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„Zwischen den Zeiten“: Osnabrücker Kunsthalle versammelt vier Künstlerinnen und Künstler zum Thema der Rückschau Von fern leuchtet das Bild der Erinnerung

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Osnabrück. Ja, es ist ein menschlicher Körper, der da aus feuerrotem Farbwirbel auftaucht. Er neigt sich vornüber, als wollte er wie bei einem Höllensturz gleich wieder in der blaugrünen Gischt verschwinden, die von unten her aufbrandet. Michael Schmeichel führt auf seiner großen Bildtafel vor, wie das Leben zwischen Erscheinen und Verschwinden für einen nun in der Malerei konservierten Wimpernschlag feste Kontur gewinnen und sofort wieder verlieren kann.

Was ein Gemälde zur gelungenen Arbeit macht, kann für ein ganzes Ausstellungskonzept hingegen zur Hypothek werden. Unter dem Titel „Zwischen den Zeiten“ versammelt die Osnabrücker Kunsthalle insgesamt rund 35 Gemälde, Objekte und Installationen von vier Künstlerinnen und Künstlern, die das Thema der Erinnerung und Zeitenwende behandeln sollen. Die ausgestellten Werke entsprechen diesem inhaltlichen Anliegen manchmal mehr und allzu oft weniger. Das Ausstellungskonzept nimmt sich deshalb zuweilen so aus, wie sich bei diesem Thema nur die Motive der Exponate darbieten dürfen – eher unscharf.

Zeitgenössische Kunst gruppiert sich schon lange nicht mehr nach Stilen oder Richtungen. An ihre Stelle sind „Positionen“ getreten. Jeder Künstler ist eine Insel, jedes Werk eine Monade für sich. Aus diesen Bausteinen muss sich der Betrachter nun auch in der Kunsthalle rekonstruieren, was jene Generationenerfahrung sein könnte, welche die zwischen 1971 und 1978 geborenen Ausstellungsteilnehmer eint. Wer vom Gemälde zur Installation schaut, vom Objekt zur Skulptur blickt, der findet eine gemeinsame Neigung zu nostalgisch verhangener Rückschau. Private Erinnerung überlagert dabei klar das historische Gedächtnis.

Nur der in Polen geborene Gregor Gaida wagt sich an die große Geste der Zeitgeschichte heran, wenn er Fotografien von historischen Augenblicken als Vorlagen für seine barock ausladenden Plastiken heranzieht. Jener Rotarmist, der 1945 die Sowjetfahne auf dem Reichstagsgebäude hisste, kehrt nun als Figurentrias wieder. Der wehende Mantel der Geschichte produziert dabei reichlich Faltenwurf, zu viel vielleicht, um eine präzise künstlerische Aussage möglich zu machen. Bloßes Material erdrückt mit seiner Präsenz zuweilen Konzept und Idee: In diese Falle geht auch die Französin Hermine Anthoine, die Objekte aus Haus und Hof zu Monumenten der Erinnerung reiht. Das kann gelingen, wie bei den Metallwerkzeugen, deren Verwendungszweck hinfällig geworden ist und die nun als bloße Form neue Gegenwärtigkeit gewinnen. Doch was fangen wir mit Räumen an, die mit Pendeln von Kuckucksuhren oder zu Paaren angeordneten Sensenblättern angefüllt sind? Außer dem schnell verglühten Witz von Werktiteln bleibt da nicht viel.

Doch für diese Ausstellung gilt gegen alle Kunsttrends: Die Maler machen es. Der schon erwähnte Michael Schmeichel erkundet mit Strukturen frei wuchernder Geflechte oder schemenhaften Figuren den leeren Bildraum. Seine Bilder wirken wie Expeditionen in ein fremd gewordenes Leben. Das fasziniert, passt aber auch in beliebig viele Ausstellungskonzepte.

Die besten Exponate kommen eindeutig von Miriam Vlaming. Mit Bildern wie „Sippschaft“ oder „Herrschaften“ zitiert sie den Look verblichener Fotografien. Auf ihren Bildern sind Menschen zu Schatten eingesunken. Man weiß nicht, was in diesen Szenerien Wirklichkeit ist, was nur zufälliger Farb- und Lichtreflex. Vlaming zeigt Erinnerung überzeugend als inneres, stets gefährdetes Bild. Nicht nur deshalb bilden ihre Werke das Zentrum dieser Ausstellung.

Osnabrück, Kunsthalle Dominikanerkirche: Zwischen den Zeiten. Eröffnung: Sonntag, 22. Januar, 11.30 Uhr. Bis 25. März. Di. 13–18 Uhr, Mi. 11–18 Uhr, Do. 11–20 Uhr, Fr. 11–18 Uhr, Sa., So. 10–18 Uhr. www.osnabrueck.de/kunsthalle


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