Album „After The Fall“ Keith Jarretts musikalische Auferstehung

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Zeugnis einer Rückkehr: Keith Jarrett (Mitte) zusammen mit seinen Triopartnern Jack DeJohnette (Schlagzeug, links) und Gary Peacock (Bass). Foto: Patrick HinelyZeugnis einer Rückkehr: Keith Jarrett (Mitte) zusammen mit seinen Triopartnern Jack DeJohnette (Schlagzeug, links) und Gary Peacock (Bass). Foto: Patrick Hinely

Mit einem Konzert in New Jersey hat sich Keith Jarrett 1998 nach langer, schwerer Krankheit zurückgemeldet in der Musikwelt. Jetzt ist der Mitschnitt des Albums erschienen.

Keith Jarrett gilt nicht unbedingt als der Spaßvogel unter den Jazzern. Im Gegenteil: Wegen seiner wütenden Attacken gegen Huster und Handy-Fotografen im Konzert gilt er als ausgesprochen mürrisch. Im Humorlosigkeit zu attestieren wäre indes grundfalsch - man muss sich nur ansehen, wie er im Interview Miles Davies persifliert. Oder anhören, wie er in den Neunzigern eine schwere Krankheit musikalisch aufgearbeitet hat: Zwei Jahre lang hatte ihn das Chronische Erschöpfungssyndrom zur Pause gezwungen, bevor er sich, zusammen mit seinen Triopartnern Gary Peacock (Bass) und Jack DeJohnette, am 14. November 1998 wieder vor Pulikum wagte. Der Mitschnitt ist nun herausgekommen; er trägt den doppeldeutigen Titel „After The Fall“, wobei „Fall“ der Herbst sein könnte - oder eben der Sturz in die Krankheit. Weiterlesen: am 8. Mai 2015 wurde Keith Jarrett 70 Jahre alt

Jarrett in bester Laune

Auch das Eröffnungsstücks spricht für Jarretts Sinn für Ironie: „The Masquarade Is Over“ heißt er, ein Standard aus den späten Dreißigern. Allein, ungeschützt gewissermaßen, eröffnet er den Song – ein typisches Keith-Jarrett-Intro, das Melodie und Harmonik schon mal auf ihre Dehnfähigkeit hin testet. Dann steigen seine Partner ein, und es beginnt ein viertelstündiger Exkurs über Swing, Blues und Balladen. Und spätestens wenn Jarrett zum Basssolo „Cheapers Creepers“ zitiert, glaubt man: Jarrett freut sich über seine musikalische Auferstehung.

Er feiert das mit einem Album, aus dem jede Menge Optimismus spricht: Das gut gelaunte „Doxy“ von Sonny Rollins - sicher einer der fröhlichsten Musiker des Jazz - gehört zur Setlist, eine mitreißende Version von „One For Majid“ und sogar zu einem rockig groovenden „Santa Claus Is Coming To Town“ lässt sich das Trio hinreißen. Und so erfährt man erst durch Keith Jarretts Notiz im Booklet, dass der Pianist selbst das Album als Zeugnis eines künstlerischen Neuanfangs versteht, als ein Erwachen aus der Lethargie, in die ihn die Krankheit gezwungen hat. Beim Hören des Mitschnitts hat er dann offenbar festgestellt, dass das Konzert ganz gut gelungen ist. Weiterlesen: Keith Jarretts Solo-Album „Rio“

Botschaft hinter den Tönen

Vielleicht deutet tatsächlich lediglich ein Moment des Albums darauf hin, dass etwas passiert war mit diesem Musiker, mit dieser Band: Es ist die zupackende Energie, mit der sie sich durch das Great American Songbook spielt –sie steht an diesem Novemberabend im Vordergrund. Das offenbaren Keith Jarretts Soli, aber auch solch druckvollen, gemeinsam erspielten Ereignisse wie der Schluss von „Autumn Leaves“. Jarrett jault und stöhnt dazu wie eh und je, und am Ende kehrt er mit dem einfühlsamen „When I Fall In Love“ seine zärtliche, seine zauberhaft melancholische Seite heraus. „After the Fall“, nach seinem Sturz in die Krankheit, spielt der Keith Jarrett sich wieder zurück in die Welt – das ist die positive Botschaft, die in jedem Ton, in jeder Phrase dieses wunderbaren Albums mitschwingt.


Keith Jarrett, Gary Peacock, Jack DeJohnette: „After The Fall“. 2 CDs, erschienen bei ECM

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