Buchmesse: „Leipzig liest“ Die Stimme zum Roman: Lesungen machen aus Büchern Events

Von Dr. Stefan Lüddemann


Leipzig. Literarische Lesungen boomen. Mit dem Format ist die Literatur in der Eventgesellschaft angekommen. Was ist das Geheimnis der Lesung? Eine Reportage von der Leipziger Buchmesse, die sich mit dem Slogan „Leipzig liest“ als Publikumsfest der Literatur inszeniert.

„Manchmal weiß ich nicht, welcher Bahnhof das gerade ist, an dem ich ausgestiegen bin“. Angelika Klüssendorf wirkt eine Sekunde lang ratlos. Dann fängt sie sich. Denn diesen Ort verwechselt man nicht. Vom Intercity bis zur literarischen Lesung sind es im Leipziger Hauptbahnhof nur ein paar Schritte. Die Schriftstellerin überquert die Passage vor den Gleisen des Kopfbahnhofes und tritt in die Buchhandlung Ludwig ein. Die lädt zur „Ladies Night“ in den historischen Speisesaal. Eine Front hoch aufragender Sprossenfenster, Türen so groß wie Portale, unter der Decke monströse Lüster – Angelika Klüssendorf wirkt in dieser pompösen Gründerzeitkulisse fast ein wenig verloren, als sie auf das Lesepodium zugeht, ihren Roman „Jahre später“ unter dem Arm. Einen Abend lang lesen sie und weitere Autorinnen. Der Saal ist brechend voll. Hier weiterlesen: Leipziger Buchmesse stellt Europa auf den Prüfstand.

Literaturfest für alle

„Leipzig liest“: Fast 3000 Lesungen an über 500 Orten in der ganzen Stadt – der Marathon der Lesungen verwandelt die Handelsmesse Jahr für Jahr in ein Literaturfest für das große Publikum. Julia Lücke, Sprecherin der Buchmesse, schwärmt vom „größten Lesefest Europas“ als „wahrem Publikumsmagneten“. Die Superlative haben ihren guten Grund. Die Lesung, lange ein Nischenphänomen für ein paar unentwegte Liebhaber, gehört seit Jahren zu den boomenden Kulturformaten. Die Leipziger Buchmesse, im Vergleich mit ihrer großen Frankfurter Schwester nur der zweite Platz für den Handel mit Buchlizenzen, profiliert sich mit Lesungen als Event. Ob Bestsellerrakete Jojo Moyes im splendiden Kupfersaal, Clemens J. Setz in der heimeligen Kulturapotheke oder prominente Gäste von Bernhard Schlink bis Felicitas Hoppe auf dem Blauen Sofa in der lichten Glashalle der Messe – Lesungen infiltrieren die ganze Stadt, verwandeln die Schrift der Bücher in ein Wirrwarr Tausender lebendiger Stimmen. Hier weiterlesen: Leipziger Buchmesse - wie umgehen mit rechten Verlagen.

Vor vollem Saal

„Ich lese einfach sehr gern, bin neugierig auf das Publikum“, erzählt Angelika Klüssendorf, während sich rings umher der historische Speisesaal füllt. Vor allem Frauen sind es, die auf Bistrostühlen Platz nehmen. Die Leute von der Buchhandlung tragen weitere Stühle in den Saal. Rund 60 Lesungen hat Klüssendorf seit Erscheinen ihres neuen Buches schon jetzt absolviert. Richtig fertig sei sie manchmal von den Reisen, sagt die Autorin, eine Frau mit brünettem Kurzhaarschnitt, die zum Pullover ein geschlungenes Halstuch trägt. „Aber ich brauche einfach das Geld“, gibt sie ganz offen zu. Hier weiterlesen: Erich Kästners Kriegstagebuch in neuer Ausgabe.

