Bayerisch-barock Bayerische Lebenswelten im 20. Jahrhundert

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Die besagten zwei Herren im Anzug: Johan Simons (links) und Peter Brombacher.Foto: X Verleih.Die besagten zwei Herren im Anzug: Johan Simons (links) und Peter Brombacher.Foto: X Verleih.

Osnabrück. Josef Bierbichler inszenierte, schrieb und spielte in der Verfilmung eines eigenen Romans. „Zwei Herren im Anzug“ entpuppt sich als gelungenes Heimatdrama.

Es ist Spätsommer im Jahr 1984, und man spürt, dass der Herbst kommt. Als die letzten Gäste aus dem Festsaal eines Gasthauses verschwinden, bleiben der Hausherr Pankratz und sein Sohn Semi allein zurück. Gerade haben sie Theres, die Ehefrau und Mutter der beiden ( Martina Gedeck), zu Grabe getragen. Die beiden Männer sind allein im Raum.

 

Nun beginnt für sie ein schwieriger, quälender Teil des Abends: Vater und Sohn, die stets ein gespaltenes Verhältnis zueinander hatten, müssen miteinander reden.

 

Pankratz wühlt in einer alten Kiste mit Familienfotos, Erinnerungen tauchen auf. Sie beginnen damit, dass Pankratz (Josef Bierbichler) als Kind erleben musste, wie der Erste Weltkrieg ausbrach, wie später Hitler an die Macht kam, wie er selbst als Soldat an die Ostfront musste. Aber auch, wie Ausgebombte und Flüchtlinge nach dem Krieg Zuflucht in seinem Gasthaus an einem See fanden, wie US-Soldaten Weihnachten mit ihnen feierten, das Wirtschaftswunder erste Traktoren und „Fernsehtruhen“ ins Dorf brachten, aber auch wie Ende der 60er die Studenten in den Städten Unruhen heraufbeschworen.

 

Sein Sohn (Simon Donatz, auch im wirklichen Leben Bierbichlers Sohn), der ebenfalls im Studium Protestler war, erinnert sich ebenfalls. Etwa an die Feindseligkeit seines Vaters, an die qualvollen Jahre in einem Internat, an die bigotten Tanten, an die frömmelnd-fröselnde Atmosphäre in der Kirche. Schließlich gelangt längst Verdrängtes an die Oberfläche, Verschüttetes kommt an die Oberfläche.

 

Eine Vater-Sohn Geschichte. Aber auch ein Heimatfilm über wichtige Ereignisse im Leben einer oberbayerischen Familie – sowohl privat wie geschichtlich. Es gibt es immer wieder Umbrüche, Schicksalsschläge: Zusammen schildern sie so etwas wie den „Roman eines Jahrhunderts“.

 

Wobei der Film der Film auf einem Drehbuch von Josef Bierbichler, der dazu als Vorlage wiederum seinen eigenen Roman „Mittelreich“ benutzte. Einige autobiographische Elemente dürften sich darin ebenfalls finden , hat Hauptdarsteller Bierbichler doch auch privat eine Gastwirtschaft am Starnberger See, die wie eine Blaupause für die Seewirtschaft im Buch/Film wirkt.

 

Dabei steht in seiner Erzählung Barockes neben Kargen, Surreales neben dem profanen Alltag. Irgendwo angesiedelt zwischen dem Erzählfluss eines Edgar Reitz und dessen brillanter „Heimat“-Reihe (auch hier wechseln Farbe und Schwarz-Weiß oft ab), mit mitunter Grass ‚schen „Blechtrommel“ -Elementen versehen und dialektgefärbt, wirkt „Zwei Herren im Anzug“ wie ein geschichtliches und Geschichten erzählendes Gesamtkunstwerk, das viel über die alte Bundesrepublik sowie das Deutsche Reich, aber auch Bayern aussagt.

 

So sehr, dass allerdings mancher Dialog oberhalb des Weißwurstäquators durchaus übersetzungswürdig scheint. Vor allem, wenn im Wirtshaus diskutiert und in der Küche getratscht wird. Was jedoch auch viel zur Authentizität der Atmosphäre beiträgt.

 

Und geradezu souverän zeigt Bierbichler, der ja früher oft mit dem bayerischen Querdenker Herbert Achternbusch („Das Gespenst“, „Der Neger Erwin“) zusammenarbeitet hat, wie sehr sich Erinnerungen verklären, ja traumhaft wirken. Oder auch wie konkret sie erscheinen mögen.

 

Da steht die Himmelfahrt einer alten Dienstmagd neben schlimmen soldatischen Erlebnissen, das fast traumhafte Alleinsein auf einer treibenden Eisscholle wechselt da ab mit der Hausschlachtung eines Schweines.

 

Filmische Heimatdichtung, aber jenseits von Verklärtheit oder Kitsch: „Zwei Herren im Anzug“ wirkt gerade in seinem manchmal traumhaften Ton, zu dem sich sogar Arien aus Wagner-Opern gesellen, recht authentisch. Wenn auch weniger im realistischen, so doch im künstlerischen Sinne.

 

„Zwei Herren im Anzug“ von Josef Bierbichler wechselt zwischen farbigen und schwarz-weiß-Sequenzen. Foto: X Verleih

Ein Film, der manchen Zuschauer verwirren mag. Aber gerade darum im stromlinienförmigen Einerlei hiesiger Kinofilme positiv heraussticht.


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