Alle Macht dem Piratenschiff Frankfurter Schirn zeigt aktuelle politische Kunst

Von Christian Huther

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Das fahruntüchtige Piratenschiff sollte Mammutbäume vor dem Fällen schützen. Foto: Norbert Miguletz/Schirn Kunsthalle FrankfurtDas fahruntüchtige Piratenschiff sollte Mammutbäume vor dem Fällen schützen. Foto: Norbert Miguletz/Schirn Kunsthalle Frankfurt

FRANKFURT. Die Frankfurter Kunsthalle Schirn will eine Bestandsaufnahme zur politischen Kunst der Gegenwart liefern. Dafür haben Künstler sehr unterschiedliche Themen gewählt.

Ein irritierendes Schild: „Wahlkabinenmuseum“ steht da in großen Buchstaben drauf, als sei das Wählen schon museal geworden. Tatsächlich stehen gleich im ersten Raum der Frankfurter Schirn Kunsthalle sieben alte Wahlkabinen: die chinesische viel zu wenig abgeschirmt mit Pappe und dünnem Holz, die finnische erlaubt den aufrechten Wahlgang mit diskretem Vorhang. Doch das Schild deutet an, dass es bald keine Wahlkabinen und auch keine Wahlen mehr geben könnte. Denn allerorten sinken die Wahlbeteiligungen, ob es um den Bürgermeister oder um den Bundestag geht. Vielleicht wählen wir künftig mit unserem Smartphone – Wahlgeheimnis ade!

Politische Teilhabe des Bürgers

Also nicht nur reine Nostalgie, die den Belgier Guillaume Bijl im Jahr 2000 dazu gebracht hat, die sieben Kabinen nach Fotos nachzubauen und dann zu musealen Relikten zu erklären. Auch etliche andere der 43 Beiträge in der neuen Schirn-Ausstellung drehen sich um die politische Teilhabe des Bürgers. Es ist „eine Bestandsaufnahme von 23 internationalen Künstlern“, meint Schirn-Chef Philipp Demandt, „denn wir erleben derzeit eine Rückkehr der Kunst ins Politische“. Die Kasseler Documenta 2017 gab sicher das abschreckendste Beispiel für politische Kunst, die viel zu oberlehrerhaft und erklärungsbedürftig war.

Das ist in der Schirn nicht so, dank einer klugen Auswahl der Kuratorin Martina Weinhart. „Power to the People“ lautet der Ausstellungstitel, angelehnt an den eingängigen Song von John Lennon und Yoko Ono aus dem Jahr 1971. Doch das Volk hat auch fast 50 Jahre später noch nicht die Macht übernommen. Vielmehr macht sich allgemeine Politikverdrossenheit breit, unterbrochen durch Protestwellen, vom arabischen Frühling bis zur globalen „Occupy“-Bewegung. Und die Künstler als Seismografen fangen nicht nur Stimmungen ein, sie übernehmen auch „die Aufgaben des Soziologen, Journalisten oder des politischen Agitators“, schreibt der französische Philosoph Jacques Rancière.

Auch schwächere Werke

Das beleuchtet die Schau in vielerlei Hinsicht, sie gibt aber keine Antwort auf die Frage, wie politisch Kunst sein darf. Wenn jemand Videos und Fotos auswertet, um den Tod eines palästinensischen Demonstranten durch israelische Soldaten nachzuweisen – ist das dann Kunst? Oder nur schlichte Datenanalyse? Martina Weinhart erklärt das zur Kunst und stellt den Beitrag von „Forensic Architecture“ aus. Es gibt zweifellos Werke, die künstlerisch mehr überzeugen, auch von Aktivisten.

Andrea Bowers, laut Weinhart „die Ikone der Protestkunst“, gewinnt ihrem Tun sogar eine heitere Note ab. Ihr weibliches Piratenschiff mit großer schwarzer Totenkopf-Flagge ist zwar nicht fahrtüchtig, diente aber als Plattform gegen das Fällen von alten Mammutbäumen in Kalifornien. Und gegenüber kann der Besucher ein T-Shirt mitnehmen, bedruckt mit Rirkrit Tiravanijas Spruch „Freedom cannot be simulated“. Dass man die Freiheit nicht simulieren kann, meint auch Philipp Demandt; für ihn ist sie mehr als nur frei zugängliches Internet. Für die Chinesen aber wäre das schon ein demokratischer Fortschritt.


Schirn Kunsthalle Frankfurt: „Power to the People. Politische Kunst jetzt“. Bis 27. Mai. Di. und Fr.–So. 10–19, Mi./Do. 10–22 Uhr. Internet: www.schirn.de

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