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Neuübersetzungen haben Hochkonjunktur Klassiker als Neuheit: Auflagenerfolge mit texttreuen Übersetzungen

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Ob Hanser, Diogenes, Rowohlt, Insel, Manesse oder andere: Viele Literaturverlage bringen wieder regelmäßiger Klassiker der Weltliteratur in einer Neuübersetzung heraus. Foto: Egmont SeilerOb Hanser, Diogenes, Rowohlt, Insel, Manesse oder andere: Viele Literaturverlage bringen wieder regelmäßiger Klassiker der Weltliteratur in einer Neuübersetzung heraus. Foto: Egmont Seiler

Osnabrück. Dostojewski, Cechov, Hemingway, Joyce, Faulkner, Dumas, Stendhal oder Flaubert: Klassiker der Weltliteratur in hochwertig gestalteten Bänden haben seit ein paar Jahren wieder Hochkonjunktur auf dem Buchmarkt. Dahinter stecken Literaturverlage, die es mit niveauvollen Neuübersetzungen schaffen, Klassiker wieder als Neuheit zu verkaufen.

Lederstrumpf? Ist das nicht ein Abenteuerroman für Jugendliche? Karen Lauers gerade erschienene neue Übersetzung von James Fenimore Coopers „Der letzte Mohikaner“ (1826) soll zeigen, dass er auch ein Klassiker für Erwachsene ist: „Es ist ein oft verkanntes Buch“, sagt Wolfgang Matz, Lektor beim Hanser Verlag, dabei sei es „ein Roman, der am Anfang der amerikanischen Literatur steht.“

Bestseller mit Tolstoi

Der Münchner Verlag hat den Trend, Literaturklassiker – vornehmlich aus dem 19. Jahrhundert – neu übersetzt auf den Buchmarkt zu bringen, vor Jahren angestoßen: ab 1999 zunächst mit einzelnen Bänden wie Alessandro Manzonis „Die Brautleute“, übersetzt von Burkhart Kroeber, oder Stendhals „Rot und Schwarz“ von Elisabeth Edl. Seit 2006 erscheinen zwei Titel pro Jahr in aufwendiger Gestaltung mitsamt einem umfangreichen Anhang in der Klassiker-Reihe des Hauses. Zum Bestseller avancierte dabei Rosemarie Tietzes neue Übertragung von Lew Tolstois „Anna Karenina“ mit 30000 verkauften Exemplaren: Für einen Klassiker sei dies extrem viel, weiß Matz, vor allem bei einem Buchpreis von 39,90 Euro. Von verhältnismäßig hohen Verkaufszahlen in diesem Bereich berichtet auch der Klassiker-Verlag Manesse: Die gebundene Ausgabe von Thomas Wolfe „Die Party bei den Jacks“ von Susanne Höbel gehört dort mit bisher 15000 Exemplaren zum Bestseller unter den Neuübersetzungen. Ein Grund für diese „Renaissance“ der neu übersetzten Klassiker sieht Manesse-Verlagsleiter Horst Lauinger darin, „dass gerade in Zeiten, da kulturelle Traditionen im Schwinden begriffen sind, das Bedürfnis nach Selbstvergewisserung wächst“.

Die wiederbelebte Faszination für Klassiker der Weltliteratur hat vor allem auch mit ihrer Präsentation im neuen Gewand zu tun. Hinter dem Zauberwort „neu“ steckt ein Übersetzungsansatz, der sich seit den 80er-Jahren durchgesetzt hat.

Unsichtbarer Übersetzer

Das Ziel ist es, dem Sprachstil des Originals so nah wie möglich zu kommen: „Übersetzer machen sich heute die Arbeit schwerer als früher, weil sie – im besten Fall – die stilistischen Eigenheiten eines Autors respektieren. Gleichzeitig schaffen sie einen deutschen Text, der auch als deutscher Text künstlerisch besteht“, sagt die Übersetzerin Elisabeth Edl. Aber: Es gebe nur sehr wenige Übersetzer, die das könnten, berichtet Lektor Matz und meint: „Der wirklich gute Übersetzer ist derjenige, der unsichtbar bleibt. Ich will wissen, wie der Stil des Autors ist und nicht des Übersetzers.“

Es sei ein großer Vorzug, sagt Horst Lauinger, „wenn man dem Publikum vermitteln kann: ‚Mit dieser Neuausgabe hast du die Möglichkeit einer völlig neuen Sichtweise, ja einer grundlegenden Neubewertung eines Klassikers. Da bekommst du etwas geboten, was es über Jahre und Jahrzehnte hinweg nicht in dieser Texttreue gab‘.“ In diesem Sinne will der Verlag aktuell mit Andrea Otts Neuübersetzung des Romans „Öl“! den amerikanischen Autor Upton Sinclair hierzulande wieder zu neuer Aufmerksamkeit verhelfen.

Manesse, bekannt für die kleinen Bände der Reihe Bibliothek der Weltliteratur, ist 2009 mit Thomas Wolfes „Schau heimwärts, Engel!“ erstmals mit einer Neuübersetzung im Großformat auf den Markt gegangen. Damals habe man aus einer Not eine Tugend gemacht: Im Kleinformat wäre daraus eine 1000-seitige „Backsteinoptik“ geworden, erzählt Lauinger „einen solchen Band will keiner mehr in die Hand nehmen.“ Die für den Verlag neue Form, die wie eine Erstveröffentlichung aussieht, habe sich „sehr vielversprechend“ entwickelt, sagt der Verlagsleiter. Die moderne Optik verschafft den Klassikern in vielen Buchhandlungen auch einen repräsentativen Platz auf dem Büchertisch neben anderen Neuerscheinungen. Teilweise sei sie auch Türöffner für neue Buchhandlungen gewesen, „die früher Manesse-Bände ablehnten, weil sie ihnen ‚zu elitär‘ aussahen, und im Großformat erscheinen sie ihnen nun attraktiver, leichter vermittelbar“.

Kehrseite eines Trends

Den Trend, dass Neuübersetzungen „immer gezielter als Novitäten inszeniert werden“, sieht Lauinger durchaus zweischneidig: Die Kehrseite sei, „dass genau das passiert, was man von Gegenwarts-Novitäten kennt: Ein Buch ist ein, höchstens zwei Jahre im Gespräch und verschwindet dann in der Versenkung. Früher haben Klassikerneuübersetzungen dazu geführt, dass wir unsere Ausgaben über Jahre und Jahrzehnte hinweg kontinuierlich gut weiterverkauft haben. Das ist dramatisch rückläufig.“

Vom Klassiker-Boom profitieren aber nicht alle Autoren, berichtet Lauinger: „Die deutsche Literatur des 19. Jahrhunderts ist gerade im freien Fall nach unten. Ich habe vor zehn, fünfzehn Jahren von einem Raabe, von einem Eichendorff in unseren Bibliotheksausgaben noch 1000 bis 1200 Stück im Jahr verkauft, inzwischen sind es gerade noch 200 oder 300 Exemplare.“


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