Zwischen Realität und Bühne „Spieltriebe“ Osnabrück: Die Leiter im Interview


ch.A./dö Osnabrück. „Total real“ lautet das Motto der „Spieltriebe 5“. Im Interview erklären die Festivalleiter Katja Lillih Leinenweber, Hilko Eilts und Ralf Waldschmidt, was es damit auf sich hat.

Nach der Lektüre der „Spieltriebe“-Stücktexte entsteht das Gefühl, Theater und Realität seien überraschend nah beieinander, zumindest sowohl was Stoffe als auch was Erzählweisen angeht. Wie verhalten sich denn beide zueinander?

Waldschmidt: Sie stehen in einem Wechselverhältnis. In den letzten Jahren erleben wir, dass Theater und Realität sich gegenseitig immer intensiver bespiegeln; das versuchen wir mit den „Spieltrieben“ zuzuspitzen. Die ganze politische Landschaft ist beispielsweise zur absoluten Theaterlandschaft geworden, und ich glaube, dass beide Sphären gar nicht mehr ohneeinander auskommen. Gleichzeitig haben wir als Theatermacher das Gefühl, dass wir unser Verhältnis zur Realität definieren müssen, weil wir von der Realität völlig vereinnahmt werden. Das Eigentliche von Theater und Kunst ist zumindest teilweise verloren gegangen und muss sich neu formulieren.

Eilts: Seit Beginn der Neunziger ist die Zahl der Uraufführungen an deutschen Theatern unglaublich in die Höhe geschnellt, von etwa 160 pro Spielzeit auf über 500 in der Spielzeit 2011/12. Das zeigt, wie dringend das Bedürfnis der Theater geworden ist, sich Realitäten anzunähern, sie abzuhorchen, ihnen nahezukommen – nicht über den Umweg der Klassiker, sondern über Texte, die aus dem Hier und Heute für das Hier und Heute geschrieben worden sind. Und zwar von jungen Autoren, ästhetisch der heutigen Zeit angemessen. Der zweite Aspekt ist, dass sich die Situation der Theater verändert hat – auch die ökonomische. Theater produzieren mit immer weniger Personal einen immer größeren Output. Und das ist symptomatisch für das, was in anderen Bereichen der Gesellschaft stattfindet, egal ob in der Wissenschaft, in der freien Meinungsbildung, also der Presse, oder in der Kunst. Insofern versuchen wir mit „Total real“ ästhetische und theatrale Tendenzen aufzugreifen und gleichzeitig ein Thema, das von gesamtgesellschaftlicher Relevanz ist.

Aber in Johannes Schrettles neuem Stück „Die Kunden werden unruhig“ herrscht ein auktorialer, distanzierter Erzählstil, der die Figuren nicht mehr selbst sprechen lässt, der zudem unmittelbare Realität simuliert. Das ist doch so gewollt und nicht einem Schauspielermangel geschuldet?

Waldschmidt: Es geht darum, dass Arbeitswelt und Theater sich völlig vermischt haben und man als Arbeitnehmer mindestens drei Rollen gleichzeitig spielen muss – ein inhaltlicher Aspekt, der gleichzeitig ästhetisches Prinzip wird.

Leinenweber: Es geht in diesem Fall auch einher mit der Wahl des Ortes: dem Bürogebäude von (der Spedition, d.Red.) Hellmann. Dieses Unternehmen hat einen Speicher nach den Kriterien des New Working umgebaut: Offene Räume, keine Büros mehr, alles ist gläsern und transparent – da verschwimmen die Grenzen zwischen dem privaten und dem beruflichen Dasein.

Waldschmidt: Es gibt also keine Sekunde mehr, in der man nicht eine Rolle spielt, denn es gibt keine Rückzugsmöglichkeit mehr. Das ruft gewiss eine Art von Produktivität hervor, hat auf der anderen Seite aber auch Konsequenzen für das Bild von sich selbst und den anderen.

Leinenweber: Als Gegenpol dazu haben wir das Atelier Trieb. Dort baut Volker Johannes Trieb seit 27 Jahren eine ganz eigene Welt auf, die mit Möglichkeiten und Aspekten des täglichen Lebens spielt – und mit Legenden, die man um einen Ort ranken kann.