Stars füllen die Hallen

Auch gut etablierte Autorinnen und Autoren leben zu einem guten Teil von den Honoraren, die sie für Lesungen erhalten. „Man schätzt den Anteil auf fast 75 Prozent. Nur ein Viertel seiner Einkünfte erzielt ein Autor über Buchverkäufe“, ordnet Michael Serrer, Leiter des Literaturbüros Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf, das Thema ein. Die Lesung boomt nach Einschätzung des Literaturvermittlers nicht ohne Grund. „Literatur taugt inzwischen zum Event“, sieht Serrer das Buch in der Erlebnisgesellschaft angekommen. Die Lesung vor Publikum statt der einsamen Lektüre daheim – der Umgang mit Büchern hat sich verändert. Allerdings teilt sich nach Serrers Einschätzung das Feld der Autoren dabei radikal. „Es gibt die Stars, die Hallen füllen, und die Newcomer, zu denen keiner kommt“, beschreibt Serrer die Lage. Auf jeden Fall zählt das Erlebnis. „Der Autor ist auch Medium. Dadurch werden fiktive Texte zu einer Art gelebter Wirklichkeit“, analysiert Kulturwissenschaftlerin Susan Esmann. Hier weiterlesen: Angela Merkel beklagt mangelnde Lesefähigkeit der Deutschen.

Die Erzählung lebt

Angelika Klüssendorf führt bei der „Ladies Night“ vor, wie das geht. Sie hat am Pult Platz genommen. Im kleinen Lichtkegel einer Tischlampe hebt sich ihr Profil von der Leere des Raumes ab. Die großen Lüster sind herabgedimmt. Der vorhin noch so präsente Saal verschwimmt in diffusem Halbdunkel. Die Zuhörer sitzen zurückgelehnt, den Kopf in die Hand gestützt. Dann erhebt Angelika Klüssendorf ihre Stimme. Sie liest das erste Kapitel aus „Jahre später“, in dem eine Frau namens April eine Beziehung mit einem dominanten Mann eingeht. Alle merken gleich: Diese Geschichte geht nicht gut aus. Aber das ist jetzt nicht wichtig. Denn die Stimme der Autorin gewinnt ihr eigenes Leben, zeichnet den Rhythmus fein fließender Sätze in den weiten Raum. Die Erzählung selbst lebt. Und für eine ganze Weile scheint es so, als käme ihre hörbare Stimme aus fernem Nirgendwo. Hier weiterlesen: Hat das Lesen noch eine Zukunft? Eine Umfrage auf der Buchmesse.

Anderes Literaturerlebnis

Andere Autoren erleben das auch so. „Mit der Lesung wird der Text zum Leben erweckt“, sagt Autor Peter Stamm im Gespräch. Stamm absolviert hundert Lesungen im Jahr. Er sieht das Format als Option für ein anderes Erlebnis der Literatur. Und als Einkommensquelle für Autoren. Die Lesung sei die „Existenzgrundlage der deutschen Literatur“, meint Stamm. Die Lesung biete die Möglichkeit, in einen Text hineinzuhören, sagt ergänzend Arno Geiger. Er nehme mit der Lesung Abschied von dem fertigen Buch. Hier weiterlesen: Flüchtlinge Kompliment für Europa - Autor Arno Geiger im Interview.

Der Arzt und das Gedicht

Angelika Klüssendorf plaudert nach Ende der Lesung mit Besuchern, signiert Bücher. Wer zur Lesung kommt, nutzt die Chance, einer Autorin oder einem Autor nahe zu sein. Auch das gehört zum Format. Nun ist die Performance vorüber. Klüssendorf sieht mit einem Mal ein wenig abgekämpft aus. Sie nimmt ihre Tasche, geht mit ihrer Verlagsagentin hinaus auf die Passage vor den Bahngleisen. Aber eine Erinnerung arbeitet noch in ihr. Bevor sie davongeht, dreht sie sich noch einmal um und erzählt ihr persönlichstes Erlebnis auf einer Lesung. „Ein Arzt hatte ein Gedicht aufgehoben, das ich ihm einmal gewidmet hatte. Nach Jahren kam er bei einer Lesung auf mich zu und zeigte es mir“, sagt sie und fügt an: „Ich glaube, er war Herzspezialist.“ Für einen schwebenden Moment klingt das so, als meinte Angelika Klüssendorf mit dem Herzen mehr als nur ein Körperorgan.