Margot Robbie als Tonya Harding „I, Tonya“: Sport-Skandal als White-Trash-Tragikomödie

Von Daniel Benedict


Berlin. Nach dem Attentat auf ihre Konkurrentin wurde die Eiskunstläuferin Tonya Harding lebenslänglich gesperrt. „I, Tonya“ erzählt einen der größten Sportskandale aller Zeiten als absurde Komödie nach.

„I, Tonya“: Wer ist Tonya Harding?

Der dreifache Axel gilt als schwierigster Sprung im Eiskunstlauf. Nur eine Handvoll Frauen hat ihn bisher gestanden; die erste Amerikanerin, der es gelang, war Tonya Harding. Erinnert wird sie allerdings nicht für ihre Rekorde, sondern wegen ihrer Verwicklung in einen der größten Sportskandale: 1994 bezahlte Hardings Ehemann Jeff Gillooly einen Komplizen dafür, ihre Konkurrentin Nancy Kerrigan wettkampfunfähig zu schlagen. Die Männer gingen ins Gefängnis; Harding blieb lebenslang gesperrt.

Die echten Kontrahentinnen: Tonya Harding (links) und Nancy Kerrigan während des Trainings am 17. Februar 1994 in der Eishalle von Hamar/Norwegen. Foto: Andreas Altwein/dpa

Gewalt als Alltag: die Schläge vor dem Attentat

Das Attentat wurde zum Medienereignis, und der Olympische Wettkampf, bei dem Harding und Kerrigan kurz danach doch noch gegeneinander antraten, erreichte eine der höchsten Quoten des US-Fernsehens. Die Presse machte Harding zur Eishexe; Regisseur Craig Gillespie setzt dem jetzt die absurde Komödie „I, Tonya“ entgegen. Von einer Rehabilitierung ist der Film zwar weit entfernt; aber er macht doch deutlich: Hinter dem radikalen Verstoß gegen die Fairness steht eine Frau, die selbst nie fair behandelt wurde: Ungebildet und mittellos wächst Tonya Harding bei einer Mutter auf, deren Zuwendung im manipulativen und gewalttätigen Drill besteht. Als Kind muss Tonya trainieren, bis sie ins Trikot pinkelt; nach der Jugendlichen wirft die Mutter im Streit ein Messer. In der Ehe setzen die Übergriffe sich fort, nun mit dem Mann als Gegner. Im Attentat gipfelt also eine Gewalt, die für Harding schon immer zum Alltag gehörte.


„I, Tonya“: Das Publikum ist der Schuldige

Wer wie oft gegen wen zuschlägt, lässt der Film offen; so wie er auch in der Frage, auf wen der Anschlagsplan zurückgeht, mindestens drei Versionen anbietet. Gillespie erzählt, wie eine Einblendung feststellt, seine hochironische Geschichte „auf Grundlage gänzlich ironiefreier und massiv widersprüchlicher Interviews mit Tonya Harding“. Auf der Leinwand wird die Recherche zum Stilmittel: Regelmäßig kommentieren die Figuren sich selbst – mal in (reinszenierten) Interview-Sequenzen, mal direkt aus der Szene heraus. „Ich habe nie auf meinen Mann geschossen“, sagt Tonya beispielsweise in die Kamera, gerade als sie die Schrotflinte noch einmal nachlädt. Die direkte Ansprache ist lustig und unbequem zugleich. Denn wenn es nach der Tonya des Films geht, ist der Hauptschuldige der ganzen Affäre das Publikum selbst: „Es war, als wäre ich noch einmal misshandelt worden“, sagt sie über ihre Erfahrungen mit den Boulevardmedien. „Von euch allen.“

Die Tragödie unter dem Witz

Mit einer Mischung aus Empathie und schallendem Gelächter zelebriert „I, Tonya“ das Chaos einer White-Trash-Karriere. Die virtuose Albernheit setzt den Film vom Pathos klassischer Sportlerbiografien ab. Tatsächlich scheint die Standarddramaturgie hier auch gar nicht aufzugehen. Üblicherweise wird der Sport schließlich als rettender Ausweg aus schwierigen Verhältnissen geschildert; Harding aber erlebt das Gegenteil: Ihre elitäre Sportart bestraft die proletarische Herkunft mit Punktabzug. „Wir wollen das Bild einer gesunden Familie vermitteln, wird Tonya mitgeteilt. Ein geprügeltes Mädchen, das eigenhändig Hasen häutet, bevor sie sich eine Pelzjacke nähen kann, passt nicht ins Weltbild des Verbands.

An der Oberfläche ist „I, Tonya“ ein ungeheuer komischer Film, der besonders in den männlichen Nebenfiguren die Grenze zur Deppenkarikatur berührt. Hinter den Pointen erzählt er die Geschichte eines tragischen Scheiterns, und das mit großem Differenzierungsvermögen: Zuneigung und Gewalt, Stärke und Erniedrigung, Sieg und Niederlage – all das geht hier in einem existenziellen Chaos ständig ineinander über. Im Zentrum steht dabei die genau beobachtete Mutter-Tochter-Beziehung zweier Frauen, wie man sie im Kino viel zu selten sieht: intelligent, aggressiv und von einer kaltblütigen Entscheidungslust. Margot Robbie wurde als Tonya für den Oscar nominiert; Allison Janney hat ihn als Mutter sogar gewonnen.

„I, Tonya“. USA 2017. R: Craig Gillespie. D: Margot Robbie, Sebastian Stan, Allison Janney, Julianne Nicholson, Paul Ealter Hauser, Bobby Cannavale. 119 Minuten. Ab 12 Jahren.