR-Epochenromans „Der Turm“ hat nur rechtspopulistische Anklagen wiederholt. Der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen hat dem Schriftsteller jetzt rhetorische Eskalation vorgeworfen. Tellkamp habe die vermeintliche Diskursanalyse „in eine ressentimentgeladene Show verwandelt“, sagte Pörksen der Dresdner „Sächsischen Zeitung“ (Donnerstag). Tellkamp „wollte, manchmal zitternd vor Wut, abrechnen, nicht diskutieren“, so der Forscher. Pörksen trifft den Punkt. Es geht nicht um Tellkamps inhaltliche Haltungen. Wirklich desillusionierend war die Art, wie er die Differenzierungsmöglichkeiten der Sprache an den Vorstellungsjargon der Rechtspopulisten verriet, die mit Vereinfachungen arbeiten. Hier weiterlesen: Flüchtlinge Kompliment für Europa - Autor Arno Geiger im Interview.

Der Umgang mit der Sprache

Was soll einen Autor dazu qualifizieren, als öffentliche Instanz wahrgenommen zu werden? Überlegenes Wissen kann es kaum sein. Die bessere Moral auch nicht. Autoren haben allerdings eine Qualifikation anzubieten, die ihre öffentliche Wortmeldung rechtfertigt. Die liegt in ihrem differenzierenden Umgang mit Sprache. Schriftsteller stehen außerhalb der Sprachspiele der Politiker, außerhalb der Diskurse aus Expertenwelten. Sie schlagen einen anderen Ton an. Und sie horchen Sprachregelungen auf ihre versteckten Widersprüche ab. Umberto Eco musste niemals den Empörten geben, um als Zeitkritiker gehört zu werden. Eco machte Sprache und deren Einflussmöglichkeiten zum Thema und wurde damit selbst einflussreich. Hier weiterlesen: Prekäre Erinnerung - Gedenken fordert Arbeit der Lebenden.

Aus der Filterblase

Wer Sprache und nicht Moral fokussiert, erkennt die beunruhigenden Dimensionen von Tellkamps Auftritt. Denn der Autor verlas eine Litanei von Medienzitaten, die sich anhörte, als käme sie direkt aus der digitalen Filterblase rechter Netzseiten. Er verfiel in den Ton der Abrechnung. Und kopierte die sprachliche Diktion von Pegida. Journalisten haben Tellkamp inzwischen nachgewiesen, dass er es mit der Wahrheit von Fakten nicht allzu genau genommen hat. Tellkamps Vortrag wirkte aber vor allem sprachlich so monoton wie eine Propagandaschleife. Das hat noch mehr schockiert. Ausgerechnet der Autor des „Turm“, jenes weit gespannten und sprachlich ausdifferenziert vermittelten Zeitpanoramas, wirkt nun wie der Gefangene einer winzigen Echokammer. Hier weiterlesen: Kontroverse um Uwe Tellkamp geht weiter.

Nicht im Mainstream

Nein, ein Schriftsteller muss weder einem vermeintlichen linken Mainstream folgen noch die Moralkeule schwingen, um zur öffentlichen Instanz avancieren zu können. Aber er hat als Stimme von individueller Prägung wahrnehmbar zu sein. Er muss die Welt mit seiner Sprache anders erschließen, als es Meinungsmanipulierer tun. Der Schriftsteller als öffentliche Instanz mag nachdenklich stimmen oder polemisieren, aber er hat immer den Raum einer unkorrumpierten Sprache zu öffnen. Darin allein liegt seine Autorität.

Uwe Tellkamp hat keine eigene Sprache gefunden, er hat Reflexe und Ressentiments bedient. Bei Tellkamp verödet Sprache zum Empörungsverstärker. Traurig. Günter Grass mag viele genervt haben. Aber seinen rauen, unverwechselbaren Ton, den hatte er. (Mit dpa)