Die Realität hält auf vielen verschiedenen Wegen Einzug auf die Bühnen. Welche Spielformen erleben wir beim Festival?

Eilts: Wir haben einmal die unmittelbaren Formen, etwa beim Jugendclub, wo Darsteller auf der Bühne agieren, die zwar viel Theater machen, aber natürlich Laien bleiben – eine sehr unmittelbare Form. Sehr viel artifizieller ist das Live-Hörspiel „Club d’Europe“. Aber gleichzeitig enthält auch das sehr viel Realität, weil zum Beispiel in Interviews mit Osnabrückern deren Haltung zu Europa erfragt wurde. Dieses Material fließt in den Plot ein, ebenso wie die Recherchen von Autor Carsten Golbeck: Eine Gruppe von Menschen macht sich auf nach Brüssel, um die Idee eines Europa als freies Zusammenwirken von Völkern vor den Übergriffen durch die Wirtschaft und der Multi-Konzerne zu schützen.

Leinenweber: Dieses Format erlaubt zudem, tagespolitisches Geschehen einzuflechten...

Eilts: ...und über Improvisation das Publikum einzubeziehen, auf eine ganz andere Art von Realität, nämlich zwischen Schauspielern und Zuschauern, einzuweben. Schließlich gehört in diesen Zusammenhang auch „Die Götterdämmerung in Wien“ von Alexander Kluge. Dieser Text behauptet zunächst eine ganz dokumentarische Form, löst sich aber allmählich auf, und die Fiktionalität des scheinbar Dokumentarischen wird sichtbar. Gleichzeitig weiß man aber auch: Dieses wahnwitzige Projekt, das Kluge beschreibt, nämlich die „Götterdämmerung“ im zerstörten Wien in verschiedenen Bunkern aufzuführen und hinterher zusammenzuschneiden, entspricht dem nationalsozialistischen Wahn. Der spektakuläre Ort – ein ehemaliger Bunker – sorgt schließlich auf einer weiteren Ebene für die Durchdringung von Realität und Fiktionalität.

Bietet das Festival auch für das Theater die Chance, sein Verhältnis zur Realität neu auszuloten?

Eilts: Klar. Die „Spieltriebe“ sind auch immer ein Realitätstest, ein Härtetest. Die Frage, wie realitätstauglich ist Theater eigentlich, ergibt sich da fast zwangsläufig. Auch das Theater ist ja bestimmten Standardisierungen unterworfen – etwa der Versammlungsstättenverordnung, die uns zwingt, bestimmte Dinge zu tun und andere zu lassen. Wie flexibel sind wir, andere Orte zu bespielen? Wie beweglich sind wir noch, wie unbeweglich werden wir gemacht? Für mich persönlich hinterfragt das Festival auch immer unsere tägliche Arbeit.

Ein produktiver Elchtest also?

Eilts: Ja! Es wird eben ausgelotet, wann etwas kippt, was überhaupt möglich ist. Das ist ja Teil dieser Auseinandersetzung, die aber das Theater – und auch mich persönlich weiterbringt.

Die letzten Spieltriebe knüpften an die Anschläge vom 11. September an und waren allein dadurch „Total real“. Suchen Sie solche Verbindungslinien über die einzelnen Festivals hinweg, oder ergeben die sich eher zufällig?

Waldschmidt: Vor zwei Jahren standen wir vor der Aufgabe, das Format „Spieltriebe“ neu zu erfinden und damit für die Zukunft zu sichern. Das Prinzip der Spieltriebe eins bis drei, Ur- und Zweitaufführungen, schließlich deutsche Erstaufführungen aufs Programm zu setzen, hätte sich irgendwann erschöpft. Deswegen ist für uns klar: Wir werden immer ein Thema haben, ein „reales“ mit politischem Anspruch, das uns interessiert und das auch trägt. Wir wissen jetzt noch nicht, was wir bei den „Spieltrieben 6“ machen; bestimmt werden wir für das nächste Festival in der eingeschlagenen Richtung weiter diskutieren. Aber gleichzeitig muss immer die Chance bestehen, etwas völlig Neues zu machen. „Total real 2“ wird es sicher nicht geben.


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