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Perfektion im Detail Übersetzerin Elisabeth Edl:„Bei Flaubert gibt es keine Wiederholungen“

Übersetzerin Elisabeth Edl.

            

              Foto: Klaus LindemannÜbersetzerin Elisabeth Edl. Foto: Klaus Lindemann

Osnabrück. Gustave Flauberts berühmter Ehebruchs-Roman „Madame Bovary“ (1857) wurde bereits 27-mal ins Deutsche übertragen. Die mehrfach ausgezeichnete Übersetzerin Elisabeth Edl hat der Klassiker-Edition des Hanser-Verlags nun eine weitere hinzufügt. Welchen Ansatz sie dabei verfolgte und auf welche Schwierigkeiten sie stieß, erzählt sie im Interview.

Warum sollte man im 21. Jahrhundert Flauberts „Madame Bovary“ lesen?

Weil es ein großartiges Buch ist. „Madame Bovary“ ist ein stilistisch vollkommenes Buch, wie es Flaubert gewollt hat. Natürlich sagt man sich heute: Ehebruchsgeschichten sind doch etwas völliges Banales! Das interessiert doch keinen mehr. Wenn sich ein Autor für dieses Thema entscheidet, würde er es ganz anders schreiben. Ich denke da an den Roman „Alles über Sally“ von Arno Geiger aus dem Jahr 2010. So schreibt man heutzutage eine Ehebruchsgeschichte: Mit einer sehr starken Frau, die sich selbstverständlich nicht umbringt, sondern ihr Leben vergnügt weiterlebt.

Worin sehen Sie die Modernität in dem Roman?

Einerseits in Flauberts Detailarbeit. Er hat gesagt: Jeder Prosasatz, also jeder Satz eines Romans muss so perfekt sein wie der Vers in einem Gedicht. Es muss alles stimmen: von der Wortwahl zum Rhythmus bis zur Satzmelodie. Dementsprechend hat er wie ein Berserker fünf Jahre an diesem Roman gearbeitet, der ja nicht wahnsinnig lang ist. Anderseits ist es nicht nur die Perfektion im Detail, sondern auch in der Konstruktion der Geschichte, in der Ausgewogenheit der Teile. Man weiß durch Briefe, dass er den Roman sehr genau entworfen hat. Er hatte genaue Pläne, in welcher Szene welche Figuren auftreten müssen, wie lang eine Szene sein darf, was in der Szene passieren muss.

Wie sieht Ihre Übersetzungsarbeit aus: Nehmen Sie das Original und übersetzen es in eine zeitgenössische deutsche Sprache?

Ich gehe natürlich vom Original aus. Eine Neuübersetzung heißt aber nicht, dass ich das Buch in heutiges gesprochenes Deutsch übersetze. Ich glaube, dass meine „Madame Bovary“-Übersetzung so auch schon vor 50 oder 100 Jahren hätte gemacht werden können. Ich verwende keine Wörter, keine Wendungen im Deutschen, die nicht schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts üblich waren. Das heißt, es ist keine moderne Sprache, aber auch keine altertümelnde Sprache. Es ist ein Deutsch, wie man es ohne Weiteres Mitte des 19. Jahrhunderts hätte finden können.

Was ist dann Ihr Ansatz?

Ich habe den Roman neu übersetzt, weil mir bei den alten Übersetzungen tatsächlich diese Arbeit am Satzrhythmus, an der Satzmelodie und auch bei der detailgenauen Aufmerksamkeit in der Übersetzung gefehlt hat. Bei Flaubert gibt es beispielsweise keine Wiederholungen. In der berühmten Fiaker-Szene, in der Emma und Leon durch Rouen fahren, gibt es unheimlich viele Verben der Bewegung, aber nicht zehnmal das Wort ‚fahren‘, sondern jedes Mal ein anderes Verb. In früheren Übersetzungen steht aber zehnmal das Wort ,fahren‘. Das hätte Flaubert nie so geschrieben. Wenn er irgendwo eine Wort- oder klangliche Wiederholung entdeckt hat, dann ist er wahnsinnig geworden. Das sind solche Stellen, wo man bei anderen Übersetzungen nicht genug darauf geachtet hat. Aber: Alte Übersetzung heißt nicht unbedingt schlechte Übersetzung und neue Übersetzung nicht unbedingt gute Übersetzung.

Gibt es ein Beispiel, wo sie sich bei dieser Übersetzung gequält haben?

Das gibt es viele Beispiele. Das Problem ist im Allgemeinen die Satzkonstruktion. Flaubert baut in einzelnen Sätzen, aber auch in längeren Passagen, Absätzen oder gegen Ende eines Kapitels eine Spannung auf. Am Ende kommt dann ein Clou, irgendetwas besonders Wichtiges. Das ist dann meistens ein Substantiv. Das ist viel leichter in der französischen Sprache zu schreiben als in der deutschen. Der deutsche Satzbau hat die verflixte Eigenschaft, dass bei einem Nebensatz das Verb nach hinten rutscht. Im schlimmeren Fall hat man ein Hilfsverb, im schlimmsten Fall ein nachklapperndes Präfix am Ende. Dann ist diese ganze schöne Konstruktion beim Teufel. Man muss eben so lange an dem Satz arbeiten, bis man es auch im Deutschen hinkriegt.

Was braucht ein guter Übersetzer?

Es sind nicht nur die Fremdsprachenkenntnisse, sondern auch die Art und Weise, wie man mit der eigenen Sprache umgeht. Wenn ich ein gewisses Unbehagen bei einer Übersetzung spüre, dann liegt es am Deutschen. Man merkt heute oft, dass die Übersetzer zwar eine gute Fremdsprachenausbildung haben, aber eher die eigene Sprache vernachlässigen. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren die Übersetzer noch sehr vertraut mit der deutschen Sprache, das war damals eine Selbstverständlichkeit. Vielleicht hat sich da bereits etwas in der Nachkriegszeit verändert. Man erkennt auch sehr schnell, an der mehr erklärenden Art und Weise, wenn die Übersetzungen aus den 50er- oder 60er-Jahren stammen.

Was ist das Charakteristische an der gegenwärtigen Übersetzungsarbeit?

Übersetzer machen sich heute die Arbeit schwerer als früher, weil sie - im besten Fall - die stilistischen Eigenheiten eines Autors respektieren. Gleichzeitig schaffen sie einen deutschen Text, der auch als deutscher Text künstlerisch besteht. Das heißt, man nimmt sich nicht die Freiheit, nur ungefähr den Stil zu übersetzen, sondern man hält sich skrupulös an die Macken, Tücken, Eigenheiten, Charakteristika des Textes.

Gibt es einen Unterschied beim Übersetzen eines zeitgenössischen Werks und eines Klassikers?

Da ist natürlich ein Unterschied, weil man bei den Übersetzungen von Klassikern Vorgänger hat, und an diesen misst man sich. Diesen Vergleich hat man nicht, wenn man ein Werk erstmals ins Deutsche überträgt. Wenn man zwei oder drei Übersetzungen nebeneinander legt, erkennt man, welche Spielräume es gibt.

Gustav Flaubert: „Madame Bovary“. Übersetzung von Elisabeth Edl. Hanser Verlag, 760 Seiten, 34,90 Euro.


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