Romane von Angelika Klüssendorf und Peter Stamm In welcher Version meines Lebens bin ich gerade?

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Leipzig. Gibt es das eine Gefühl, das zwei Menschen aneinanderbindet? Oder kommt es auf die Version an, die sich Mann und Frau von ihrer Zweisamkeit erzählen? Neue Romane von Angelika Klüssendorf und Peter Stamm behandeln das Thema.

„Am liebsten bist du mir, wenn du keine Rolle spielst, sagte ich. Ich sah sie tatsächlich nicht gern auf der Bühne, vielleicht, weil ich nicht sehen wollte, dass sie auch eine ganz andere sein konnte, dass unsere Liebe nicht die einzige Möglichkeit war, die in ihr steckte.“ Ein Schriftsteller und eine Schauspielerin leben ihre Liebe. Aber was ist echtes Gefühl, was ist bloße Rolle? Peter Stamm schickt in seinem neuen Roman „Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt“ seine Protagonisten auf eine Reise durch die Doppelbödigkeit von Lebensentwürfen. Angelika Klüssendorf legt mit „Jahre später“ einen thematisch verwandten, formal allerdings ganz anders konzipierten Roman vor. Beide Werke gehören zu den am meisten diskutierten Romanen der gerade zu Ende gegangenen Leipziger Buchmesse. Hier weiterlesen: Wie Lesungen Bücher zu Events machen - eine Tour über die Leipziger Buchmesse.

Beziehungen sind Geschichten

Beziehungen sind keine Zustände, sie sind Geschichten, von denen es unterschiedliche Versionen geben kann. Aber welche Version gibt Menschen einen verlässlichen Boden? Stamm und Klüssendorf zeigen in ihren Romanen auf, wie sehr Beziehungen und mit ihnen Gefühle dynamisch verstanden werden müssen. Sie sind nicht einfach gegeben, sie bedürfen einer Beglaubigung durch jene Erzählung, die zwei Liebespartner miteinander teilen. Das hört sich weniger romantisch als vielmehr sehr analytisch an. Genauso verhält es sich auch in den beiden Büchern. Angelika Klüssendorf schließt in „Jahre später“ ihre Trilogie um die junge Frau April ab. Nach „Das Mädchen“ (2011) und „April“ (2014), beide Bücher standen auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis, erzählt sie nun Aprils Geschichte weiter. Die Frau gerät an Ludwig, einen Arzt, und jeder Leser merkt sofort: Diese Geschichte geht für April nicht gut aus. Hier weiterlesen: Leipziger Buchmesse stellt Europa auf den Prüfstand.

Liebe lebt durch die Sprache

Liebe lebt mit und durch die gemeinsame Sprache, die ihr zwei Partner geben. „Ludwig schreibt ihr täglich, nennt sie sein Mädchen.“ Er liest ihr aus Geschichten von Truman Capote vor, schiebt ihre Vorliebe für zarte Naturgedichte von Johannes Bobrowski beiseite. In der Rangelei um literarische Vorlieben zeigt sich, worum es hier geht – nicht um eine behutsame Annäherung, sondern um die barsche Landnahme auf einen Schlag.

Dominanter Partner

Peter Stamm legt die Thematik noch komplexer an. Klüssendorf schaut aus Aprils Perspektive auf die Beziehung mit Ludwig, jenem Mann, der sich die junge April erst regelrecht aneignet, ihr dann im Alltag der Beziehung aber kaum noch etwas zu sagen hat. Stamms Protagonist, der Schriftsteller, lädt die 20 Jahre jüngere Magdalena zu langen Spaziergängen ein und erzählt ihr die Geschichte von der Liebesbeziehung zu einer Frau gleichen Namens und von dem Roman, den er über diese Liebe schrieb. Stamm lässt Christof und Magdalena meist nachts wandern, durch Landschaften, über Friedhöfe. Und er verschachtelt die Perspektiven von Lebensentwürfen und ihren Geschichten wie in einem Spiegelkabinett. Er begegnet sogar einem vermeintlichen Doppelgänger, der die Lebensgeschichte des Autors noch einmal zu leben scheint. Gibt es eine Liebe, die sich wiederholt? Folgen Menschen in ihrem Leben dem immer gleichen Plan oder gibt es Abweichungen? Stamm schickt seine Figuren auf eine Reise durch verschachtelte Selbstentwürfe. Hier weiterlesen: Leipziger Buchmesse - wie umgehen mit rechten Verlagen.

Neuer Lebensplan

In diesen beiden Romanen wird nicht einfach von der Liebe erzählt. Beide Romane zeigen, wie sehr Zuneigung und Beziehung überhaupt davon leben, dass sie erzählt werden. Wer erzählt, der entwirft einen neuen Lebensplan und gibt zugleich der Erinnerung seine ausformulierte Version. Liebe kann nicht einfach nur gefühlt werden, sie wird auch sprachlich erzeugt. Dieses Motiv umkreisen Stamm wie Klüssendorf.

Kein gutes Ende

Es muss nicht eigens betont werden, dass beide Romane kein gutes Ende haben. April muss nach einem unbarmherzigen Rosenkrieg, den Ludwig ihr geliefert hat, mühsam wieder auf die Beine kommen. Und Peter Stamms Schriftsteller begegnet am Ende Männern in einem Heim, die auf das Sterben warten. Mit jedem von ihnen wird eine Lebensgeschichte verschwinden. Erst im Tod hat das unabschließbare Spiel der Lebensversionen ein Ende. Ist das finale Eintauchen in das Nichts die einzige Lösung? Das Leben hat niemals nur einen Plan. Es geht nur darum, auf Alternativen klar zu antworten. Mit Entscheidungen. Hier weiterlesen: Hat das Lesen noch eine Zukunft? Eine Umfrage auf der Buchmesse.


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